mich, Du Kind?
O, wesshalb willst Du das wissen? versetzte die Baronin. Es hiesse ja nur einen Irrtum eingestehen, und seiner Irrtümer hat man sich zu schämen!
Der Caplan wünschte diese Unterhaltung nicht weiter fortsetzen zu lassen, weil er wusste, wie leicht die Eitelkeit des Freiherrn zu kränken und wie sehr er dann geneigt war, das Unschuldigste zu missdeuten. Er nahm also die letzten Worte Angelika's auf und sagte: In solch scherzhaften Dingen ist das Eingestehen oder Verschweigen eines Irrtums an und für sich etwas ganz Gleichgültiges, bei ernstaften Anlässen ist es aber ein Anderes. Einen Irrtum vor Anderen eingestehen, heisst erst, ihn förmlich von sich abtun, ihn förmlich überwinden; denn das gesprochene Wort hat eine loslösende und befreiende Kraft. Ein Irrtum, den Sie schweigend und ohne Eingeständniss an einen Andern in sich bekämpfen, bleibt immer noch mit Ihnen im ausschliesslichen Zusammenhange, bleibt immer noch Ihr Irrtum. Sobald Sie ihn aber vor einem Andern ausgesprochen haben und dieser Unbeteiligte Ihnen in der erkenntnis und Beurteilung Ihres Irrtums beistimmt, so ist eine Rückkehr in denselben Irrtum für Sie nicht mehr leicht möglich, wenn Sie eine solche nicht absichtlich ausführen wollen, was doch zu den Seltenheiten gehört.
Gewiss, sagte der Baron; auf diese Wahrheit von der befreienden Kraft des Wortes gründet sich die Taktik aller der Menschen, welche sich vor Andern ihrer Fehler anklagen, weil sie sich dadurch auf eine bequeme Weise ihres sie drückenden Bewusstseins zu entäussern hoffen.
Alles Vertrauen überhaupt, bemerkte der Geistliche, lässt sich auf die jedem Menschen bewusst oder unbewusst innewohnende überzeugung von der befreienden Kraft des gesprochenen Wortes zurückführen; und als komme ihm das zufällig in den Sinn, fügte er noch hinzu: Darauf beruht ja auch die erlösende Kraft der beichte in unserer Kirche, welche der Protestantismus ohne alle Kenntniss des menschlichen Herzens, ohne Mitleid für den Schuldbeladenen, den Bedrückten und den Irrenden, einem abstracten Princip, dem Misstrauen gegen die Gewalt und den Einfluss der Geistlichkeit, zum Opfer gebracht hat.
Er ging aber auch über diese Aeusserung schnell hinweg, denn er wusste, dass ein sicher gestreutes Samenkorn, wenn es auf den rechten Boden fällt, seine Frucht trägt; und es war ihm daher unlieb, dass der Baron sich mit diesen Erörterungen nicht genügen liess, sondern noch einmal auf den Ausgangspunkt der Unterhaltung zurückkam und nun bestimmt die Frage tat: was seine Frau für ein Abmahnen gegen ihn gefühlt habe.
Sie wehrte sich abermals, es zu bekennen, und erst als er mit Bitten und mit scherzendem Zureden in sie drang, sagte sie: Es war, als ich Dich zum ersten Male sah, von irgend welchen eben geschehenen Wundern die Rede, deren Wahrheit Du aufrecht erhieltest; ich konnte mir nun gar nicht denken, dass ein Mann wie Du an Wunder zu glauben vermöge, und ....
Und? fragte der Freiherr.
Und so hielt ich Dich halbwegs für einen Heuchler, ohne begreifen zu können, wesshalb Du heucheln solltest! sagte sie schnell, als wolle sie damit fertig sein.
Sie hatte erwartet, einen Scherz oder einen Tadel zur Antwort zu bekommen, aber keines von beiden traf zu. Der Baron blieb ernstaft und ruhig und fragte nur, was sie unter dem Worte Wunder verstanden haben wolle.
Nun, zum Beispiel jene auf der Erde wahrnehmbare Fortdauer der Verstorbenen, sagte Angelika, von welcher man auch bei Frau von Uttbrecht als von einer Tatsache zu reden liebt, und an die man doch nicht im Ernste glauben kann.
Du irrst, sprach der Freiherr mit grosser Bestimmteit, und es ist also, wie ich sehe, noch ein wesentlicher Ueberzeugungssatz zwischen uns unaufgeklärt, was mir wirklich leid ist. Ich glaube an die wahrnehmbare Fortdauer der Geschiedenen so gewiss, als ich an die Unsterblichkeit unserer Seele und an unsere persönliche Fortdauer nach dem tod glaube. Nur ein unlogischer Kopf, so dünkt mich, kann auf den Einfall geraten, dass eine Wesenheit, die sich von ihrem ersten Keime an in strenger Folgerichtigkeit zur Individualität entwickelt, plötzlich und mit Einem Schlage als Individualität zu sein aufhören könne. Abgesehen aber davon, so hat ja Christus uns die persönliche Fortdauer, ja die Auferstehung des Fleisches verheissen, und der Caplan wird Dir nachweisen können, dass in alter und neuer Zeit bevorzugte Menschen der unwiderleglichsten Offenbarungen, Ermahnungen und Tröstungen durch das erscheinen Verstorbener gewürdigt worden sind.
An der Unsterblichkeit unserer Seele zweifle ich gewiss nicht! beteuerte Angelika, eingeschüchtert durch den Ernst des Freiherrn. Ihr protestantisches Bewusstsein liess sich jedoch so leicht nicht zur Ruhe bringen, und wenn auch zaghaft, fragte sie dennoch: was haben aber die Geistererscheinungen mit unserer Unsterblichkeit gemein?
Der Baron blickte sie an, als komme ihm eine solche Frage sehr auffallend vor, dann entgegnete er belehrend: Allmähliches Werden und Vergehen ist das Gesetz aller Organismen. Es tritt nichts plötzlich in die Erscheinung, es verschwindet nichts plötzlich aus ihr; und wie der Mensch im Schoosse seiner Mutter allmählich werdend zum sichtbaren Dasein erwächst, so verschwindet er, das ist mir zweifellos, auch nur allmählich von der Erde, von der Stätte, die er geliebt, und aus dem Gesichtskreise derjenigen, in deren Leben er seine eigentliche Heimat gehabt hat. Erst wenn diese Loslösung, die sich je nach den verschiedenen Persönlichkeiten in längerer oder kürzerer Zeit vollzieht, ganz und gar beendet ist, kann vernunftgemäss der Läuterungsprocess der Seele beginnen, den unsere Kirche als ein Dogma aufstellt und der die Seele endlich für die