. Aber war es ihre Schuld, dass sie verblüht war, dass Renatus sich erst jetzt zu seiner vollen Kraft, zu voller Männlichkeit entfaltete, während ihre schönste Zeit vorüber war? Hatte sie es zu verantworten, dass er sie erwählt, dass er sie an sich gebunden hatte durch alle die langen Jahre? Durch alle die langen Jahre, in denen ein frisches, wechselvolles Leben im vollen Weltgetriebe sein schönes los gewesen war und die sie teils in schwerer Pflichterfüllung, teils, weil er es also angeordnet, hier in der Einsamkeit vertrauert hatte?
Mit keinem Worte hatte er, seit er zu haus war, daran gedacht, den Zeitpunkt ihrer Verbindung festzusetzen. Aus mädchenhaftem Zartgefühl, aus Ehrgefühl hatte sie nicht nach demselben fragen, nicht auf dieselbe dringen mögen; aber auch der Zustand, in dem sie gegenwärtig mit Renatus lebte, beleidigte ihr Zartgefühl, trat ihrem Ehrgefühl zu nahe, und doch wusste sie nicht, wie sie ihn ändern, wie sie sich aus demselben befreien könnte.
Es half ihr nicht, dass sie sich schmückte! Sie konnte den verlorenen Jugendreiz damit nicht ersetzen. Es half ihr nicht, dass sie sich in nicht endender gefälligkeit um Renatus Mühe gab. Das Zufällige, das Vittoria, das Cäcilie ihm leisteten, war immer mehr nach seinem Sinne und hatte den Vorzug, ihm, weil es unerwartet kam, eine Ueberraschung zu sein. Sie hatte es allmählich aufgegeben, ihn zu suchen, weil sie bemerken musste, wie wenig es ihn freute, sie zu finden; und selbst der Mut, ihn zu beraten, hatte sie verlassen, weil er durch ihre Ratschläge seine Selbständigkeit von ihr angetastet glaubte und oft, sie zweifelte nicht daran, gegen seine eigene überzeugung handelte, um ihr darzutun, dass er nicht gewillt sei, sich der ihrigen anzuschliessen oder gar zu fügen.
Gestern hatte sie, gekränkt von der Sorglosigkeit, mit welcher er sie mehr und mehr sich selber überliess, es ihrer Mutter zum ersten Male ausgesprochen, dass sie fühle, Renatus wolle sie verlassen; er wolle mit ihr brechen und wolle, das Mass seiner selbstsüchtigen Grausamkeit zu füllen, sie dazu nötigen, die Trennung zwischen ihnen zu vollziehen.
Die Gräfin hatte dies zu läugnen, die Tatsachen in
Abrede zu stellen, ihre Tochter zu beruhigen versucht; indess Hildegard war jetzt nicht mehr zu täuschen. Sie litt mehr als sie es sagen konnte. Alle ihre Hoffnungen waren auf die Ehe mit Renatus begründet gewesen, ihre ganze Vergangenheit, ihre Zukunft wurden ihr mit Einem Schlage zertrümmert, wenn Renatus sich ihr entzog, und, für sie war es gewiss, er hatte sich ihr bereits entzogen.
Es verging kein Tag, an dem sie nicht Ursache
hatte, ihm zu zürnen, es war schon mancher Tag gekommen, an dem sie sich gesagt hatte, dass sie ihn von einer unmännlichen Charakterschwäche finde. Wenn sie seiner dachte, und wann dachte sie nicht an ihn? war oft eine Bitterkeit in ihrem Herzen, vor der sie selbst erschrak und die nicht ihm allein galt. Sie zürnte ihrer Mutter, weil diese sich einst ihrer heimlichen Verlobung mit Renatus nicht widersetzt hatte. Sie klagte die Gräfin eines Mangels an Menschen- und an Weltkenntniss an, weil sie nach des alten Freiherrn tod nicht gleich auf die eheliche Verbindung der Verlobten, oder auf die Lösung des Verlöbnisses gehalten hatte. Denn damals war Hildegard noch jung, noch hübsch, noch voller Lebensmut gewesen, damals hatte Renatus sie noch geliebt und damals hätte es ihr im schlimmsten Falle an anderen Bewerbern nicht gefehlt, damals wäre sie noch fähig gewesen, sich zu trösten, zu vergessen und ihr Herz neuer Liebe hinzugeben. Aber jetzt?
Mit selbstquälerischer Grausamkeit trat sie an
ihren Spiegel heran. Sie strich die Locken, die sie seit der Heimkehr ihres Verlobten wieder zu tragen angefangen, weil er sie einst geliebt hatte, mit einer heftigen Bewegung von ihrer Stirn, sie riss das Bändchen mit dem kleinen Kreuze, das ihr am Halse hing, mit heftiger Hand entzwei. Sie wollte sich nicht mehr schmücken. Es freute sie, dass die blauen Adern unter ihrer schlaffer gewordenen Haut, auf ihrer Stirn, in ihren Schläfen stärker als in jungen Tagen sichtbar waren. Es freute sie, dass die Linie, auf der sich Hals und Nacken einen, jetzt in bräunlicher Farbe scharf hervortrat. Renatus sollte es sehen, was sie um ihn gelitten hatte. Er sollte es sehen, dass er sie verblühen machen, dass er, er allein sie um Jugend und um Glück betrogen hatte. Und er musste ja kein Mensch, er musste nicht Renatus, nicht ihr Renatus, nicht ihr angebeteter Geliebter sein, wenn ihr Verfall ihn nicht rühren, wenn er nicht zu ihr wiederkehren sollte, ihr Jugend und Schönheit, Hoffnung, Glauben und Glück mit einem einzigen Liebesworte, mit seiner Liebe wiederzugeben.
Sie verstummte in bittern Tränen, als sie auf wei
tem Wege wieder zu dem alten Ausgangspunkte gelangt war. Mitten in dem Weinen erhob sie sich aber, und noch einmal trat sie an ihren Spiegel heran. Sie erschrak vor ihrem eigenen Anblicke. So hatte sie, so zerstört hatte sie noch niemals ausgesehen. Den Schmerz konnte sie der Mutter, den Triumph konnte sie Vittoria nicht bereiten. Sie durfte, sie wollte sich nicht sinken lassen, sich nicht verloren geben. Sollte Vittoria die Genugtuung geniessen, sie von dem schloss gehen zu sehen? Sollte sie, sie selbst mit ihren armen, weinenden Augen,