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Tage seiner Ankunft den Bruch mit Hildegard beabsichtigt. Er dachte auch jetzt noch an denselben. Aber die Vorstellung, dass er diesen Schritt später so gut wie jetzt ausführen könne, dass es nur von ihm abhänge, in welcher Weise er sein Schicksal gestalten wolle, und vor Allem die ungewohnte Nachgiebigkeit, der er begegnete, wohin immer er sich wendete, schmeichelten ihm mehr, als er es ahnte. Er täuschte sich darüber keinen Augenblick, dass Hildegard ihm mehr als gleichgültig sei, ja, dass sie ihm missfalle; und doch konnte er in ihrer Nähe nie vergessen, was der Abbé ihm über die demütige und hingebende Frauenliebe ausgesprochen hatte, doch musste er, wie oft und verführerisch ihm Eleonorens Bild eben hier in der Zurückgezogenheit erschien, sich eingestehen, dass eine stolze gewaltsame natur, wie sie, ihn auf die Länge nicht zu beglücken fähig gewesen sein würde. Denn es ging ihm wie allen den Männern, die in einem unklaren, aber darum nicht weniger richtigen Bewusstsein ihrer eigenen Schwäche vor jeder starken Frauenseele Scheu tragen. Sie sehen die Kraft als einen Fehler in den Frauen an, weil sie ihnen selber mangelt, und eben desshalb schweben sie beständig in der doppelten Gefahr, von der Berechnung der Frauen absichtlich durch eine zur Schau getragene sogenannte unterwürfige Weiblichkeit getäuscht, oder von der wirklichen Unbedeutendheit gefesselt und beherrscht zu werden.

Selbst die Misshelligkeiten und kleinen Händel, auf welche Renatus fast an jedem Tage, so sehr man sie ihm zu verbergen strebte, zwischen den einander jetzt mit erhöhter Genauigkeit beobachtenden Frauen stiess, dünkten ihn bald nicht mehr so unerträglich, als in den ersten Tagen und Wochen, denn sie gaben ihm die gelegenheit, sich täglich der herrschaft bewusst zu werden, welche er über die Personen ausübte, die er als seine Familie hielt und ansah. Und weil es ihm wider sein Vermuten und des Grafen Voraussetzungen leicht genug gelungen war, durch sein blosses Dazwischentreten ein schicklicheres Leben und Beisammensein in seinem schloss herzustellen, war er bald überzeugt, dass seine Berater, dass Tremann und Graf Gerhard, der Eine aus Unkenntniss der landwirtschaftlichen Verhältnisse, der Andere, weil ihm bei dem beginnenden Alter die Kraft und Leichtlebigkeit der Jugend nicht mehr zu Gebote ständen, ihm auch von seinen Vermögensverhältnissen ein zu düster gefärbtes und eben darum kein völlig richtiges Bild entworfen hätten.

Er beschloss also, künftig nur seinen eigenen Augen zu vertrauen und sich bei der Ordnung seiner Angelegenheiten vor allen Dingen von dem Sachverhalte selbst zu überzeugen, ehe er sich auf irgend welche eingehende Besprechungen mit seinen Beamten einliess oder sich gar in Verhandlungen mit Dritten weiter vorwärts wagte.

Drittes Capitel

Der Winter neigte sich stark zu Ende. Die Tage wurden schon wieder hell. Am Mittage, wenn die Sonne hoch stand, war die Luft leicht und warm, der Himmel dunkelblau, und der Schnee, der den Boden noch bedeckte, wenngleich er von den Dächern und Bäumen weggeschmolzen war, funkelte so hell, dass man sich belebt fühlte, als ob man im Hochgebirge wäre. Auch die lichtfreudige Lerche wirbelte sich schon wieder in gerader Linie aus ihrer Scholle zum Firmament empor und liess aus ihrer kleinen Kehle ihre jubelnde Frühlingsverkündigung vorzeitig über die Erde hinweg erschallen.

Um, wie er es nannte, nach dem Seinigen zu sehen, hatte Renatus sich gewöhnt, an jedem Mittage auszureiten. Hildegard, die man um ihrer zarten Gesundheit willen das Reiten stets vermeiden lassen, hatte ihn zum Fahren überreden wollen, um ihn begleiten zu können; indess er hatte das Reiten für bequemer und seinem Zwecke entsprechender erklärt und Anfangs nur Valerio, bald aber auch Cäcilie mit sich genommen, deren lebensvoller Körper sich immer nach starker, durchgreifender Bewegung sehnte.

Eines Tages, als man um die festgesetzte Stunde auch wieder die Pferde für die Reiter auf die Rampe geführt hatte, kam der Freiherr mit Valerio und Cäcilien eben aus dem schloss heraus. Er hatte dem Sonnenschein zu Liebe einen Jagdrock von grünem Sammet angezogen, den er auf mancher Jagd in Saint Germain getragen. Er sah ungemein gut in demselben aus, und Hildegard, die, in ihren grossen Shawl gehüllt, ein kleines Tuch vorsichtig um das Haupt gebunden, oben in ihrem Zimmer an dem geöffneten Fenster stand, bemerkte das mit Vergnügen. Aber auch Cäcilie sah es. Denn als er diese an ihr Pferd geleitet hatte und ihr seine Hand hinhielt, damit sie aufsteigen und er sie in den Sattel schwingen könne, rief sie Hildegarden die fröhliche Frage zu, ob Renatus nicht sehr schön aussähe oder ob jemals eine Königin einen schöneren Pagen gehabt habe, als sie. Valerio, der bereits auf seinem kleinen Schimmel sass, hatte auch diese Frage kaum vernommen, als er aus voller Brust einige von den Strophen zu singen begann, die Beaumarchais in seinem "Figaro" dem Pagen in den Mund gelegt hat und welche, auf die MarlboroughMelodie übertragen, mit den französischen Heeren durch ganz Europa gewandert waren. Valerio sang mit seiner schönen Knabenstimme:

Beau page! dit la reine,

(Que mon coeur, mon coeur a de peine!)

Qui vous met à la gêne?

Qui vous fait tant pleurer?

Qui vous fait tant pleurer?

Nous faut le déclarer.

Madame et souveraine,

Que mon coeur, mon coeur a de peine!

J'avais une marraine,

Que toujours adorai!

Er wiederholte den letzten Vers zu verschiedenen Malen, warf Cäcilien, mit welcher er auf dem besten fuss stand, einen Kuss zu und sprengte singend davon.

Inzwischen war Renatus ebenfalls