bereuten es schon jetzt wie ein Verbrechen gegen die Ihrigen, und es werde sicherlich Keinem anders damit ergehen. Wenn man zugebe, dass die Krämer und die Juden sich hier im land auf den Gütern einnisten dürften, so werde dem Edelmanne bald nichts mehr übrig bleiben, als das flache Land ganz und gar aufzugeben und in die Städte zu ziehen; denn Umgang, Gesellschaft wolle der Mensch doch haben, und mit solchem volk könne man doch nicht leben, könne man doch seine Frauen und Töchter nicht verkehren lassen.
In dem weichen Sinne des Freiherrn blieb von allen solchen Ansichten und Gesprächen dasjenige haften, was seinen persönlichen Wünschen am meisten diente, und es lag nicht im Vorteile seines Amtmannes, ihn anderen Sinnes werden zu lassen.
Paul hatte in verständiger Voraussicht der verschiedenen Möglichkeiten den neuen Contract mit dem Amtmanne der Art gemacht, dass der Freiherr nach seiner Heimkehr darüber entscheiden konnte, ob der Contract, wie bisher, immer auf drei neue Jahre oder, wie es eben jetzt geschehen war, nur auf ein Jahr verlängert werden solle, und der junge Gutsherr hatte seine Entschliessung endlich bis zum letzten Tage hinausgeschoben, auf welchen man die Zulässigkeit einer solchen für ihn festgesetzt hatte.
Er war ohne alles Vertrauen in sich und seine Einsicht auf seinen Gütern angelangt; indess eben weil ihm eine gründliche Kenntniss der Wirtschaft abging, war er leicht dahin gekommen, sein gelegentlich und schnell erworbenes Wissen von den Dingen sehr hoch zu veranschlagen und sich auf sein richtiges Auge, auf seinen natürlichen blick, auf seinen gesunden Verstand, mit Einem Worte, auf alle jene angeborenen Fähigkeiten zu verlassen, in deren Besitz die Unkenntniss sich beruhigt fühlt und die sich immer als unzulänglich erweisen, wo ein umsichtiges Wissen und ein folgerechtes, auf genaue Einsicht und Erfahrung begründetes Handeln vonnöten sind.
Trotzdem konnte Renatus in der Nacht, welche dem entscheidenden Morgen voranging, keine Ruhe finden. Alles, was er erlebt hatte, seit er den deutschen Boden wieder betreten, alles, was er innerlich erfahren hatte, seit er wieder in seinem schloss weilte, zog in seinem geist an ihm vorüber, und wie er sich nun von Stunde zu Stunde mehr gedrängt fand, mit sich ins Klare zu kommen, sah er deutlich ein, dass die Massregel, welche er jetzt unabweislich treffen musste, ihn zu einer Erklärung gegen Hildegard nötigen, ihn zwingen würde, auch mit ihr zu einem Abschlusse zu gelangen, und sie erleichterte ihm dieses nicht.
Wenn er die drei Güter, dieses alte Erbe seines Hauses, zusammen zu erhalten suchte, wenn er in Richten blieb, und die Wirtschaft mit hülfe eines den Ansprüchen der neuen Zeit gewachsenen Inspektors, der freilich erst noch gefunden werden musste und bei dessen Wahl man ebenfalls fehlgreifen konnte, selbst zu führen übernahm, so fehlte ihm jeder Grund, seine Verheiratung hinauszuschieben. Hildegard war seine Verlobte, der Adel der Umgegend erwartete mit Recht täglich die öffentliche Erklärung seiner Verlobung, die Gräfin sprach beständig von der jetzt nahe bevorstehenden Verbindung des jungen Paares, nur Renatus und Hildegard erwähnten derselben nicht, und der Verkehr der beiden war allmählich ein ganz besonderer geworden.
Hildegard hatte sich nicht vorteilhaft entwickelt, indess der Grund ihres Wesens war ursprünglich rein und edel gewesen, und wo sie fehlte und irrte, geschah es in der Regel durch Uebertreibung eines an sich Guten und Lobenswerten. Sie besass in hohem Grade jenes Schamgefühl, das der verschmähten Liebe eigen ist, und jene Selbstachtung, die sich im Unglücke zu bescheiden weiss. Seit dem Tage aber, an welchem sie es sich zum ersten Male deutlich gemacht hatte, dass die Zeit ihrer Jugend vorüber sei, dass Renatus sie nicht liebe, dass er daran denken könne, sie zu verlassen, war eine jener Wandlungen mit ihr vorgegangen, die sich in religiösen Frauennaturen oft mit einer unerwarteten Plötzlichkeit vollziehen. Sie hatte es aufgegeben, ihr Schicksal selbst bestimmen und gestalten zu wollen, und mit einer aus Entmutigung und Frömmigkeit zusammengesetzten Ergebung, Alles der Fügung des höchsten Wesens anheimgestellt, dem sie sich in Demut unterzuordnen beschloss. Was Gott zulassen, was er bestimmen würde, das sollte, so hatte sie es sich gesagt, auch ihr erwähltes teil sein; und wie edel und richtig von ihrem religiösen Standpunkte aus diese Entsagung auch sein mochte, war ihr dieselbe doch in ihrem Verhältnisse zu Renatus nicht förderlich gewesen, sondern nur ihm allein zu Statten gekommen.
Sonst hatte sie seine Zärtlichkeit gesucht und ihm die ihrige mit unverhehlter Liebe kundgegeben; jetzt hielt sie sich zurück, obschon das Herz ihr blutete, wenn Renatus ihre Liebesbeweise nicht forderte, nicht einmal vermisste. Sie beklagte sich nicht, wenn er ihre Gesellschaft nicht verlangte, sie liess ihn gewähren, wenn er sich oft für mehrere Tage entfernte, sie setzte Vittoria's Bemühungen um ihn kein Hinderniss in den Weg. Konnte Renatus seinen Schwüren untreu werden, obschon er's sehen musste, dass der Kummer ihre Wange bleichte, konnte Cäciliens beständige und oft so grundlose Fröhlichkeit ihn mehr befriedigen, ihm mehr wert sein, als ihr treues Herz, nun so hatte er sie nie geliebt, so hatte Gott es zugelassen, dass sie ihre Liebe einem Unwürdigen zugewendet hatte, und sie musste in Demut hinnehmen und tragen, was ihr von Gott beschieden war, auch wenn sie seine Wege nicht verstehen konnte.
Das Schweigen, die Entsagung, welchen Hildegard sich überliess, täuschten den Freiherrn, denn wo die Blindheit ihnen Vorteil bringt, strengen die Wenigsten ihr Auge zum Sehen an. Er