kleiden, bis zu der Weise, in welcher sie mit dem Jugendfreunde, mit dem künftigen Schwager verkehre; und als Cäcilie allmählich aus Ungeduld die Nähe der Schwester zu meiden angefangen, hatte Renatus sich zu ihr gesellt, um Hildegard zu zeigen, dass er ihr Betragen gegen Cäcilie nicht billige.
Lass ihr doch Zeit, über ihre Sorgen nachzudenken! hatte Cäcilie übermütig ausgerufen, wenn sie und Valerio den jungen Freiherrn zu irgend einem fröhlichen Unternehmen zu überreden getrachtet hatten; und nachgebend und von der eigenen Neigung angetrieben, hatte Renatus sich mehr und mehr an Cäcilie angeschlossen, deren blühende Frische ihm das Herz erfreute.
Es war ihm ein Vergnügen, Cäcilie laufen zu sehen, sie hatte die Anmut eines Rehes. Es war ihm ein Vergnügen, sie reiten zu sehen, das Tier selbst schien von ihrer Lebenslust beflügelt zu werden; und sie mit ihrer hellen stimme lachen zu hören, war für Renatus vollends ein Genuss. Cäcilie aber gehörte nicht zu denen, die sich Sorgen machen, die Mutter und die Schwester taten's, wie sie meinte, zur Genüge; sie war immer guter Dinge.
Sie lachte mit ihrem reizendsten lachen, wenn Renatus sich bei ihr über seine Braut beklagte. Sei nicht böse auf sie, sagte sie; sie ist ein wenig altjüngferlich geworden. Heirate sie nur bald, dann wird sie eine junge Frau und auch wieder munter und vernünftig werden. Sie hat sich gar zu sehr nach Dir gesehnt.
Und hast Du Dich nicht nach mir gesehnt? fragte Renatus sie dann wohl.
Ich? Wie käme ich dazu? Ich war ja nicht mit Dir verlobt! Nur als Du in den Krieg gegangen bist, dachte ich, es würde mir das Herz zerbrechen, wenn Du sterben solltest! Ich konnte mich damals gar nicht von Dir trennen! Aber Du hast's nicht bemerkt, ich war ja damals auch nur noch ein dummes Kind!
Renatus sah sie betroffen an. Ganz plötzlich kam es ihm in das Gedächtniss zurück. Wie hatte er das vergessen können? – Deutlich, aber ganz deutlich, erinnerte er sich jetzt, wie die leidenschaftliche Umarmung des kaum vierzehnjährigen Mädchens ihn in jener Abschiedsstunde erschreckt hatte. So hatte Hildegard ihn nie umarmt. Er fühlte unwillkürlich ein lebhaftes Verlangen, einer solchen Umarmung noch einmal, von Cäcilien noch einmal teilhaftig zu werden. Wie bittend hielt er ihr die Hand hin, sie schlug herzhaft ein, er umarmte und küsste sie und sie gab ihm den Kuss mit ihren schwellenden Lippen fröhlich lachend wieder. Wesshalb sollte sie ihrem künftigen Schwager, wesshalb sollte sie Renatus auch einen Kuss versagen? Sie tat es niemals, wenn er sie darum bat, und er küsste sie jetzt oft genug. Nur jene erbebende leidenschaft, die er wieder einmal, nur einmal wieder noch zu geniessen wünschte, jene leidenschaft nahm er an ihr nie wieder wahr. Es war Alles an und in ihr arglose, auf den Augenblick gestellte Fröhlichkeit, und diese war es auch, was ihre Nähe für Vittoria so angenehm machte, was Valerio an sie fesselte.
Heute zum ersten Male in ihrem ganzen Leben hegte Cäcilie einen wahrhaften Zorn, und er war gegen ihre einzige Schwester gerichtet. Sie hatte es Vittoria verschweigen wollen, was oben unter der eigenen Mutter Augen zwischen Hildegard und ihr geschehen war; aber der Schwester ungerechtes Misstrauen, ihre Härte und ihre Heftigkeit waren gar zu gross, gar zu grausam gewesen. Vittoria hatte Recht: Hildegard war nicht zum Glück geschaffen, nicht für das eigene, nicht für fremdes Glück. Wie hätte sie sonst die Schwester, die ihr in mitleidvoller Liebe zu helfen und zu dienen bemüht gewesen war, so herzlos, so unnatürlich von sich stossen können?
Cäcilie klagte, Vittoria hörte ihr ermutigend zu. Als jene geendet hatte, sagte die Baronin: Und könntest Du jemals so voll Argwohn sein, wie Deine Schwester?
Nein! nein! ganz gewiss nicht! rief Cäcilie. Wie kann man auch einem Menschen ein Uebel, ein Unrecht zutrauen, wenn man ...
Sie hielt inne, denn die Gewohnheit der Schwesterliebe – und die Familienliebe ist ja überhaupt zu einem grossen Teile Gewohnheitssache – hielt sie zurück, den Gedanken auszusprechen, der ihr eben erst gekommen war; aber Vittoria ergänzte ihn sofort.
Siehst Du es, siehst Du es nun, mein Kind, dass sie voll Arglist ist? Weil sie von Jugend auf mit unermüdlicher Beharrlichkeit ihr Netz gesponnen und meinen armen Renatus, als er fast noch ein Knabe war, damit umgarnt hat, darum, darum allein hält sie Dich für fähig, das Gleiche zu tun; darum traut sie Dir es zu, Du könntest, arglistig wie sie, ihr das Herz des ersehnten Bräutigams abwendig machen wollen. Als ob sie nicht selber alles dazu getan hätte, ihn von sich zu entfernen, als ob ein Mann, so schön, so gut, so fröhlich und so gesund wie mein Renatus, dazu geschaffen wäre, sie seufzen zu hören und unter ihren kühlen Blicken zu erfrieren! Per bacco! Vittoria brauchte, wenn sie heiteren Mutes war, wie eben jetzt, wohl einmal einen heimatlichen Schwur – per bacco, wir werden Ursache haben, diesen Tag zu segnen, und mich verlangt danach, Renatus in seiner neu gewonnenen Freiheit zu umarmen! Er wird schön aussehen, wenn er wiederkehrt und seinen Willen hat, denn er sehnte sich nach seiner Freiheit.
Sie war so aufgeregt, dass sie sich erhob, um einen gang