ererbt, das seit Jahrhunderten von dem Vater auf den Sohn, von Geschlecht zu Geschlecht übergegangen war; sie wussten nicht, was es heisst, auf eigenem Grund und Boden leben, unter seinen Leuten heimisch sein.
Die Bäume, die konnte man niederschlagen und entwurzeln lassen, wenn die Not es heischte, wie sein Vater es getan hatte. Sich selbst zu entwurzeln, sich loszureissen von seiner eigentlichen Heimat, das war noch etwas Anderes, und ehe Renatus sich dazu entschloss, musste seine Lage schlimmer sein, als er sie jetzt vor Augen hatte, musste er die überzeugung gewonnen haben, dass ihm gar kein anderer Ausweg bleibe. Noch aber hegte er diese überzeugung nicht, und er versprach sich, nichts zu übereilen, sondern sich zu genauem Kennenlernen und Prüfen, zu reiflicher überlegung die Zeit zu gönnen.
Viertes Capitel
Darüber kam der Frühling siegreich in das Land. An allen Ecken und Enden begann das Treiben und das Blühen. Renatus hatte seit langen Jahren die Güter nicht im Schmucke der guten Jahreszeit gesehen. Die keimenden Saaten, die knospenden Bäume, die grünenden Büsche freuten ihn ganz anders, als je zuvor, jetzt, wo er sie mit dem Auge des Besitzers ansah. Wind und Wetter, Regen und Sonnenschein bekamen eine Bedeutung für ihn, und die arbeiten wie die Hoffnungen des geringsten Mannes wurden ihm wichtig, weil sie mit seinen eigenen Notwendigkeiten und Aussichten zusammentrafen. Es gefiel ihm immer mehr, Grundbesitzer und Hausherr zu sein, er fand auch Behagen an dem Verkehr mit dem Adel der Gegend, mit welchem er durch alte Familienbeziehungen verbunden war; und da der Mensch so glücklich oder so unglücklich geartet ist, dass die Gewohnheit ihn allmählich auch mit demjenigen versöhnt, was ihm Anfangs unertragbar erschienen ist, so war es nicht zu verwundern, wenn Renatus, dessen natur ohnehin allem Gewaltsamen abhold war, in Bezug auf Hildegard die Dinge gehen liess, wie sie eben gingen, und von der Zeit eine Entscheidung erwartete, die er zu treffen sich nicht entschliessen mochte. Kam ihm dann doch bisweilen der Gedanke, dass diese Handlungsweise oder vielmehr dieses Abwarten nicht redlich, dass es nicht männlich sei, so beschwichtigte er sich mit der Vorstellung, dass es bisweilen edler sei, den Schein der Schwäche und der Unredlichkeit über sich zu nehmen, als sich selbst mit einer Grausamkeit gegen einen Andern, und obenein gegen ein Weib, eine Genugtuung und einen Abschluss zu bereiten, und Hildegard irrte also in der Voraussetzung keineswegs, dass Renatus von ihr die Lösung ihres Verhältnisses erwarte, weil er selber den Mut zu einer solchen nicht in sich fand.
Mit der bestimmten Absicht, sich über die Gutsverwaltung zu unterrichten und aufzuklären, nahm er bei seinem Verkehr mit den benachbarten adeligen Gutsbesitzern jede gelegenheit wahr, von der Landwirtschaft wie von den Aussichten für die Zukunft der Provinz zu sprechen, und alles, was er dabei hörte und erfuhr, stand mit den Ansichten und Massnahmen, welche Tremann ihm als die einzige zweckmässige Handlungsweise vorgezeichnet hatte, sehr im Widerspruche. Das hatte indessen seine guten Gründe.
Es ist ein beschwerlicher Beruf, einem mann unangenehme Wahrheiten zu sagen, und vollends Jemanden zu entmutigen, der für sein Wünschen und Hoffen Zuspruch von uns erwartet, ist eine unerfreuliche Sache. Die älteren Edelleute, die Lebensgenossen und Freunde seines Vaters, bei denen der junge Freiherr sich wegen seiner Angelegenheiten gesprächsweise Rat zu holen suchte, gaben ihm zu verstehen, dass die zeiten für den grundbesitzenden Edelmann allerdings verändert und nicht zum Vorteil verändert wären, seit jeder im Schacher reich gewordene Bürger Besitzer der alten adeligen Güter werden könne. Grade darum aber sei es Pflicht, wenn irgend möglich, den adeligen Grundbesitz nicht zu zersplittern. Ehe man die Güter an Schlächter und Brauer, an Branntweinbrenner und Fabrikanten übergehen lasse, müsse man diese Gewerbe lieber auf den Gütern selbst betreiben und mit neuem Erwerbe die alten Familien aufrecht zu erhalten suchen, bis man wieder so weit gekommen sein werde, die Oberhand zu haben und die Dinge auf den guten, alten Standpunkt zurückführen zu können. Vom hof aus werde dieses Verhalten ganz und gar gebilligt; man könne sich von dort her jeder Förderung getrösten, und wenn der verstorbene Freiherr Franz auch kein sonderlicher Landwirt gewesen und vielleicht, ohne streng zu rechnen, ein wenig stark ins Zeug gegangen sei, nun, so sei Renatus nicht der erste Sohn, der solche kleine väterliche Unterlassungssünden ausgleichen müsse. Der und Jener – man nannte die Namen angesehener Grundbesitzer – habe sich in ganz gleicher Lage befunden und sich mit einem tüchtigen Inspector oder Amtmann wieder ganz und gar herausgearbeitet. Es komme also hauptsächlich darauf an, ob Renatus sich auf seinen Amtmann verlassen könne, und das werde er ja wissen.
Die jüngeren Edelleute fassten die Sachlage noch anders auf. Sie hatten davon gehört, dass Angebote auf Neudorf und auf Rotenfeld geschehen wären, dass eine fabrikmässige Ausbeutung der Steinbrüche und der Torflager in Aussicht genommen sei; indess sie hegten, wie sie sagten, zu Renatus das feste Vertrauen, dass er nicht verkaufen werde. Sie läugneten nicht, dass die Güter nicht im besten stand wären, aber das gäbe doch noch keinen Grund, sie loszuschlagen. Wenn Andere sie kaufen wollten, so sei das nur ein Zeichen, dass sie sich grosse Vorteile davon versprächen, und es sei töricht, ihnen aus hastiger Mutlosigkeit in den Schooss zu werfen, was man mit einiger Geduld selbst ernten könne. Diejenigen, welche während des Krieges oder gleich nach demselben ihre Güter verkauft hätten,