während meines langen Aufentaltes im Auslande davon überzeugte, dass Ihnen in der Tat, darin hat Herr Tremann Recht, die Kenntniss der Fortschritte mangelt, welche man in der rationellen Bewirtschaftung und Verwertung grosser Güter in den letzten Jahrzehenden überall gemacht hat.
Er hielt inne, nahm eine Feder zur Hand, prüfte auf dem Nagel des Daumens ihre Spitze, legte sie dann wieder fort und streifte mit dem Auge über den Amtmann hin, der, die hände über dem leib gefaltet, andächtig und unbeweglich, als ob er vor der Kanzel sässe, die Aussprüche des jungen Freiherrn, von dessen landwirtschaftlichen Kenntnissen er hinwiederum auch seine besondere Meinung hegte, über sich ergehen liess. Er fand es weder nötig noch zweckmässig, ihm eine Antwort zu geben, ehe eine solche unvermeidlich war, und Renatus sah sich dadurch also gezwungen, seiner ersten Rede die Bemerkung hinzuzufügen, dass grosse Verbesserungen auf den Gütern, wie er sich überzeugt habe, unerlässlich wären, und den Amtmann daran zu erinnern, wie derselbe es ihm für möglich erklärt habe, die Ameliorationen ohne alle hülfe von auswärts, aus den eigenen Mitteln zu bewerkstelligen. Aber auch hierauf antwortete der Amtmann nur mit einer stummen Kopfneigung, und der Freiherr musste also auf's Neue zu sprechen beginnen.
Da Sie wussten, sagte er, dass ich heute die Entscheidung treffen muss, werden Sie Sich die Verhältnisse wohl durchdacht haben. erklären Sie Sich also nach Ihrem besten Wissen und Gewissen darüber, ob und wie Sie es für möglich erachten, dass wir, ohne zu neuen Geldaufnahmen unsere Zuflucht zu nehmen und ohne eines der Güter abzutrennen, – er vermied das Wort verkaufen geflissentlich, – die Wirtschaft weiter führen und den Schaden ersetzen können, den die Kriege uns getan haben. Man hat mir, ich verhehle Ihnen das nicht, nicht nur gegen Ihre Einsicht und Ihre Kenntnisse, sondern auch gegen Ihre person Misstrauen eingeflösst, aber ich gestehe Ihnen mit Vergnügen ein, dass ich glaube, man habe Ihnen Unrecht getan. Ich habe nichts, gar nichts wider Sie, im Gegenteil! Die Frau Baronin hat mir Ihre gefällige Dienstfertigkeit gerühmt. Sie können also zuversichtlich sprechen und der billigsten Beurteilung, der genauesten Erwägung des Für und Wider Sich versichert halten. Ohne eine zwingende notwendigkeit entferne ich Sie nicht!
Renatus war äusserst wohl mit sich und mit dieser Rede zufrieden; sie war eben so bestimmt, wie er meinte, als menschlich und gerecht gewesen, und der Amtmann hatte sie auch mit der tiefsten Ergebenheit vernommen. Er hatte nur zu verschiedenen Malen gewichtig mit dem kopf genickt; dann wieder hatte er gelächelt, wie einer, dem das Gehörte nicht unerwartet kommt, und sich zur Antwort und zum Ueberlegen bedächtig Zeit lassend, sagte er endlich: Gnädiger Herr, ich habe mich nicht herangedrängt, Ihnen meine Meinung zu sagen; ich habe gedacht, Sie sollten Sich nur, wie Sie das ja auch getan haben, hier zu land umsehen, denn die Verantwortung, die Unsereiner auf sich nimmt, ist gar zu gross. Nun Sie hier Bescheid wissen und, wie das in der Ordnung ist, überall selber herumgehört haben, was von mir geglaubt und gehalten wird, nun sind Sie doch wenigstens so weit in Ihrem Zutrauen zu mir gekommen, dass Sie meine stimme zu vernehmen wünschen. Gerade heraus also, gnädiger Herr, es sind die Spekulanten, den Steinert und den Tremann an der Spitze, die ihre Augen auf die Güter hier geworfen haben, das ist das ganze Elend! Sonst hat es noch keine Not, wenn man nur erst wieder gelassen an die Arbeit gehen kann. Verschuldet sind die Güter, schwer verschuldet, das ist wahr; wer verlangt denn aber, dass man morgen oder übermorgen die Schulden abbezahlt? Wer verlangt das anders, als die Spekulanten, die am liebsten Alles zu Geld und alles Geld in der Welt flüssig machen möchten, damit es, wie bei Tremann, alljährlich drei, vier Mal durch ihre hände laufen und immer etwas davon kleben bleiben kann? Im Gutsbesitz, im Landbesitz ist es just das stricte Gegenteil. Da will Alles seine Zeit und seine Ruhe haben. Und wenn Sie, gnädiger Herr, mir ganz allein vertrauen und Sich auf mich allein verlassen wollten, so sollten Sie erleben, ob ich mich auf mein Fach verstehe und ob ich meines Herrn Vorteil mit meiner alten Wirtschaftsmanier nicht besser wahrzunehmen weiss, als die Anderen mit all ihren neuen Künsten.
Der Amtmann gab dem Freiherrn zu bedenken, wie leicht es die Steinert, seine Vorgänger im amt, während der langen Friedensjahre gehabt hätten, die dem siebenjährigen Kriege gefolgt waren, und unter wie ungünstigen Umständen er die Verwaltung übernommen habe. Er wies den unverhältnissmässigen Geldverbrauch des Freiherrn Franz nach, er erinnerte an die furchtbaren Kriege und Kriegszüge, an den allgemeinen Notstand, an die Aufhebung der Leibeigenschaft, um zu erklären, wie unmöglich es bisher für ihn gewesen sei, an irgend eine Verbesserung auf den Gütern, oder gar an die Erzielung von Ueberschüssen zur Schuldentilgung denken zu können. Nun, sagte er, sei noch der völlige Misswachs des vorigen Jahres dazu gekommen, in welchem man das eigene Vieh zu schlachten versucht gewesen sei, weil man nicht gewusst habe, wie man es ernähren solle, und trotzdem habe er in diesem Jahre am ersten Quartale allen Verpflichtungen genügen können, die auf den Gütern und auf dem gnädigen Herrn persönlich gehaftet hätten.
Sehen Sie, gnädiger Herr, rief er und wies in die Landschaft hinaus, Gott