's Schicksal auszusprechen wünschte. Und wenn es immer nicht leicht war, sich Vittoria's Einfluss zu entziehen, wo sie es mit Absicht darauf anlegte, Jemanden für sich und ihre augenblickliche Stimmung zu gewinnen, so fand Cäcilie es heute mehr als je unmöglich.
Sie sowohl als die Mutter hatten seit Jahren von dem traurigen Verhältnisse zwischen Hildegard und Renatus viel zu leiden gehabt. Dass es ein unhaltbares geworden sei, das hatte Cäcilie gleich an dem Tage gefürchtet, an welchem sie den Jugendgespielen nach so langer Trennung zum ersten Male wiedersah. Es war ihr überhaupt mit Renatus sonderbar ergangen. Von allen den Erinnerungen ihrer ersten Jugend, von denen Hildegard und auch die Mutter zu erzählen liebten, wusste Cäcilie nichts. Sie war um mehr als fünf Jahre jünger denn der junge Freiherr, sie war fast noch ein Kind gewesen, als Renatus in den russischen Feldzug gegangen war; aber sie hatte es oft behauptet, dass dies eigentlich der Tag sei, dessen sie sich aus ihrem ganzen Leben am deutlichsten entsinne, und dass sie erst von diesem Tage ab völlig klare und zusammenhängende Vorstellungen von ihren Erlebnissen habe, die freilich einfach genug gewesen waren.
Sie hatte ihre Kindheit während und nach der Wittwentrauer ihrer Mutter auf dem land, in dem schloss der ihnen verwandten Familie verlebt, von wo aus sie nach Richten gekommen waren. Dann hatte sie in der Hauptstadt in einer der Erziehungsanstalten einzelne Unterrichtsstunden erhalten, bis man zu Anfang der Freiheitskriege wieder auf das Land und nach Schloss Richten gezogen war, das die Mutter und Hildegard nur verlassen hatten, als sie zur Pflege der Verwundeten und Kranken sich in die Stadt begeben hatten. Cäcilie, die für eine solche Aufgabe noch zu jung gewesen, war unter Vittoria's Obhut in Richten geblieben, denn damals hatten die Gräfinnen und Vittoria noch im besten Einvernehmen mit einander gelebt. Die Zerwürfnisse zwischen Hildegard und der Baronin hatten sich erst später, erst als Hildegard, wie sie das nannte, zum Bewusstsein über sich und über ihre Pflichten, und über den Beruf des deutschen Weibes gekommen war, so schroff herausgebildet. Und läugnen konnte Cäcilie es nicht, das viele Nachdenken und die grosse Tugend hatten ihre Schwester nicht liebenswürdiger gemacht.
Cäcilie war Hildegardens völliges Gegenteil. Sie dachte wenig nach. Sie kannte die Welt und die Menschen eigentlich nur aus den Schilderungen ihrer Mutter und aus den wenigen Büchern, welche sie nach der Wahl der Gräfin gelesen hatte. Zwischen die Gefühlsschwärmerei ihrer Schwester und die von leidenschaftlichen Erinnerungen durchglühte Phantasie Vittoria's gestellt, hatte sich ihrer nicht etwa ein Verlangen nach ähnlichen Empfindungen, sondern nur die Neugier bemächtigt, ob sie solcher Empfindungen wohl fähig sei; und weil sie bei ihrer sehr zurückgezogenen Lebensweise nur wenig Männern begegnet war – denn fast die ganze männliche Jugend des Landes stand seit Jahren unter den Waffen – so hatte sie in alle jene Träume, ohne welche kein Mädchen sich entfaltet, das Bild des Jünglings verwebt, den sie am besten kannte, das Bild des jungen Freiherrn, des Verlobten ihrer Schwester. Schlank und schmächtig, schüchtern und ein wenig schweigsam, mit den sanften, blauen Augen freundlich lächelnd, so hatte sie sein Bild in ihrem Gedächtnisse bewahrt, und wie vor einem völlig Fremden hatte sie am Tage seiner Heimkehr vor dem stattlichen mann gestanden, zu welchem die Jahre, die Strapazen des Krieges und das Leben in der bewegtesten und gewähltesten Gesellschaft von Europa den jungen Freiherrn ausgebildet hatten.
Sein Haar war dunkler, seine Gestalt sehr kräftig, sein blick, seine Sprache waren lebhaft geworden, und Cäcilie hatte in freudiger Bewunderung seiner Schönheit sich gesagt, dass ihre Schwester sehr glücklich sein müsse. Aber das Glück, das sie an dem liebenden Paare zu sehen erwartete, wollte nicht zum Vorschein kommen.
Cäcilie bemerkte mit steigender Verwunderung die schwermütige Zärtlichkeit ihrer Schwester und die Verlegenheit, mit welcher Renatus dieselbe eher zu ertragen als zu suchen schien. Wenn sie sich an die Stelle ihrer Schwester dachte, so musste es gewiss ganz anders sein, sagte sie sich; denn sie war doch nicht des jungen Freiherrn Braut, sie liebte er nicht und sie liebte ihn auch nicht, aber es war doch Alles Lust und Freude zwischen ihnen, wenn sie einmal beisammen sein konnten, ohne dass Hildegard's ernstafte Betrachtungen ihnen in ihrem Frohsinne Schranken setzten. Sie begriff es endlich gar nicht mehr, wie Renatus es mit ihrer Schwester nur auszuhalten vermöge; sie selbst hatte Hildegard nie so quälerisch und so mit sich und ihren kleinen Leiden ausschliesslich beschäftigt gesehen, als eben jetzt. Sie war sonst mit der Schwester immer einig gewesen, oder doch gut mit ihr fertig geworden, denn ihre Neigungen und Gewohnheiten hatten sich, eben weil sie so ganz und gar von einander unterschieden waren, nicht gekreuzt; aber seit Renatus wieder in der Heimat lebte, hatte auch das gute verhältnis zwischen den beiden Schwestern sich mit Einem Male geändert.
Hildegard hatte sich von Anfang an über die laute Fröhlichkeit ihrer jüngeren Schwester wie über die Rastlosigkeit beschwert, mit welcher sie bald Dies, bald Jenes mit Renatus unternehmen wollte, und sich vor Allem darüber beklagt, dass sie es ihr so schwer mache, ihren Verlobten zu irgend einer Sammlung zu bewegen oder auch nur ernstaft mit ihm zu verkehren. Cäcilie hingegen war empfindlich darüber geworden, dass die Schwester sie wie ein Kind behandle, mit dem oder in dessen Gegenwart man nichts Wichtiges besprechen könne. Sie hatte geklagt, dass Hildegard Alles an ihr tadle, von ihrer Art, sich zu