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nachdem er Renatus mit jener Menge von Einzelheiten, die für den Uneingeweihten stets etwas Beunruhigendes und Verwirrendes haben, ermüdet hatte, so dass derselbe bedenklich zu werden begann, trat der Amtmann ganz unerwartet und plötzlich mit dem Vorschlage hervor, die Güter in Pacht zu nehmen, falls der Freiherr es unter den obwaltenden Umständen etwa vorziehen sollte, im militärischen Dienste zu verbleiben, wo ihm bei seinen jungen Jahren ein schönes Vorwärtskommen nicht entgehen könne, da jetzt nach dem Kriege viele der älteren Offiziere ihren Abschied fordern oder erhalten würden.

Renatus stand noch immer an dem Schreibtische, aber seine Stirne sah nicht mehr so heiter und so klar aus. Der Vorschlag des Amtmanns beunruhigte ihn sehr; denn auch Tremann hatte ihn darauf hingewiesen, dass es geraten für ihn sein würde, in seiner militärischen Laufbahn zu beharren und zu versuchen, in wie weit sich mit dem festen Ertrage eines Pachtzinses seine Vermögens-Umstände verbessern liessen. Wenn man aber von zwei so verschiedenen Ausgangspunkten, wie die von Tremann und von dem Amtmanne es waren, an das gleiche Ziel gelangen konnte, so musste dies ein richtiges sein; indess es widerstrebte dem Freiherrn immer noch, an die Verpachtung seiner Güter zu denken.

Er hatte die Feder wieder zur Hand genommen und riss, ohne zu wissen, was er tat, ihre Fahne in kleinen Stücken herunter, bis er den nackten, kahlen Kiel erblickte. Stückweise! murmelte er kaum hörbar zwischen den Zähnen hin, knickte die Feder um und warf sie mit einer heftigen Bewegung fort.

Der Amtmann beobachtete ihn genau, aber er drängte ihn mit keinem Worte zu einer entscheidenden Antwort hin. Er erklärte sich sogar aus freiem Antriebe bereit, das Belieben des gnädigen Herrn noch acht Tage zu erwarten, damit derselbe volle Zeit habe, die Sache reiflich zu erwägen. Und als man danach auf die Bürgschaft zu reden kam, welche der Amtmann als Pächter der Güter zu leisten haben würde, meinte er, bescheiden und vertrauensvoll lächelnd, er sei ja nicht nackt und bloss gewesen, als er in den Dienst der Herrschaften getreten sei. Er habe sich in all den schweren Jahren schlicht und recht und kümmerlich wie der ärmste Mann beholfen, habe also immer doch etwas zurückgelegt, und wenn der Freiherr von ihm die Bürgschaft nicht über die Gebühr hoch begehre, so hoffe er mit Gottes hülfe und mit dem Beistande seiner Freunde wohl im stand zu sein, sie aufzubringen.

Damit waren für's Erste diese Verhandlungen beendet, aber der Sinn des Freiherrn blieb mit ihnen immerfort beschäftigt, und wie er sich's auch vorhielt, dass es ja noch völlig in seinem Belieben und in seinem Ermessen liege, was er tun wolle, kam er sich nicht mehr so frei, so selbständig als noch vor wenigen Stunden vor, denn, mochte er sich auch gegen die Einsicht sträuben, das erkannte er deutlich, er konnte das Leben nicht in der Weise seines Vaters weiterführen; er war heruntergekommen, und Alle um ihn her, Alle, die in seinen Diensten gearbeitet, selbst gearbeitet hatten, waren im Wohlstande fortgeschritten.

Er hatte den Neid niemals gekannt, jetzt aber regte sich in ihm eine zornige Empfindung gegen alle jene Emporkömmlinge, und obschon er sich durchaus in der Lage befand, den Wert und die Bedeutung des Geldes schätzen zu lernen, dünkte das Geld ihn an und für sich als etwas Verächtliches, weil der gemeine Mann, weil Jedweder es erwerben konnte, der eine schwielige Hand nicht scheute, der sich entschliessen mochte, die Gegenwart um der Zukunft willen daran zu geben, und, wie der Amtmann es nannte, gleich einem gemeinen mann zu arbeiten und zu leben. Es lag für des Freiherrn Empfinden auch etwas sehr Gemeines in dem beständigen Denken an Hab und Gut, an Vermehrung des Besitzes. Er hatte eine Erinnerung an die zeiten, in welchen in seinem väterlichen schloss von Geld und Besitz niemals die Rede gewesen war, weil man ihr Vorhandensein als ein Selbstverständliches angenommen hatte. Damals hatte man sich selbst gelebt, man hatte Musse und Freiheit gehabt, sich seinen Neigungen, seinen Gefühlen zu überlassen; jetzt trat überall die zwingende notwendigkeit zwischen ihn und seine Wünsche, und sogar in dem Augenblicke, in welchem er sich enger als je zuvor mit seinem Besitze verwachsen fühlen gelernt, trachteten die Emporkömmlinge ihm von allen Seiten die überzeugung aufzudrängen, dass für ihn die alten Zustände nicht mehr aufrecht zu halten seien, dass er ohne ihren Beistand notwendig zu grund gehen müsse.

Er hatte es durchaus vorgehabt, auf seinen Gütern und unter seinen Leuten, die ihm lieb geworden waren, zu weilen und zu leben. Nun sollte er das menschliche verhältnis, das sich zwischen ihnen zu bilden begonnen hatte, plötzlich wieder zerstören, indem er sie einem fremden Willen überliess; nun sollte er wieder von seiner Heimat scheiden und das Erbe seiner Väter einzig als den Boden behandeln, von dessen Frucht er sich ernährtees wollte ihm nicht eingehen!

Es war gegen den Mittag hin, als der Amtmann sich von dem Freiherrn verabschiedete. Renatus blieb eine Weile an seinem Schreibtische sitzen. Das Haupt auf den Arm gestützt, sah er unverwandten Auges auf die Berechnungen nieder, welche der Amtmann ihm vorgelegt hatte. Er zählte die Reihen zusammen, er verglich die verschiedenen Posten, es wurde damit nicht viel für ihn gefördert.

War das aber eine Aufgabe, die sich für ihn, für einen Edelmann geziemte? Tag für Tag nur dem Erwerbe, dem elenden Gelderwerbe leben! Heute