den Tag erleben, an welchem die Mutter in ihren vorgerückten Jahren aus dem schloss, das derselben zu einer lieben Heimat geworden war, auf's Neue hinausziehen und sich in der kalten, fremden Welt eine neue Stätte bereiten solle? – Das konnte, das durfte nicht geschehen. Um ihrer Mutter willen musste sie ausharren und bleiben, musste sie ihr eigenes Empfinden, ihr eigenes Bedürfen opfern.
Und wenn es dann trotzdem geschah, wenn Renatus es vergessen konnte, was er ihr schuldig war, nun, so sollte sein die Schuld, sein ganz allein auch das Verbrechen sein, das er damit an ihrer armen Mutter, an der edelsten der Frauen, zu begehen sich nicht scheute.
Dass sie selber bei ihren Planen für die Zukunft immer auf die Entfernung ihrer Mutter und ihrer Schwester gerechnet hatte, so lange diese Plane noch auf ein ausschliessliches Liebesglück begründet gewesen waren, daran freilich erinnerte Hildegard sich in dieser Stunde nicht.
Noch weniger machte Renatus sich bei seinem fröhlichen Ritte eine sorge um die Gedanken und um die Zweifel, mit welchen Cäciliens daheimgebliebene Schwester sich eben beschäftigte und quälte.
Es war ein strahlend schöner Tag. Die drei Reiter hatten ihr Entzücken an demselben. Die frische Luft, die sonnebeleuchtete Ebene, die sich nach der einen Seite weit wie der Horizont, und nur von ihm begrenzt, vor ihnen öffnete, hatten für die Phantasie etwas Verlockendes, und sie ritten schnell und schneller, wie man das immer tut, wo dem Auge kein festes Ziel gesetzt ist.
In den ersten Tagen nach seiner Ankunft in Richten hatte Renatus noch mit erneutem schmerzlichem Bedauern die prächtige Allee vor dem schloss vermisst, deren Verschwinden ihn einst so ergriffen hatte, als er in den russischen Krieg gegangen war. Jetzt war er schon völlig daran gewöhnt, das Schloss ohne seine Baumeszierde vor sich zu sehen, und selbst den Verfall an den Häusern und an den andern Baulichkeiten fand er doch nicht so arg, als er es nach Tremann's Darstellungen befürchtet hatte. Seine Feldzüge hatten ihn mit dem Anblicke so entsetzlicher Zerstörungen vertraut werden lassen, dass es ihm keinen bedenklichen Eindruck machte, wenn die Dächer der Scheunen und Ställe, denen einst eine schöne Deckung mit Dachsteinen nicht gefehlt hatte, nur notdürftig mit Stroh gedeckt waren, wo die Ziegel schadhaft geworden waren. Er hatte so viele Häuser ohne tür und ohne Fenster stehen sehen, dass eine eingesunkene Schwelle und schief hängende Türflügel, dass Verschläge von Brettern statt der Fenster, besonders, wo es sich um die wohnung von Leuten handelte, die im grund doch zufrieden waren, wenn sie unter Dach und Fach nur warm beisammen sassen, ihm nicht als ein Unglück erschienen. Und wie man in einer elenden Baracke bei rauchendem Feuer und auf hartem Boden, selbst wenn man an Nahrungsmitteln keinen Ueberfluss hatte, doch gesund und arbeitsfähig und selbst guten Mutes bleiben könne, das hatte er in seinen Feldzügen an sich selbst mehr als einmal erfahren.
Heute nun vollends, wo die Sonne so herrlich schien und der frische Wind im wald die Aeste der alten Bäume so lustig knarren machte, heute, wo die Lerche sang, als wisse sie, dass es mit dem Winter nun bald zu Ende sein und über der Furche sich in Kurzem wieder die grünen, weichen Halme schützend wölben würden, heute, wo die kluge Krähe so bedächtig auf dem letzten Reste des Schnee's umherging, als wolle sie mit dem Schnabel ermessen, wie hoch er denn noch liege und wie lange die Sonne wohl noch zu tun habe, bis sie mit ihm fertig werden und die schöne Jahreszeit beginnen könne, heute erschien auch dem Freiherrn seine Lage bereits wieder in ganz anderem Lichte, als an dem Morgen, an welchem er in sein Schloss zurückgekehrt war.
Er war in diesen Wochen überall selbst herumgewesen, hatte überall selbst nachgehört, und mehr noch als bei diesen Ausflügen hatte er von den Leuten erfahren und gelernt, die, weil er ihnen das gestattet hatte, zu ihm gekommen waren, ihm ihre Beschwerden und Wünsche vorzutragen. Sie hatten allerdings geklagt, aber Renatus hatte schon in Friedenszeiten bei seinem Dienste, und dann vollends im Kriege, mit dem gemeinen mann verkehren lernen. Er wusste, dass derselbe immer klage und dass er leicht zu trösten, dass er mit dem geringsten Zugeständnisse für den Augenblick zu beschwichtigen, ja, zufrieden zu stellen und zu geduldigem Warten wie zu mutigem Hoffen leicht zu bewegen sei.
Der Amtmann war wirklich ein harter Mann, der Justitiarius konnte nichts bewilligen, der verstorbene Freiherr hatte mit den Leuten, deren schwerfällig langsames Wesen ihn belästigte, deren Kleider, selbst wenn sie in ihrem besten Anzuge vor ihm erschienen, nach ihren schlecht gelüfteten Wohnungen übel rochen, nichts zu tun haben mögen. Er war ihnen, namentlich in den späteren Jahren seines Lebens, als der Bau der katolischen Kirche, die Entlassung des Neudorfer protestantischen Pfarrers, und der Todtschlag der französischen Kammerjungfer böses Blut zwischen der herrschaft und den Leuten erzeugt hatte, nur noch eine Schreckgestalt gewesen, und sie hatten mit ihm gar nichts gemein gehabt. Erst hatte er, wie sie sich's noch jetzt erzählten, die kleine französische Herzogin und den hasenfüssigen Marquis in's Land gebracht, vor dem kein Frauenzimmer Ruhe gehabt; nachher hatte er sich die schwarze Italienerin geholt, mit der auch kein Christenmensch im land in seiner Muttersprache reden konnte, und wenn das auch Niemand laut zu sagen wagte, im Stillen waren die Leute sammt und sonders doch der