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Meinung, dass der alte Freiherr es heimlich mit den Franzosen gehalten habe und nicht dawider gewesen wäre, wenn sie heute hier noch im land ihr Wesen getrieben hätten. Er hatte ja im schloss auch meistens nur Französisch parlirt mit Frau und Kind.

Jetzt mit dem jungen Freiherrn war das, wie die Leute sagten, ganz was Anderes. Man brauchte ihn nur anzusehen: die helle Ehrlichkeit sah ihm aus seinen grossen, blauen Augen. Der hatte seine Knochen und sein Leben nicht geschont. Der war mitgegangen wie der gemeine Mann, als es not getan hatte. Der hatte sein Blut ehrlich vergossen für Gott, für König und für's Vaterland, wie der gemeine Mann. Mit dem Wilhelm, mit des Neudorfer Schulzen Aeltestem, war er zusammen in Leipzig im Hospital gewesen, und als der Freiherr, dessen Wunde rascher geheilt war, als des Wilhelm's Bein, dann aus dem Lazarete abgegangen war, hatte er dem Wilhelm noch eine Flasche Alten und zwei harte Taler zurückgelassen, dass er sich pflegen und recht zu Kräften bringen solle, ehe er wieder zum Regimente käme. Und nun hier zu haus! Das war ein ganz anderes Wesen.

Der junge Herr hatte es im Kriege gelernt, dass ein Mensch des andern Menschen Kamerad und Bruder sei. Keinen, auch den ärmsten Einlieger nicht, behandelte er, wie der Alte es getan hatte. Er sagte zu Niemandem Er, er nannte Jedweden Du, und wie er neulich beim Schulzen in Neudorf gewesen war, da hatte er den Wilhelm eigens rufen lassen, hatte ihn gefragt: Nun, Kriegskamerad, wie geht's Dir? Und wie er danach weggeritten war, hatte er dem Wilhelm die Hand gegeben und geschüttelt. Jeder Mensch konnte zu ihm kommen, und nicht bloss auf die eine bestimmte Stunde, wie zum Alten, sondern wann er wollte.

Dem Berning hatte der junge Herr gleich die Latten geben lassen, die er zum Verschlage hatte haben wollen, und der Backofen war auch in Stand gesetzt, mit dem die Frauen sich alle die Jahre her so hatten quälen müssen. Der Amtmann, der liess jetzt freilich den Kopf hangen, nun der Herr über ihn gekommen war; aber das war dem harterzigen Geizhalse recht gesund; und wenn es nun wahr wäre, dass sie den Bonaparte fest in Sicherheit gebracht hätten und dass man den Frieden behielte und der junge Herr zu haus bleiben konnte, dann musste Alles noch ganz anders werden. Dann schaffte der Herr den Amtmann ab, dann fing er selber zu wirtschaften an; und dass der Herr dann nicht irgend eine Ausländische in sein Schloss führen, sondern eine Frau von hier zu land nehmen würde, daran war gar kein Zweifel. Man brauchte ja nur zu sehen, wie der junge Herr und die junge Gräfin einander Augen machten! Die im schloss behaupteten zwar, es sei die blasse Gräfin, gegen die man freilich auch nichts sagen konnte, denn gut und barmherzig und mitleidig mit den Kranken war sie auch; aber so ein schöner, junger Herr wie der Freiherr, der brauchte ja keine Krankenwärterin. Der brauchte ein frisches, junges Weib, und der jüngsten Gräfin lachte das Leben aus den Augen und platzte die Gesundheit fast aus den roten Backen heraus.

Die Frauen und die Kinder erzählten es sich in den Dörfern, wie der Freiherr und die rote Gräfin sich mit dem Junker am Sonntage auf der Terrasse lustig mit Schneeballen geworfen hätten, und als sie neulich einmal beim Reiten zu Dreien das Lied gesungen hatten, das der Wilhelm auch immer sang, der es aus dem feld mitgebracht, da hatte das lustige "Juchheirassassa und die Preussen sind da!" so durch die Luft geschmettert, dass denen im wald beim Holzfällen sich das Herz in der Brust vor Vergnügen ordentlich gehoben hatte.

Die ganze Vorliebe, welche das Volk, und mit Recht, für die Jugend, für die Schönheit, für die Gesundheit hegt, hatte sich auf Renatus und auf Cäcilie gewendet, in welchen sie dieselben verkörpert fanden, und die Leichtlebigkeit, welcher der junge Gutsherr sich halb mit Bewusstsein, halb aus Bequemlichkeit überliess, wo er es sich nicht schuldig zu sein glaubte, seine Würde besonders aufrecht zu erhalten, machte ihn vollends in den Dörfern und unter seinen Leuten beliebt. Wohin er kam, überall begegneten ihm freundliche Gesichter. Die Kinder blieben stehen und grüssten, die Alten gingen nicht ohne einen herzlichen Anruf an ihm vorüber, und sahen ihn mit Cäcilien und dem Bruder niemals kommen, ohne in die Türen zu treten und ihm lange nachzublicken.

Mit jedem Tage längeren Verweilens wuchs diese anhänglichkeit dem jungen Freiherrn mehr ins Herz. Er hatte bis dahin nur den Grund und Boden geliebt, auf dem er geboren war und der ihm gehörte; jetzt begann er die Menschen zu lieben, unter denen er geboren war und die sich als zu ihm gehörend betrachteten. Er fand ein Vergnügen darin, ihre rauhen und doch so freundlichen Gesichter zu sehen, es war ihm eine Genugtuung, wenn er einen Bedrängten so weit als möglich erleichtert von sich entlassen konnte, und mit einem stolzen Selbstgefühle genoss er das Vertrauen, welches man ihm entgegenbrachte, noch ehe er es hatte verdienen können, als eines der schönsten Erbteile, die er von seinen Vätern überkommen hatte.

Er fand es ganz begreiflich, dass Paul Tremann und dass selbst sein Onkel mit so leichtem Sinne von dem Kaufe oder von dem Verkaufe eines Gutes sprechen mochten. Sie hatten beide kein Gut