? fragte der Kammerdiener, während er sich zu dem Hammelbraten, den die Köchin ihm vorgelegt hatte, eine tüchtige Portion der Spargel geben liess, welche für die Tafel der Gräfin bestimmt gewesen waren. Wird denn oben jetzt nicht mehr gepackt?
Wir machen nur eine kleine Pause, entgegnete die Kammerjungfer, welche ihre gute Berliner Sprache, wie sie immer sagte, hier auf dem land nicht verlernen wollte. Meine Comtesse hat sich ein wenig hingelegt, sie hat Migräne, und es muss doch auch geschrieben werden.
Was denn geschrieben? erkundigte sich der Kutscher, es ist ja heute' nicht Posttag!
Sie haben wohl nicht gesehen, dass der Reitknecht von Brasteck in den Hof gekommen ist? Der soll den Brief an den Herrn Baron gleich mit sich nehmen.
Der Kammerdiener fragte, wer den Brief denn schreibe? Mamsell Caroline entgegnete, die Frau Gräfin schriebe ihn.
Da soll sie sich sputen, meinte der Kutscher, indem er das grosse Bierglas an die Lippen setzte, denn der Reitknecht hat gefüttert und sattelt wieder.
So sagen Sie ihm, gebot die Kammerjungfer, dass er warten muss, bis meine Gräfin fertig ist! Ich will sie aber avertiren gehen.
Sie stand auf, besah sich in dem Spiegel, rückte ihre Brilllocken und ihre schwarze Schürze zurecht und sagte der Köchin, sie brauche heute Abend weiter nichts.
Also Sie gehen mit, Mamsell? rief der Kutscher. Nun, da soll mir's ein Vergnügen sein, zu fahren – besonders, wenn Sie nicht wiederkommen wollen! brummte er in seinen Bart. Aber er hatte es nicht so leise gesprochen, um von den Andern nicht verstanden zu werden, wenn schon Mamsell Caroline sich das Ansehen geben konnte, als habe sie nicht gehört, was er gesagt, und als wisse sie nicht, was das lachen um sie her bedeute.
Oben lag Hildegard bleich und regungslos auf ihrem Lager. Die Vorhänge waren niedergelassen, der Geruch von Aeter erfüllte das Gemach. Die Gräfin hatte ihren Brief an den Freiherrn eben beendet. Sie wollte ihn der Tochter zu lesen geben, aber Hildegard machte eine matte, abwehrende Bewegung. Die Mutter siegelte ihn also und wollte schellen, um ihn hinunter zu senden. Cäcilie sass müssig in einem der Lehnstühle. Weil sie jedoch wusste, wie empfindlich ihre Schwester während ihrer Anfälle von Kopfweh gegen das geringste Geräusch zu sein pflegte, wollte sie ihr das Schellen und das Kommen des Dieners bereitwillig ersparen.
Sie stand leise auf, trat an die Gräfin heran und erbot sich, den Brief selbst hinunter zu tragen. Aber wie von einem elektrischen Schlage getroffen, sprang Hildegard, die anscheinend mit geschlossenen Augen da gelegen hatte, von ihrem Ruhebette empor, und Cäcilie mit so gewaltsamem Griffe um das Handgelenk fassend, dass sie im Schmerze zusammenzuckte, rief sie mit funkelnden Augen in wilder leidenschaft: Du, rühre den Brief nicht an! Du nicht!
Ganz erschrocken trat Cäcilie zurück. Sie wollte antworten, die Tränen stürzten ihr aus den Augen, und die hände entsetzensvoll zusammenschlagend, rief sie: Gott im Himmel, sie ist wahnsinnig! Hilda ist wahnsinnig geworden!
Hildegard lachte hell auf. Nein, nein, rief sie, noch bin ich's nicht, noch sehe ich sie ja, die heuchlerischen Tränen, die Dir über die roten Backen niederrinnen! Aber ich werde es werden, wahnsinnig wird es mich machen, wenn ich es sehen muss, wenn ich Dich sehen muss ... Sie war unfähig, den Satz zu vollenden; sie warf sich der Mutter mit beiden Armen um den Hals und barg ihr Gesicht an deren Brust. Es bricht mir das Herz, es nimmt mir den Verstand! wiederholte sie immer und immer wieder. Die Gräfin bemühte sich, sie zu besänftigen, Cäcilie war neben der Schwester hingeknieet und küsste ihr die hände, aber Hildegard stiess sie mit Heftigkeit von sich, und die Gräfin hiess die jüngere Tochter endlich sich entfernen.
Weinend und bleich, wie Gaetana es dem Kammerdiener geschildert hatte, war Cäcilie in dem Zimmer der Baronin angelangt. Atemlos, in der höchsten Aufregung, erzählte sie derselben, was geschehen war; aber wider ihr Erwarten machte sie auf die ältere Freundin mit ihrem Berichte nicht den gewünschten Eindruck.
Vittoria hatte sich eben erst, dem schönen Wetter zu Liebe, ihr Ruhebett bis hart an die grossen Fenstertüren ihres Zimmers tragen lassen und blieb, von den aufgespannten Vorhängen mild beschattet, ruhig liegen, während sie sich langsam und ohne jede Unterbrechung fächelte. Sie zog Cäcilie neben sich auf die Polster nieder, und mit ihrem Tuche die Tränen von der jungen Gräfin Wangen trocknend, sagte sie mit ihrer weichen, tiefen stimme: Weine nicht, weine nicht, mein Kind! Die Tränen ziehen Furchen, und aus den Furchen in eines Weibes Antlitz wächst kein Glück hervor! – Komm, sei heiter, lächle wieder. Sieh mich an!
Sie nahm den Kopf Cäciliens in ihre hände, schaute ihr in das Auge, küsste dann ihre Augenlider und rief: Hildegard war nicht für das Glück geschaffen, nicht für das eigene, nicht für fremdes; ihr blick ist unheilvoll! Wir werden alle, alle glücklich werden, wenn ihre unheilvollen Augen uns nicht mehr verfolgen!
Cäcilie tröstend und Hildegard anklagend, sich ereifernd und dann wieder schmeichelnd und scherzend, liess Vittoria Cäcilie nicht zu Worte kommen, als diese ihr Erschrecken über den zwischen ihrer Schwester und dem jungen Freiherrn erfolgten Bruch und ihr Bedauern über Hildegard