aufgestiegen. Er lenkte seinen Goldfuchs nach der linken Seite der Reiterin, leitete ihr Pferd vorsichtig die etwas glatte Rampe hinunter, und während er unwillkürlich das "Que toujours adorai!" des Knaben nachsang, grüssten er und Cäcilie noch einmal nach dem schloss hinauf, ehe sie Valerio folgten, der den Hof bereits verlassen hatte und lustig in das Freie hinausgeritten war.
Hildegard sah ihnen lange nach. Sie vergass es, dass die Mutter sie gewarnt hatte, sich eben heute, da sie nicht ganz wohl war, der Luft am geöffneten Fenster auszusetzen, die ihr nachteilig werden konnte. Das fröhliche Singen des Knaben hatte sie traurig gemacht. Wie die Phantasie des jungen Freiherrn sich an den letzten Vers geheftet, hatte ihre Seele sich der immer wiederkehrenden Worte: "Que mon coeur, mon coeur a de peine!" bemächtigt, und sie wusste sich nicht zu sagen, was ihr eben heute so grosse Betrübniss, so grossen Kummer verursachte.
Es zog ihr so schmerzlich am Herzen, es regte sich ein Gedanke in ihr, der ihr früher nicht gekommen war. Sonst hatte das Frühjahr sie erheitert, dieses Mal machte sein Herannahen sie wehmütig. Was war denn geschehen? Was war denn anders geworden, seit im vorigen Jahre die Sonne den Schnee hinweggeschmolzen und die Lerchen eben so gesungen hatten?
Damals war ihre Seele verwirrt gewesen durch ihre Eifersucht auf die Gräfin Eleonore; damals hatte sie sich nach dem Bräutigam gesehnt und mit banger Zärtlichkeit die Tage und die Stunden gezählt, die bis zu seiner Heimkehr noch vergehen mussten. Jetzt war Renatus da, sie sah, sie sprach ihn täglich, sie hatte ihm das geständnis abgenommen, dass er die Gräfin Haughton trotz ihrer verführerischen Reize nie geliebt, ja, dass er ihre Hand, die sie ihm in selbstgewissem Freimute angeboten, zurückgewiesen habe, und doch konnte Hildegard sich's nicht verbergen, dass sie in den Tagen jenes bangen und doch so zuversichtlichen Sehnens glücklicher als jetzt gewesen sei.
Sie beneidete Cäcilie um ihre unausgesetzte gute Laune, um ihre gedankenlose Fröhlichkeit. Sie beneidete Renatus, der sich mit Valerio und ihrer Schwester, von dem Augenblicke ganz hingenommen, an dem blossen Sonnenscheine erfreuen konnte. Ihr war das nicht gegeben. Der frühe Tod ihres Vaters, dessen sie sich mit allen Nebenumständen klar erinnerte, die mannigfachen Sorgen, die sie mit ihrer Mutter zeitig schon geteilt hatte, ihre heimliche Verlobung und endlich alle die Erfahrungen, welche sie während der Kriegsjahre hatte machen müssen, hatten ihr den glücklichen Leichtsinn der Jugend geraubt. Ihr Sinn war von jeher ernster als der ihres Bräutigams gewesen, und wie lieb sie ihn hatte, er kam ihr immer noch nicht fertig vor. Sie erschien, sie fühlte sich reifer als er, ihm überlegen. Als sie das einmal in einer vertraulichen Unterredung gegen den Grafen Gerhard ausgesprochen, hatte dieser ihr lächelnd erwiedert, sie könne eben nichts für ihre Berka'sche Abstammung. Den Berka lägen die Verständigkeit und die Energie so gewiss im Blute, wie den Arten der Leichtsinn und der Wankelmut, und sie sei eben desshalb wie ausersehen, mit ihren grossen Eigenschaften den Schwächen seines Neffen zu hülfe zu kommen. Ihr werde naturgemäss die herrschaft im haus und in der Ehe zufallen, und sie solle bei zeiten darauf denken, sich des Einflusses zu bemächtigen, welchen sie auf einen Charakter wie den ihres Bräutigams, zu dessen eigenem Heile, notwendig erlangen müsse.
Sie war sich bewusst, diesen Ratschlägen mit all ihrer Kraft gefolgt zu sein, aber sie erntete davon die Früchte nicht, die sie erhofft hatte. Renatus, wie leichtgesinnt er sich auch gab, hatte das feinste Gefühl für jede ihrer Absichten und war nichts weniger als gewillt, ihr irgend einen Einfluss auf seine Massnahmen und Entschliessungen einzuräumen. Sie hatte es nach den ersten vierzehn Tagen völlig aufgeben müssen, seiner Geschäftsverhältnisse gegen ihn zu erwähnen. Spottend und dann wieder scherzend hatte er sie Schritt für Schritt von dem Boden zurückgewiesen, auf dem sie sich in bester Absicht heimisch gemacht hatte. Was sie ihm leisten, ihm sein konnte und wollte, das begehrte er von ihr nicht; was er in ihr zu finden wünschte, den fröhlichen, ihn stets belustigenden Sinn ihrer um mehr als sechs Jahre jüngeren Schwester, den besass sie nicht. Sie war nicht jung genug dazu, sie war überhaupt nicht mehr jung.
Das war es, was ihr heute so weh im Herzen tat, was ihr das erste Frühlingsahnen in der Luft so schmerzlich machte, und ihr die Tränen in die Augen presste. Der Frühling war jetzt nahe am Wiederkehren, aber ihre Jugend war dahin und kehrte niemals wieder – niemals wieder!
Heute, bei dem ersten hellen Sonnenscheine, hatte sie es gesehen, hatte ihr Spiegel es ihr unwiderleglich dargetan, sie war verblüht! Die Fältchen in den Augenwinkeln, die Furchen auf der Stirn, die Züge, welche sich von ihrem mund nach dem Kinn hinuntersenkten, wie leise, wie wenig sichtbar sie auch waren, sie hatte sie heute zum ersten Male an sich bemerkt, und sie zweifelte nicht daran, Renatus hatte sie vor ihr wahrgenommen, denn er liebte sie nicht mehr, und was das Auge der Liebe übersehen hätte, dem Blicke des gleichgültigen Beobachters war es sicher nicht entgangen.
Sie hatte das Fenster längst geschlossen, war längst an ihren Nähtisch zurückgekehrt. Was sollte ihr das helle, unverwüstliche Sonnenlicht? Es vermochte ja nur der Erde, nicht ihr, nicht ihrem Antlitze neue Jugend zu verleihen