obschon sie schwer genug zu rücken ist, fügte sie hinzu, aber ich habe nie gehört, dass sich irgend etwas darin bewegte. Den Deckel aufzumachen, dessen Feder sich schwer öffnete, hatte ich natürlich keinen Grund, eben weil ich sie für leer hielt.
So musst Du, Liebe, gestern beim Auskleiden, als Du an dem Kamine beschäftigt warst, zufällig die Feder des Schlosses aufgedrückt haben, sagte der Baron gleichmütig, indem er den Rosenkranz betrachtete und die schöne Arbeit des Betringes mit Kennerblick besah. Der Ursprung dieser Kostbarkeiten blieb trotz alles Untersuchens auch ferner in ein Dunkel gehüllt, das Angelika's Phantasie lebhaft beschäftigte, während der Freiherr bald den Vorgang vergessen zu haben schien. Als Angelika später das Verlangen äusserte, den Fund zu besitzen, bewilligte ihr Gatte ihr denselben ohne Weiteres. Sie legte den Rosenkranz und das Crucifix in einen besonderen Kasten und schloss diesen bei ihren wertvollsten Angedenken ein, denn das Auffallende des Vorganges, weit entfernt, sie zu beunruhigen, gab ihr ein tröstliches Gefühl. Sie kam sich nicht mehr so fremd in dem haus vor, in welchem der Zufall ihr in einer schweren Stunde so wunderbar günstig gewesen war. Es freute sie, etwas Besonderes erlebt zu haben, das doch wieder mit dem haus und seiner verstorbenen Bewohnerin in einem nahen und geheimnissvollen Zusammenhange zu stehen schien; und wenn sie bisher eine Scheu vor der Erinnerung an fräulein Ester getragen hatte, so dachte sie jetzt mit immer wachsender Neigung an die Tante, bis sich die Vorstellung in ihr festsetzte, dass die Selige ihr mit jenem Funde ein Zeichen ihrer Teilnahme, ihrer Wünsche habe geben wollen, dass Ester ihr mit diesem Rosenkranze und diesem Crucifixe die Weisung erteilt habe, auf welchem Wege für Angelika die volle Uebereinstimmung mit ihrem Gatten, nach welcher sie sich sehnte, zu finden sei.
Mit ihrer Scheu vor fräulein Ester verschwand auch das geheime Abmahnen, welches sie gegen Mamsell Marianne gehegt hatte, und diese begann, sich allmählich der neuen Herrin des Hauses zu nähern und zu fügen, seit sie von derselben öfter und immer anteilvoller um Auskunft über fräulein Ester angegangen wurde. Sie kam freilich Anfangs nur auf besonderen Befehl zu der Baronin herab, indess sie fing doch an, dienstbarer und hülfreicher zu werden, je länger die junge Baronin in dem haus weilte, und da die Letztere bald nach Neujahr unpässlich wurde und das Haus und ihr Zimmer nicht verlassen durfte, erwies Mamsell Marianne sich plötzlich als eine so unermüdliche und erfahrene Pflegerin, dass es sich für die Baronin erklärte, wie unschätzbar die treue Dienerin für das oft kränkelnde fräulein Ester gewesen sein müsse.
Nun war Mamsell Marianne plötzlich wieder an ihrer rechten Stelle. Sie hatte sich alt werden lassen, so lange sie einer alten Dame gedient hatte; jetzt schien sie sich zu verjüngen, um der jungen Baronin nicht unbehülflich zu dünken, und je mehr man ihr herrschaft über die andere Dienerschaft einräumte und zugestand, um so hingebender bewies sie sich gegen diejenigen, welche sie als ihre Herren erkannte, und denen sich unterzuordnen sie als ihre wahre Ehre ansah.
Die Baronin gewahrte es mit Erstaunen, dass Mamsell Marianne die alten, steifen Hauben ablegte, welche sie auf Befehl von fräulein Ester die ganzen dreissig Jahre lang getragen, während welcher sie in deren Dienst gestanden hatte; sie konnte es kaum glauben, dass Marianne noch nicht fünfzig Jahre alt sei, und es war auch in der Tat nicht leicht, in der jetzt so rührigen Aufseherin und Pflegerin die alte, steife, wort- und blicklose Castellanin wiederzuerkennen, als welche sich dieselbe der Baronin bei ihrer ersten Ankunft dargestellt hatte.
Inzwischen hatten die Festlichkeiten des Carnevals in der Residenz ihren Anfang genommen, und da sich der Baron der ihm zusagenden zerstreuenden Geselligkeit desselben nicht gern entziehen wollte, machte er jetzt selbst den Vorschlag, den Caplan zu einem Besuche in der Stadt aufzufordern.
Angelika begrüsste die Ankunft des bewährten Mannes mit Freude. Seine Ruhe und sein Ernst, seine Milde und seine Duldsamkeit hatten ihr bei den früheren Begegnungen Zutrauen zu ihm eingeflösst, und sie konnte nicht umhin, von seiner Anwesenheit sich Gutes für sich und ihren Gatten zu versprechen.
Der Caplan war denn auch noch nicht zwei Tage in der Stadt, als er es bemerkte, wie die Stimmung des Freiherrn verändert und dass die junge Frau nicht glücklich sei; ja, es dünkte ihn bald, der Baron bereue es, seine Gegenwart gefordert zu haben. Er war schon wieder über die Verfassung hinweg, in welcher er sich in den Tagen vor seiner Hochzeit, und nach dem tod Paulinen's befunden hatte. Er dachte nicht mehr daran, eine neue Lebensrichtung einzuschlagen. Er fühlte kein Bedürfniss mehr, zu sühnen und zu büssen, er hatte, wenn ihn seine bösen Träume auch noch öfter quälten, die Hoffnung gewonnen, vergessen zu können; und wie er in den Stunden seiner Zerknirschung das Alleinsein mit dem alten Freunde gesucht, so vermied er es jetzt geflissentlich. Er fragte auch gar nicht nach dem Ergehen des Knaben, dessen Versorgung ihm doch vor wenig Monaten so sehr am Herzen gelegen hatte; indess man hatte nicht nötig, den Freiherrn so lange zu kennen, als dies bei dem Caplan der Fall war, um zu sehen, dass im grund sein Inneres nicht geheilt war und dass er sich nur zu übertäuben suchte.
Was ihn von der Baronin entfernte, was dieser den Frieden genommen hatte, war nicht minder leicht zu ergründen. Aber schonend und vorsichtig, klug und