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hinaus in den Garten zu tun, und sie forderte ihren Schützling auf, sie zu begleiten. Anfangs weigerte Cäcilie sich dessen. Die Stunde war nahe, welche man für die Abreise der Schwester anberaumt hatte, sie wollte sie in dieser nicht verlassen, ihr dabei nicht fehlen.

Vittoria nahm sie bei der Hand. Lügst Du auch, fragte sie, oder hast auch Du kein Blut in Deinen Adern, kein Feuer in der Brust, das in zorniger Flamme emporschlägt, wenn man Dich beleidigt? Schäme Dich, Cäcilie, ich hatte besser von Dir gedacht! Und ihren Arm in den der jungen Gräfin legend, sagte sie, während sie mit ihr die Terrasse entlang und in den Garten hinunter ging: Komm, mein Herz, es wäre nicht hübsch von Dir, Dich an ihrem Schmerze zu weiden, denn leidenleiden muss man im Verborgenen!

Cäcilie gab endlich nach. Sie war selbst aufgeregter und in sich unentschiedener, als je. Sie hätte nicht sagen können, wie ihr eigentlich zu Mute sei. Sie hörte auch nur halb auf die Schilderung, welche Vittoria ihr von dem ganzen Zusammenhange zwischen ihrem Stiefsohne und Hildegarden machte, denn Renatus hatte es der Baronin in seinem Missmute einst anvertraut, wie er sich Hildegarden, von ihr dazu angetrieben, gerade in dem Augenblicke versprochen habe, in welchem er gekommen war, sich von ihr los zu sagen. Nur das Eine entging Cäcilien nicht, und die Baronin wiederholte es auch wieder und wieder: Renatus hatte Hildegard niemals geliebt!

Also ist Renatus jetzt nicht zu beklagen! sagte Cäcilie sich mit einer Genugtuung, die sie überraschte, und gleich darauf fiel ihr die Schwester ein. Sie sah nach der Uhr. Jetzt hatte Hildegard das Schloss bereits verlassen.

Wider ihren Willen seufzte Cäcilie tief. Sie dachte daran, dass auch ihres Bleibens jetzt hier nicht mehr lange sein werde, und die Tränen traten ihr bei der Vorstellung in die sonst so fröhlichen Augen. Sie hatte das Schloss und die Baronin Vittoria und Renatus und Valerio so lieb!

Sechstes Capitel

Graf Gerhard hatte eine Krankheit überstanden. Mitten in einer Gesellschaft, bei einem Feste, das ein Kreis von alten Junggesellen sich gegeben hatte und bei dem es fröhlich genug hergegangen war, denn die Jugenderinnerungen waren den Herren bei dem Weine reichlich zugeflossen, hatte ein schlimmer Anfall ihn ereilt.

Wie ein Schwindel, wie ein plötzliches Vergehen der Sinne war es über ihn gekommen. Man hatte ihn mit dem Beistande eines Arztes nach seiner wohnung gebracht; dort hatte er sich bald erholt, und die Krankheit hatte nicht lange gewährt. Jetzt war sie ganz vorüber. Nur eine Schwäche war ihm noch zurückgeblieben, und das Zittern in den Händen, das Renatus bei dem Wiedersehen seines Oheims aufgefallen war, hatte zugenommen, wenngleich der Graf es mit grosser Geschicklichkeit zu verbergen wusste.

Die Fenster seines Zimmers waren geöffnet, die Wärme des Tages drang voll herein, obschon man mit den heruntergelassenen Markisen das Licht abdämpfte. In den grossen Vasen auf den Ecktischen dufteten die schönsten Frühlingsblumen, Früchte, welche die Jahreszeit im Freien noch nicht darbot und die also aus Treibhäusern geliefert sein mussten, standen auf dem Tische vor dem Sopha, und in seinen seidenen Schlafrock gehüllt, genoss der Graf, von Polstern bequem gestützt, einer sehr behaglichen Ruhe. Bald sah er, wie das Sonnenlicht milde über die Bilder an den Wänden hinglitt, dann betrachtete er die Blumen in den Vasen. Ein Schmetterling, der sich in das Zimmer verirrt hatte, flog von der einen Vase zu der anderen, wiegte sich bald auf dieser, bald auf jener Blume und flatterte dann gaukelnd auf und nieder, wo die Sonne ihm am wärmsten schien. Der Graf hätte stundenlang dem Spiele dieser bunten Flügelchen zusehen können, ohne an etwas Anderes zu denken, hätte der Brief, den er in seinen Händen hielt, ihn nicht beschäftigt.

Es war ein langer Brief. Er hatte ihn schon am verwichenen Tage erhalten und gelesen, aber er wollte ihn noch einmal lesen. Der Brief hatte ihn sehr gerührt, der Seelenzustand der Schreiberin hatte etwas Poetisches für ihn. Er klingelte, befahl dem Diener, ihm die Brille zu reichen, welche er in seinem Schlafzimmer zurückgelassen hatte, liess sich aus der feinen Krystallflasche ein Glas Orgeade einschenken, und nachdem er getrunken und den goldenen Teelöffel mit weiblicher Genauigkeit quer über den Rand des Glases gelegt hatte, um dem Diener ohne Worte anzuzeigen, dass er das Glas nicht wieder füllen solle, zog er den Brief aus seiner Umhüllung hervor und begann ihn zum zweiten Male zu lesen. Er war aus Pyrmont datirt und von Hildegard geschrieben.

"Ich bin unfähig gewesen zu irgend einem Tun," hob der Brief an, "das mag Ihnen erklären, mein verehrter Freund, weshalb Sie erst heute von mir erfahren, dass ich in Pyrmont bin, dass ich mich vierundzwanzig Stunden in Berlin aufgehalten, ohne Sie, ohne irgend Jemanden davon zu benachrichtigen, und dass ich Richten verlassen habe. Ach, ich habe mehr verlassen, als den Ort!"

Der Brief brach an der Stelle plötzlich ab, und erst am folgenden Tage war die Fortsetzung desselben geschrieben worden.

"Es ist eine lange Zeit vergangen," hiess es in derselben, "ehe ich die Fassung gewann, mir selbst meine Zustände klar zu machen, und gestern, als ich mich stark genug glaubte, Sie, dessen tröstliche Teilnahme mir seit manchem Jahre das Hoffen erleichterte, in meine entmutigte Seele,