dem Gewinne eine kleine Summe hinzufügen, morgen sie von den Schulden abstreichen; und das Jahr aus, Jahr ein, und das Alles ohne die bestimmte Aussicht auf einen sicheren Erfolg? Es dünkte ihn eine sehr untröstliche Beschäftigung. Hinter dem Pfluge herzugehen, die Furche in dem fruchtgebenden Boden aufzureissen, die goldenen Samenkörner dem warmen Schoosse der Erde anzuvertrauen, die reife Frucht des Feldes einzuernten, den Kampf mit des Wetters Ungunst zu bestehen, dieses Tun und Erleiden des gemeinen Mannes däuchten ihm ein Genuss neben dem Zuwarten aus der Ferne, zu welchem der Edelmann, zu welchem er selber verdammt war, wenn er sich des persönlichen Eingreifens in seine Angelegenheit durch die Verpachtung seiner Güter mehr noch als bisher begab.
Er konnte zu keinem Entschlusse kommen, und von der inneren Ungeduld hinweggetrieben, verliess er sein Gemach. Er stieg die Treppen hinunter und ging in den Garten hinaus. Gleich an der rechten Seite, wo die grosse Allee sich anschloss, ging er von der Terrasse hinunter und durch den Park.
Die Bäume, die Büsche hatten schon ihr volles Laub. Der Schatten war tief und erquicklich, aber die Stille und die Einsamkeit waren ihm heute nicht erwünscht. Er hätte gestört werden mögen in den Gedanken, die auf ihm lasteten, er hätte die Trompeten seines Regimentes einmal wieder schmettern hören mögen, um sich an ihrem mutigen Klange das Herz zu erfrischen. Und während er noch vor wenigen Stunden seinen Besitz als eine Ehrensache angesehen hätte, erschien ihm jetzt der ärmste Soldat, der in seinem Degen sein ganzes Erbe besass und am Tage den Tag zu leben vermochte, bei Weitem als der Glücklichere. Warum war es gerade ihm denn auferlegt, einzustehen für die Ehre und das Ansehen einer Reihe von Altvordern, deren Genüsse und Befriedigungen er nicht geteilt, und an deren Irrtümern er doch so schwer zu tragen hatte?
Er war jetzt seit einer Reihe von Jahren an ein bewegtes Dasein, an Tätigkeit gewöhnt, er verstand das Waffenhandwerk, das er bisher getrieben hatte. Auch in seinem Regimente kannte man ihn, auch in seinem Regimente vertraute ihm der gemeine Mann und liebte man ihn so gut wie hier auf seinem grund und Boden. Auch in seinem Regimente hatte er eine Heimat, eine Bedeutung, eine Wirksamkeit, und sie waren völlig unabhängig von allem, was von seinen Ahnen als Erbe auf ihn gekommen war, sie waren mehr als alles Andere sein eigen. Wesshalb sollte er darauf verzichten? Wesshalb sollte er sich auf seine Güter zurückziehen, wenn er sich dazu verdammen musste, auf ihnen als ein Einsiedler und in der halben Abhängigkeit von einem ihm untergebenen geringen mann zu leben? Welche Verpflichtungen hatte er gegen den Adel der Nachbarschaft, der ihm so dringend vom Verkaufe der Güter abriet? Sie waren ihm im grund sammt und sonders fremd, diese Edelleute. In seinem Regimente hatte er Freunde, hatte er die Kameraden, mit denen die Erinnerung an Not, an Gefahr und Sieg ihn eng verband. Er sehnte sich nach seinem Regimente. Dort hatte er seiner Sorgen nicht in jedem Augenblicke denken müssen, dort hatte er sich jung gefühlt; hier lastete das Leben schwer auf ihm und drückte ihn hernieder. Er wollte seinen Frohsinn, seine Freunde wieder haben, er wollte sich die schönen Tage der goldenen Jugend nicht verkümmern lassen. Mochte der Ernst beginnen, wenn die Jugend ihm entflohen war.
Er hatte den Park verlassen und war hinausgetreten in die Rotenfelder Feldmark. Die Kirche lag in stiller Ruhe vor ihm. Sie sah sehr mächtig aus mit ihrem hohen Turme, mit dem schönen Eingangstore; aber er konnte es sich nicht verbergen, es war für ihre Erbauung keine notwendigkeit vorhanden gewesen. Seine Eltern hatten damit einem ganz persönlichen Bedürfen und Belieben nachgegeben und sie hatten, wie es ihm heute erschien, damit auch Recht gehabt. Es sollte Jeder vor allem Anderen sich selbst genug zu tun trachten. Er für seinen teil bedurfte dieses Gotteshauses freilich nicht, denn des Amtmanns Vorschlag, dass er im Regimente bleiben solle, war im grund sehr verständig. Wenn er wirklich im Regimente blieb, wenn er sich künftig nicht für immer in seinem schloss aufhielt, brauchte man z.B. auch die Pfarre für's Erste nicht fortbestehen zu lassen. Man konnte den Fürstbischof ersuchen, den Pfarrer zurückzuberufen und anderweitig zu verwenden. Die Baronin Vittoria konnte, so oft sie es begehrte, nach einer der Städte, welche eine katolische Kirche hatten, zur Messe fahren, und die Gräber zu bewachen, war der Sakristan genug.
Je länger Renatus über die Ersparungsvorschläge, welche der Amtmann ihm im Laufe ihrer Unterredung getan hatte, nachsann, um so mehr leuchteten ihm dieselben ein. Die Entlassung der sämmtlichen noch im schloss vorhandenen Dienerschaft war verständig; nur Gaetana und der alte Kammerdiener sollten bei der Baronin bleiben. Seinen Bruder Valerio, welcher der weiblichen Hand durchaus entwachsen war, wollte der junge Freiherr mit sich nehmen, um ihn in einer der militärischen Erziehungsanstalten unterzubringen; und wie er in solcher Weise das Schloss zu entvölkern begann, wurde sein eigenes Verlangen, es zu verlassen, immer grösser.
Vor wenigen Tagen hatte ihn die Liebe überrascht, welche er für dasselbe, für seine Besitzungen hegte, jetzt erschreckte ihn die Gleichgültigkeit beinahe, in welcher er an die teilweise Zerstörung der Verhältnisse denken konnte, mit denen er sich so unauflöslich verbunden geglaubt hatte; und wie er tiefer in sein Herz hineinsah, wie er mit dem grübelnden Sinne, der ihm von der Mutter angeboren war