sich zwanglos gehen zu lassen, und sie hatte kaum eingesehen, dass die Mutter Recht habe und dass sie wohl tun werde, wenn sie ihr folge, als sie sich auch schon in eine neue Rolle hinein versetzte, die ihr freilich noch weniger wohl anstand, als die bisher von ihr aufrecht erhaltene Kundgebung der stummen Liebe.
Sie war jetzt fest entschossen, ihren Kummer zu verbannen, sie wollte sich mit aller ihrer Energie aus der sehnsuchtsvollen Braut in die glücklich Liebende verwandeln; indess eine Miene, welche man durch lange Jahre festgehalten hat, lässt sich nicht leicht verwischen. Ihr lächelnder Mund wollte nicht mehr zu dem schwermütigen Blicke, die Art, in welcher sie sich hüpfend dem Bräutigam an den Hals warf, nicht zu dem elegischen Tone ihrer Sprache passen, und wenn sie bei dem Eintritte des Geliebten nach fröhlicher Kinder Weise in die hände klatschte, machte das einen solchen Gegensatz zu der wehmütigen Neigung ihres Hauptes, die ihr zur anderen natur geworden war, dass Valerio, der nicht von des Bruders Seite wich, und weder gewohnt war, seine Gedanken zu verbergen, noch den Ausdruck seiner Einfälle zurückzuhalten, eines Tages bei Hildegard's Anblick laut zu lachen anfing.
Wie kommst Du denn in ein grünes Kleid, fragte er, und obenein mit solchen langen Locken? Du siehst wie eine vergnügte Trauerweide aus!
Die Gräfin schalt den Knaben. Auch Renatus wies ihn mit strengem Wort in seine Schranken; aber Hildegard missfiel auch ihm, seit sie zum Aufputze ihre Zuflucht nahm, mehr noch als am ersten Tage, und doch vermochte er das trennende Wort gegen sie nicht auszusprechen. Er konnte sich nicht entschliessen, einem weib, das ihm liebend gegenüber stand, mit Härte zu begegnen. Er fühlte sich sehr unglücklich, ja, er betrachtete es als eine Erniedrigung, dass er sich genötigt sah, sich der Zärtlichkeit eines ungeliebten Mädchens zu überlassen, welches offenbar entschlossen war, seine Kälte nicht zu beachten, seine Liebe durch ihre Geduld und Treue zu gewinnen und sich ihm nützlich und angenehm zu machen, indem es schon jetzt die Hälfte seiner Mühen und Sorgen auf sich nahm.
Ohne dass er es von ihr begehrte, sprach ihm Hildegard ihre Ansicht über seine Verhältnisse aus, von denen sie durch ihre eigenen Beobachtungen und Erkundigungen weit vollständiger unterrichtet war, als Renatus es erwartete. Sie hatte denn auch mit reiflicher überlegung jene Plane entworfen, von denen sie ihrem Bräutigam in ihren Briefen zum Oefteren gesprochen, und sie waren natürlich ganz auf jene Ausschliesslichkeit des liebenden Beisammenseins berechnet, welchem Hildegard einst in der Stunde der ersten Trennung von dem Verlobten mit dem Ausrufe: Ich und Du – und Du und ich! ihren Ausdruck gegeben hatte.
Ihrem Sinne widerstanden Tremann's Ratschläge, von denen sie sich mit ihren sanften und doch eindringlich bohrenden fragen bald durch den Freiherrn Kenntniss zu schaffen wusste, keineswegs. Denn Vereinfachung der Zustände war gerade dasjenige, worauf ihr Augenmerk gerichtet war. Sie stimmte daher der Meinung Tremann's auch völlig bei, dass man Neudorf und Rotenfeld verkaufen solle; sie hoffte mit dem Grafen Gerhard, dass der König, wenn er sähe, wie bedrängt Renatus sei und wie sehr er und seine Braut entschlossen wären, ihre Verhältnisse zu regeln, sich ihrer annehmen würde, und sie hatte bereits die genauesten Berechnungen über die Summe angestellt, welche man der Baronin aussetzen müsse, wenn diese mit ihrem Sohne erst an einem beliebigen anderen Orte ein Unterkommen gefunden haben würde. Dass die Gräfin Rhoden und Cäcilie sich mit dem kleinen, ihnen eigenen Vermögen nach der Hauptstadt zurückwenden würden, nahm Hildegard als selbstverständlich an, und sie erging sich also, so oft der Anlass sich ihr dazu bot, in den Schilderungen des friedlichen und vollendeten Glückes, dessen sie und der Geliebte teilhaftig werden würden, wenn sie, von Sorgen und Widerwärtigkeiten nicht belastet, hier in Richten einzig auf einander angewiesen, einst nur für einander leben würden.
Es lag in dem Ernst der jungen Gräfin eine zwingende Kraft, aber sie hatte die Unart, immer wieder auf denselben Gegenstand zurückzukommen, den Freiherrn an jedem Tage auf die notwendigkeit einer Entschliessung hinzuweisen und dadurch ihn unablässig an die ganze Schwere seiner Sorgen zu erinnern. Er gestand es sich ein, dass sie in gewissem Sinne Recht habe, dass sie ein tüchtiger, ein ehrenwerter Charakter sei; er liess sich sogar den Vorwurf von ihr gefallen, dass es ihm an Willensstärke fehle; indess die achtung, welche er ihr nicht versagen durfte, fachte die Liebe in ihm nicht wieder an. Sein Bedauern über die Unklugheit, ihr nicht aus der Ferne geschrieben zu haben, was er ihr weder verbergen konnte, noch verbergen wollte, verminderte sich dadurch nicht, und der Unfriede und die grillenhafte Lebensweise, welche in seinem schloss herrschten, traten ihm trotz alledem als der Uebelstand hervor, dem zunächst eine Schranke gezogen werden müsse.
Dass er diese Zustände, wie sie sich während seiner Entfernung herausgebildet hatten, dass er namentlich die Doppelwirtschaft nicht fortbestehen lassen könne, erklärte der junge Schlossherr den Frauen gleich am ersten Tage. Er liess die wohnung seiner Eltern öffnen, richtete sich in seines Vaters Zimmern ein, ordnete an, dass man um bestimmte Stunden und gemeinsam speisen solle, und wie diese Einrichtungen ihn des Alleinseins mit Hildegard zum teil entoben, so zeigten sämmtliche Frauen sich aus Eifersucht gegen einander mit Einem Male seinen Wünschen und Anweisungen fügsamer, als er es erwartet hatte.
Vittoria verliess ihr Gemach und stieg zur festgesetzten Zeit die Treppe