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ihm Unterricht zu geben, und an den anderen Tagen lerne er mit der Mutter und mit Cäcilie Italienisch und Französisch. Hätten die keine Zeit, so zeichne er oder er spiele Klavier. Als Renatus sich erkundigte, wer ihn darin unterweise, sagte er sehr bestimmt, darin unterweise ihn Niemand, das könne er von selbst; und er hatte denn auch gleich, ohne um erlaubnis zu fragen, aus des Freiherrn Taschenbuch den Bleistift herausgenommen und auf den Rand eines der Papiere, die zur Einwicklung von des Freiherrn Besteck gedient hatten, eine Menge von kleinen Figuren in den wunderlichsten Stellungen und Sprüngen, oft nur mit wenig Strichen, aber mit so vollkommener Sicherheit hingeworfen, dass Renatus sich des Erstaunens und des Lachens nicht erwehren konnte. Sein Wohlgefallen an Valerio ward immer grösser. Er meinte, nie eine so reine Freude genossen zu haben, als die Liebe für diesen Knaben sie ihm bereitete, und er begriff seinen Oheim nicht, der mit solcher Wärme und Anerkennung von Hildegard sprechen und dieses schönen, lebensvollen Knaben kaum Erwähnung, und zwar mit Abneigung hatte Erwähnung tun können.

Zweites Capitel

Renatus war während der Feldzüge viel umhergeworfen worden. Er hatte gelernt, sich in den verschiedensten Verhältnissen schnell zurechtzufinden und auf verschlungenen Wegen seines Pfades nicht zu fehlen; aber eine so absonderliche Wirtschaft, wie die in seinem schloss, war ihm nirgend vorgekommen, und es war ihm leichter, überall leichter gewesen, sich durch fremde Verkehrteiten durchzuschlagen, als im eigenen haus und in der eigenen Familie Ordnung zu schaffen, besonders für ihn, der Ruhe und Frieden herstellen sollte, während er keinen anderen Gedanken hegte, als das einzige, in der allgemeinen Uneinigkeit anscheinend fest bestehende verhältnis, seine Verlobung mit Hildegard, so bald als möglich aufzulösen.

Er kannte das Schloss kaum wieder, er konnte in seinem Vaterhause nicht heimisch werden, und nur allmählich vermochte er es einzusehen, wie man zu einer so grillenhaften Benutzung der verschiedenen Räumlichkeiten gelangt war und wesshalb man sich in einer so unbequemen und unzweckmässigen Weise eingerichtet hatte. Allerdings hatte Hildegard ihm davon geschrieben, aber die Ungehörigkeit dieser Lebensweise stellte sich in der Wirklichkeit noch ganz anders als auf dem Papiere dar, und der Eindruck, welchen Renatus davon empfing, war ein sehr verdriesslicher.

Vittoria hatte gleich nach dem tod ihres greisen Gatten die Zimmerreihe verlassen, die sie mit ihm geteilt und die der verstorbene Freiherr auch mit seiner ersten Frau bewohnt hatte. Was sie dazu bestimmt hatte, darüber sprach sie sich nicht aus, aber Renatus konnte es sich denken; und als er dann eines Tages, neben ihr am Fenster stehend, in einer der Scheiben den Namen des Mannes eingeschnitten fand, dessen Brief an Vittoria er vernichtet hatte, blieb ihm kein Zweifel über die Beweggründe, durch welche seine Stiefmutter eben zu der Wahl dieser im Erdgeschosse gelegenen Räume veranlasst worden war. Da man diese wohnung seit einem halben Jahrhunderte wenig benutzt und während der Feldzüge die jüngeren Offiziere in dieselben einquartiert hatte, waren die altfränkischen Möbel, die Tapeten, die Vorhänge in denselben sehr arg mitgenommen. Für dergleichen fehlte jedoch der Baronin das Auge ganz und gar. Was sie an diese Räume fesselte, war völlig unabhängig von dem Zustande, in dem sie sich befanden. Ihr genügten sie. Sie schätzte es daneben, dass sie zu ebener Erde lagen, dass sie nicht nötig hatte, eine Treppe zu steigen, wenn sie während der schönen Jahreszeit sich im Freien aufzuhalten wünschte, und für den Winter hatte sie sich auch nach ihren eigentümlichen Bedürfnissen eingerichtet. Das schöne, grosse Bett aus ihrem Schlafgemache, einige Ruhesessel, ein Polsterlager, das sie sich bald nach ihrer Verheiratung hatte machen lassen, ihr Flügel und ihre Musikalienschränke waren in das grosse Gemach hinuntergebracht, in welchem Tag und Nacht die Feuer in den beiden Kaminen nicht erlöschen durften, weil es Vittoria nie verliess, wenn sie nicht zu einem Besuche in die Nachbarschaft fuhr. Neben ihr wohnten ihr Sohn und ihre Kammerfrau, und obschon es der Letzteren an Sinn für Ordnung nicht gebrach, wollte es ihr jetzt, wo die Baronin, ganz sich selber überlassen, ihren Neigungen nachgeben konnte, nicht gelingen, Herr über die phantastische Unordnung zu werden, in welcher Jene sich schon um desshalb wohlgefiel, weil sie den entschiedensten Gegensatz zu den Gewohnheiten der Gräfin Rhoden bildete.

Wäre Renatus nicht zu nahe dabei beteiligt gewesen, so würde der Weiberkrieg in diesem schloss ihn belustigt haben. Jetzt indessen war das anders. Da Vittoria die eigentliche herrschaftliche wohnung nie betrat, hatte die Gräfin es auch nicht für angemessen erachtet, sich ihrer zu bedienen; und weil Vittoria oft am Tage schlief und dann bis tief in die Nacht hinein am Flügel musizirte, war die Gräfin darauf bedacht gewesen, sich vor solcher Störung ihrer Ruhe zu bewahren. Vittoria wohnte also im Erdgeschoss des linken Flügels, die Rhoden'sche Familie im zweiten Stockwerk der rechten Seite. Alle übrigen Zimmer waren zugeschlossen, und man hatte zwei Treppen und die ganze Flucht der langen Gänge zu durchwandern, ehe man aus dem einen feindlichen Lager in das andere gelangte. Das hatte jedoch für die Beteiligten nur wenig auf sich, denn die Gräfin und Hildegard vermieden die Baronin so sehr, als es nur möglich war, und Cäcilie, deren blühende Gesundheit die Kälte nicht zu scheuen brauchte, focht die Unbequemlichkeit nicht an.

Schon seit Jahren ass man nicht mehr gemeinsam. Vittoria liebte es nicht, sich an eine bestimmte Stunde zu binden, die Gräfin und Hildegard verlangten auch in diesem