Falle nach einer strengen Pünktlichkeit, und wie über die Zeit, so hatten die Frauen sich auch über die Wahl der speisen nie vereinigen können. Gaetana besorgte die Küche der Baronin, die Gräfin hielt mit ihren Dienstboten nach ihrer Weise Haus. Hildegard warf es Vittoria vor, dass sie sich mit ihrer süssen, fetten Kost unförmlich stark und träge mache, die Baronin hingegen wollte sich nicht zu einer Ernährung bequemen, bei welcher man so wie Hildegard verfalle und an den Nerven leide, und die Folge davon war, dass den ganzen Tag im schloss des Kochens und des Bratens kein Ende war, dass der Amtmann über den gewaltigen Verbrauch von Brennholz klagte, dass die beiden Haushaltungen einander der unverantwortlichsten Verschwendung ziehen und dass Renatus gleich in den ersten Stunden von beiden Seiten mit Beschwerden und mit Anschuldigungen, mit Ratschlägen zu einer Aenderung und mit Forderungen und Ansprüchen behelligt wurde, die ihm, eben weil sie sammt und sonders kleinlich waren und den rechten Punkt des Uebels nicht berührten, äusserst lästig dünkten. Das waren jedoch im grund alles nur sehr unwesentliche Dinge gegen den Zwiespalt, den Renatus in sich trug, gegen dasjenige, was er mit sich selber und mit seiner Verlobten abzumachen hatte.
Der erste Eindruck, welchen er von Hildegard empfangen hatte, änderte sich auch im längeren Beisammenbleiben nicht. Sie war andertalb Jahr älter als der Freiherr und nie schön gewesen. Nur die an blonden Mädchen schnell vorübergehende Frische der Jugend hatte sie diesem einst reizend gemacht. Jetzt, wo Renatus auf der Höhe seiner männlichen Kraft und Schönheit stand, näherte Hildegard sich ihrem dreissigsten Jahre, und weil sie magerer geworden war, traten die Kleinlichkeit und die Schärfe ihrer Züge unangenehm hervor. Dazu hatte, wie jedes Zeitalter den Menschen eine bestimmte Physiognomie anbildet, so dass nur wenig bevorzugte Naturen sich unabhängig von dem allgemeinen Typus zu freien und eigenartigen Persönlichkeiten ausbilden, die Stimmung, welche vor und während der Freiheitskriege in Deutschland herrschend gewesen war, auch der jungen Gräfin Rhoden ihren Charakter aufgeprägt. Die schweren Sorgen, welche jeder Einzelne zu tragen hatte, die notwendigkeit, für das Allgemeine bedeutende Opfer zu bringen und sich eben desshalb in seinen eigenen Bedürfnissen zu beschränken, die Ergebung in grosse Unglücksfälle, zu der so Viele sich veranlasst fanden, endlich die Selbstverläugnung, welche die deutschen Frauen und Mädchen an dem Siechbette der Verwundeten und Kranken über sich genommen, hatten Hildegard vortrefflich erzogen, aber ihr auch ein eigentümliches Gepräge aufgedrückt. Sie war sparsam und fleissig, anspruchslos in allen ihren Bedürfnissen, grosser, ausdauernder Treue und Hingebung fähig, von einem starken Pflichtgefühle beseelt, und man hätte diese Tugenden vielleicht noch höher schätzen müssen, weil sie dieselben mit vollem Bewusstsein übte und in sich ausgebildet hatte. Grade diese Absichtlichkeit nahm ihr indessen die Natürlichkeit. Die Sanftmut, deren sie sich befleissigte und die sie in ihrem ganzen Wesen kund zu tun strebte, wurde in ihrem Mienenspiele zu einem süsslichen Ausdrucke, ihre Hingebung liess sie empfindsam erscheinen, und daneben machte ihre Strenge gegen sich selbst sie gegen die Anderen unduldsam. Mit jener Unerbittlichkeit und Selbstgenügsamkeit, denen man bei beschränkten Menschen, so Männern als Frauen, überall begegnet, hatte sie sich ein Tugendideal geschaffen, dem sie sich nachzubilden trachtete, und ohne den verschiedenen Naturen und Lebensbedingungen der Anderen irgend eine Rechenschaft zu tragen, verwarf sie Alles und Jeden, sofern sie ihrem Ideale nicht entsprachen.
Da sie in all ihrem Tun und Treiben berechnend geworden war, hatte sie bei dem Wiedersehen mit Renatus ihm gleich die ganze Fülle ihrer Liebe und die tiefe Innerlichkeit derselben darzutun gestrebt. Aber sie hatte sich diese Scene so tausendfältig vorgestellt, sich dieselbe so oft und in allen ihren Einzelheiten so genau und mit so leidenschaftlichen Farben ausgemalt, dass die Wirklichkeit weit hinter der erwarteten Glückseligkeit zurückblieb. Hildegard war also trotz ihrer anscheinenden Versunkenheit völlig im stand gewesen, nicht nur über sich selbst, sondern auch über ihren Verlobten genaue Beobachtungen anzustellen, und sie waren nicht dazu geeignet gewesen, sie über ihre Zweifel an seiner Liebe zu beruhigen. Schon dass er nicht zuerst nach ihr verlangt hatte, dass er nicht graden Weges zu ihr gekommen war, hatte, wie sie es nannte, ihrem Herzen wehe getan, und dass er dann so lange mit Valerio in seinem Zimmer und von ihr fern verweilen können, war für ihre Seele noch weit entmutigender gewesen.
Alle ihre schlimmsten Ahnungen gingen in Erfüllung. Weinend sank sie ihrer Mutter, nachdem Renatus das Zimmer verlassen hatte, in die arme; unter Tränen kleidete sie sich an; und diese Tränen trugen nicht dazu bei, sie zu verschönern. Es war vergebens, dass die Mutter ihr Mut einsprach, dass sie Renatus mit der Ermüdung entschuldigte, welche die unausbleibliche Folge einer langen Winterreise sei. Obschon auch der Gräfin das Erschrecken und die Kälte des Freiherrn sichtbar genug gewesen waren, gab sie der verzagten Tochter zu bedenken, dass in jeder langen Trennung der Keim zu gegenseitigem Missverstehen liege. Sie erinnerte Hildegard daran, wie schnell, wie plötzlich einst ihr Verlöbniss mit Renatus geschlossen worden sei und wie das wahrhaft bräutliche Zusammengehören, wie ein Zuversicht gebendes Liebesverhältniss sich noch gar nicht zwischen ihnen habe gestalten können. Vor Allem jedoch warnte sie die Tochter, ihre Zweifel dem Wiedergekehrten zu verraten. Sie beschwor sie, sich zu erheitern, sich zu schmücken, dem Verlobten unverhohlen die Freude kund zu geben, welche sie empfinde. Aber durch die lange Gewohnheit, sich in ihren Gefühlen mit Selbstbeobachtung und mit Selbstbewusstsein darzustellen, war Hildegard völlig unfähig geworden,