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, sich fragte: was ist es, das mir die Aussicht in die Ferne plötzlich so erheitert? da blieb er sich die Antwort schuldig, denn er sah Hildegard den kleinen Seitenpfad von der Margaretenhöhe herunterkommen, und er musste gehen, sie zu begrüssen.

Fünftes Capitel

Was nur heute in sie gefahren ist! sagte an dem Nachmittage der Kammerdiener verdriesslich zu Vittoria's Dienerin, mit welcher er in dem Laufe der Jahre eine Freundschaft auf Tod und Leben geschlossen hatte. Seit der junge Herr zu haus ist, hatte doch Alles wieder eine Manier bekommen, aber heute stieben sie aus einander, als hätte der Blitz dazwischengeschlagen! Was haben sie denn vor?

Der junge Herr ist fortgeritten! bedeutete Gaetana geheimnissvoll.

Freilich, ich habe ihm ja das Pferd bestellt! versetzte darauf der Diener.

Aber wissen Sie, wesshalb er fortgeritten ist? fragte die Italienerin, und ihre dunklen Augen blitzten unter den breiten, schwarzen Brauen scharf hervor.

Ja, er war ärgerlich, weil er mit dem Amtmanne nicht zu stand gekommen ist! sagte der Kammerdiener.

Gaetana machte eine abwehrende Bewegung mit der Hand. Nein, Padrone, Ihr irrt, Ihr irrt Euch ganz und gar! – Und sich vorsichtig umblickend, fügte sie hinzu: Die Gräfin Cäcilie kam blass wie eine Leiche zu meiner Signorina in das Zimmer! Sie schickten den Junker fort, sie schickten auch mich hinaus! Gleich darauf sendete die Gräfin ihre Jungfer zu uns und liess sagen, sie und die älteste Comtesse würden auf ihrem Zimmer speisen. Die Gräfin Hildegard reist ab!

Sie konnte ihr Vergnügen bei den Worten nicht verbergen, der Kammerdiener zuckte ungläubig mit den Schultern. Sie denkt nicht daran! meinte erdie Herzogin, als wir die noch zu des seligen Herrn zeiten bei uns hattenich war damals noch ein Junge, der nur hier und da zur Hand gingdie Herzogin machte es gerade so, wenn sie ihren Willen durchzusetzen dachte! Packen werden sie und Pferde bestellen auch! Aber sie werden die Pferde stehen lassen und mit dem Packen nicht zu Ende kommen, bis sie der Herr dabei betrifft, und dann ...

Nein, sie geht, sie geht! versicherte ihm Gaetana, als die Klingel aus dem Zimmer der Baronin Vittoria sie von der Unterhaltung abrief, und fast gleichzeitig der Reitknecht eines benachbarten Edelmannes in den Hof geritten kam.

Er brachte einen Zettel von dem jungen Freiherrn, der den Kammerdiener anwies, ihn heute nicht mehr zu erwarten, sondern ihm einen Mantelsack zu packen und ihm denselben durch einen Boten zu übersenden, da er mit seinem gegenwärtigen Wirte auf einem andern Gute bei andern Freunden noch einen Besuch zu machen denke.

Nun? fragte Gaetana, da sie im Auftrage ihrer Herrin eilig durch den Flur ging.

Sie könnten Recht haben, meinte der Kammerdiener; es ist etwas passirt! Aber fortgehen? Ich glaube's nicht! Wo sollen sie denn hin? fügte er mit einem geringschätzigen Zucken des Mundes hinzu.

Er war noch zu den guten zeiten in die Dienste des verstorbenen Freiherrn getreten, hatte noch die Baronin Angelika in aller ihrer Vornehmheit gekannt und, wie alle Diener reicher Häuser, immer eine grosse Verachtung gegen unbemittelte Herrschaften gehegt. Es war daher gar nicht nach seinem Sinne gewesen, als nach dem tod des Freiherrn die Gräfin Rhoden mit ihren Töchtern in das Schloss gekommen war. Er hatte es auch in all den Jahren und bis zu dem Tage von des jungen Freiherrn Rückkehr hartnäckig geläugnet, dass es zwischen seinem jungen Herrn und der Gräfin Hildegard jemals etwas werden könne. Jedem, der ihn darum befragt, hatte er geantwortet, dass sein Herr der Gräfin Rhoden und ihren Töchtern in den schweren zeiten zu hülfe gekommen sei und sie so mit durchgehalten habe, und das sei schön und recht von ihm gewesen, denn der verstorbene Herr Baron habe es ja seiner Zeit mit der Frau Herzogin gerade so gehalten; aber heiraten? Nein! Heiraten sei doch etwas Anderes, und an eine Heirat sei hier nicht zu denken! Die Herren von Arten nähmen sich keine Frauen, deren Hab und Gut man in zwei Wagen und ein paar Koffern von der Stadt nach Richten bringen könne!

Selbst als nach des jungen Freiherrn Heimkehr die äusseren Zärtlichkeitsbeweise zwischen Renatus und Hildegard ihr Verlobtsein für die Schlossinsassen ausser Frage stellten, hatte der Kammerdiener immer noch den Kopf geschüttelt und war von seinem verzweifelnden "ich glaube's nicht!" nicht abgegangen; denn, hatte er zu Gaetana stets gesagt, so wie der gnädige Herr die Gräfin Hildegard anfasst, so fasst solch ein junger Herr kein Frauenzimmer an, bei dem ihm warm wird! Mit den Beiden wird es nichts!

Ihm machte es also keinen Kummer, im Gegenteil, er sah es mit der stillen Genugtuung eines Propheten, dessen Vorausverkündigungen sich erfüllen, als man die alten Koffer der Gräfin Rhoden aus der Remise hervorbrachte, als die Kammerjungfer den Sattler vom hof herbeiholte, die Riemen und die Schnallen nachzusehen. Er tat keine Frage, er liess die Dinge gehen und an sich kommen.

Die Mahlzeit war vorüber. Die Baronin Vittoria und der Junker hatten mit grosser Esslust gespeist, aus den Zimmern der Gräfin waren die speisen fast unberührt nach der Küche zurückgebracht worden, und in der stube der Dienerschaft sassen der Kammerdiener, die beiden Kammerfrauen und der alte Kutscher jetzt bei ihrem Mittagbrode, bei welchem die Köchin die Vorschneiderin machte und eine der Küchenmägde die speisen zutrug.

Wird denn oben nicht mehr gepackt