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meinte, sie erkenne es jetzt bereits, dass sie nicht für einander passten, und sie wolle es ihm erleichtern, sich von ihr loszusagen, ohne desshalb ihr einstiges, schönes Jugendverhältniss zu verläugnen. Er wusste ihr Dank für ihre Zurückhaltung, Dank dafür, dass sie ihn seinen freien Weg und Willen haben liess, und während er Anfangs sich davor gefürchtet hatte, ihr von seinen Planen zu sprechen, begegnete es ihm jetzt bisweilen, dass er ihr erzählte, was er zu tun, wie er sich einzurichten denke, ohne dass bei diesen Vorsätzen irgendwie von ihr die Rede gewesen wäre. Er gewann zu ihr jene unbedingte Zuversicht, welche grausam macht, und weil ihr Ehrgefühl sie hinderte, sich zu beklagen, überliess er sich bereitwillig dem Glauben, dass sie keinen Schmerz empfinde. So begann er, sich seine Unentschlossenheit und sein feiges Zuwarten zum Verdienste und als eine Massregel milder Klugheit anzurechnen, für welche alle Teile ihn zu loben hätten, und er bestärkte sich an seinem eigenen Verhalten in der Lehre: dass man gewaltsame Schritte überall vermeiden müsse, dass man die Dinge nur gehen zu lassen brauche, damit sie in die richtige Bahn und zu einer naturgemässen Entwicklung hingeleitet würden.

Als er sich niedergelegt, hatte er sich an dem betreffenden Abende gefragt: Was werde ich mit Hildegard machen, wenn ich die Güter behalte? – Am Morgen, da er sich erhob, stand er noch vor derselben Frage, und als sich dann im Laufe des Vormittags zur anberaumten Stunde sein Amtmann bei ihm einfand, war Renatus auch noch nicht über seine Ungewissheit hinausgekommen. Er fand es nach wie vor eben so unwürdig, sein Wort zu brechen, als grausam gegen ein Weib zu sein; denn von seinen täglich wiederkehrenden kleinen Grausamkeiten hatte er kein Bewusstsein, und daneben sagte er sich dennoch immer wieder, dass ihm gar nichts übrig bleiben werde, als seinem Worte, seiner Ehre und seinem Gewissen zuwider zu handeln, wenn er sich nicht gegen sein eigenes Glück versündigen, wenn er nicht ein gealtertes, kränkelndes Mädchen zu seiner Gattin, zur Mutter seiner Kinder, zur Mutter eines Geschlechtes machen wolle, das mit Fug und Recht bisher auf seine schönen und kräftigen Männer und Frauen so stolz gewesen war.

Jetzt, wo die Stunde der Entscheidung da war, drohte sein Glaube an die Weisheit des Abwartens wankend zu werden, und doch verliess ihn ein Selbstbewusstsein nicht, das ihn erhob: er stand auf seinem grund und Boden, in seiner Väter Schloss, er war hier der Herr. Die Vergangenheit dieses Hauses war die seinige, sich die Zukunft in demselben zu bewahren, stand in seiner Macht. Er hegte das volle Herrenbewusstsein, jene überzeugung von der eigenen Bedeutung, welche rücksichtslose Selbsterhaltung und Selbstbefriedigung als ihr angeborenes Recht betrachtet. Er meinte seines Vaters Geist in sich zu fühlen, und er gelobte sich, in diesem geist auch zu handeln. Er durfte, er wollte sich von dem Boden nicht trennen, aus dem er ihm erwuchs. Nur mit Hildegard musste er zu einem Abschlusse, einem Ende gelangen!

Er war eben von seinem Spaziergange mit Cäcilien heimgekommen, als man ihm den Amtmann meldete. Die Jahre hatten diesen wenig angefochten. Er war jetzt allerdings auch kein junger Mann mehr, aber er sah besser aus, als in früheren zeiten, denn er war stark geworden und blickte selbstzufrieden und behaglich lächelnd um sich her. Nur aus den kleinen, grauen Augen, deren schwere Lider sich beinahe schlossen, wenn er den Mund zur Freundlichkeit verzog, schoss hier und da ein Ausdruck achtsamer Schlauheit unheimlich hervor, der sonderbar gegen das offene Wesen abstach, dessen der Amtmann sich sonst befleissigte und rühmte.

Demütig und doch nicht ohne Zuversicht trat er bei dem Freiherrn ein. Er sagte, dass er gekommen sei, die Befehle und die letztlichen Entschliessungen des gnädigen Herrn zu vernehmen, und er hoffe, dass diese nicht zu seinem Schaden sein würden. Die Herren von Arten hätten ja treue Dienste immer zu würdigen verstanden, und so werde denn ja auch der jetzige Freiherr wohl das Gleiche an ihm tun.

Renatus hatte den Amtmann seine Anrede ruhig vollenden lassen. Dann nötigte er ihn, sich zu setzen, und ohne ihm irgend eine Anerkennung auszusprechen oder ihn zu einer Hoffnung zu ermutigen, blieb er selber, den Arm auf die Lehne seines hohen Schreibtisches gestützt, vor dem Sitzenden stehen, so dass er auf ihn herniedersah. Er genoss in diesem Augenblicke das Bewusstsein seiner herrschaft, er wollte sie den Amtmann auch empfinden lassen, und erst nach längerem Schweigen sagte er mit jener nur auf das eigene Interesse gerichteten Weise, in welcher die Fürsten gegen ihre Untertanen, die Besitzenden gegen die Nichtbesitzenden in der Regel Meister sind, und welche sie oft sogar verhindert, sich die Zeit zu nehmen, dem Angeredeten auch nur die Ehre seiner Namensnennung zu gewähren: Ich höre aus Ihren Worten, dass Sie die Ansichten kennen, welche mein Bevollmächtigter, der Kaufmann Tremann, in Bezug auf diese Güter hegt, und ich lasse es vorläufig dahingestellt sein, in wie weit er mit denselben Recht hat. Ich war bei meiner Ankunft allerdings der Meinung, dass ich hier durchgreifende Veränderungen machen müsste, indess ich mag nichts übereilen, und da, wie Sie richtig bemerken, wir in unserem haus es nicht lieben, unsere Beamten und Diener oft zu wechseln, so wäre ich in gewissem Sinne nicht abgeneigt, auch mit Ihnen einen neuen Versuch, einen neuen Contract zu machen, obschon ich mich