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der Herr hat doch endlich wieder eine Einsicht! Seit man gedenken kann, haben die Saaten nicht so gestanden, haben wir kein so frühes Jahr gehabt, haben die Bäume nicht solche Blütenlast getragen. Wenn Gott uns weiter gnädig ist, gibt das eine Ernte, die manches Loch verstopft! Denn die Teurung ist noch immer ungeheuer und die Preise halten sich notwendig noch bis in das nächste Jahr. Es ist nichts mit den Spekulanten und mit den Fabriken, von denen sie immer reden! Aus dem Boden muss man es herausholen mit Egge und Pflug! Langsam geht das freilich, dafür jedoch ist's sicherer, sicherer wie der Dampf, mit dem sie jetzt in England ihr Wesen zu betreiben anfangen und der auch dem Steinert im kopf spukt, seit er den Sohn in Amerika da drüben sitzen hat. Mit Dampf wollen sie brennen und brauen in Marienfeld, mit Dampf möchten sie Steine schleifen in Neudorf, und dazu sollen die Torfstiche in Rotenfeld die Feuerung liefern. Aber wir können ja selber Torfstiche eröffnen, wenn wir nur erst so weit sind, die Bauten in Angriff nehmen, neue Häuser aufführen und Leute zur Arbeit hieherziehen und ernähren zu können. Auch die Wege müssen wir erst wieder so weit im stand haben, dass man den Torf bis zum wasser bringen kann. Machen können wir das alles, nur Geduld müssen wir haben, nur Geduld! Das Geld wird sich schon finden, wenn man uns nur Zeit lässt. Und weil sie das Alles wissen, so gut wie ich, darum drängen sie den gnädigen Herrn so gewaltig zum Verkaufen. Diese Spekulanten haben ja ihre Augen überall. Wie die Stossvögel hangen sie in der Luft, und ehe man's gewahr wird, schiessen sie herunter und haben's in den Krallen!

Der Amtmann lachte, als er von den Summen hörte, welche Tremann für die Hebung der Güter als unerlässlich bezeichnet hatte. Daran allein können der gnädige Herr ja sehen, dass es ihnen bloss darauf ankommt, den gnädigen Herrn abzuschrecken. Und das nennen diese Leute Landwirtschaft! Kaufen, Alles fertig kaufen, Alles baar bezahlen! Nichts erschaffen, nichts erziehen, das ist ihre neue Weisheit! Sie wollen die Ziegel nicht streichen zum Baue und das Tier nicht austragen lassen im Mutterleibe; Stallungen aufrichten im Handumdrehen und fremde Heerden einführen, ohne zu denken, ob sie sich hier zu land halten; Hunderttausende in die Güter hineinstecken und sie dann verkaufen und das Doppelte herausziehen! Und dann sieh' Du zu, was nun aus dem grund und Boden wird! Spekulanten und Rosstäuscherdie sind Einer wie der Andere! Elendes Gesindel, das der Landwirt sich vom hof und vom leib halten muss!

Der Amtmann hatte sich in Zorn gesprochen, denn die Sache ging ihm an das Leben. Er kannte seinen jungen Herrn wenig, indess langjähriges Dienen hatte ihn die Edelleute der Gegend im Allgemeinen kennen gelehrt, und er hatte bewusst und unbewusst den rechten Ton getroffen, um auf seinen Herrn zu wirken. Renatus liebte es nicht, in denjenigen, mit welchen er Geschäfte abzumachen hatte, seines Gleichen oder gar einer Ueberlegenheit zu begegnen, und Tremann's völlig freie Bildung war ihm eben so unangenehm gewesen, als die Leichtigkeit, mit der er sich in allem Geschäftlichen bewegte, und die rasche Entschiedenheit, welche er von dem Freiherrn forderte. Des Amtmanns Ansichten vom Abwarten stimmten zudem auf das genaueste mit denen seines Herrn überein, und da jede fest ausgesprochene Meinung ihre wirkung auf den Unerfahrenen nie verfehlt, verlangte Renatus, dessen Zutrauen zu seinem Beamten sich steigerte, von demselben endlich eine genaue Auseinandersetzung über die Wege, welche dieser bei der Ausführung seiner Plane einzuschlagen denke.

Der Amtmann zuckte die Schultern. Gnädiger Herr, sagte er, ich allein kann's nicht machen und Einer allein kann's überhaupt nicht. Aber wenn der gnädige Herr selber mit dazu tun wollen, so ist's keine Hexerei und gar kein Zweifel, dass wir vorwärts und zu stand kommen.

Renatus befahl ihm, sich deutlicher zu erklären; der Amtmann liess sich das nicht zweimal sagen. Es war ihm, als er vor seinem Herrn erschienen war, nicht besonders wohl gewesen, jetzt aber begann er, Mut zu fassen. Er knöpfte den braunen Oberrock auf, dass die grossgeblümte, wollene Weste in ihrer ganzen Farbenpracht zu sehen war, zog sein blaues Taschentuch hervor, und sich die Stirn und die feisten Wangen trocknend, während die kleinen Augen in freundlicher Zuversicht listig zwinkerten, sagte er: Was sie dem gnädigen Herrn auch von den neuen Wirtschafts-Metoden und neuen Teorieen gesprochen haben mögen, es gibt zum Vorwärtskommen, um in die Höhe zu kommen, immer nur die eine praktische Teorie: viel einnehmen und wenig brauchen, dass man Ueberschuss erzielt. So haben sie's ja auch gemacht, die Steinert und der alte Flies, die ihr Schäfchen so vorsichtig in's Trockene gebracht haben, während sie den seligen Herrn in die Patsche führten. Warum soll's denn jetzt, da es nicht ihren, sondern des gnädigen Herrn Vorteil gilt, mit neuen Mitteln angefangen werden?

Er begann darauf, dem Freiherrn die Erträge der Güter und die zunächst notwendigen Ausgaben vorzurechnen, wobei die Verhältnisse sich allerdings weit günstiger als nach den Annahmen von Tremann auswiesen, schilderte darauf aber die grossen Mühen, welche man in den kommenden Jahren haben werde, die mancherlei Unsicherheiten, denen man immer in der Wirtschaft ausgesetzt sei, und