Beisammensein weniger missfiel? Durfte er darauf rechnen, dass sie vielleicht selber einsehen lernen würde, wie wenig sie und er zusammen passten? Sollte er ihr schreiben – mit der Mutter sprechen? Sollte er abreisen? – Damit war freilich nichts gewonnen! – Und doch hätte er es am liebsten tun mögen, hätte er nicht nach dem Seinigen sehen müssen und wäre Vittoria nicht dagewesen, die er liebte, die wiederzufinden er so glücklich gewesen war.
Der Diener hatte des Freiherrn Kleider noch nicht ausgepackt, als dieser etwas die Treppe hinaufstürmen hörte, und im nächsten Augenblicke warf sich ein Knabe mit dem Ausrufe: Mein Bruder, willkommen, mein lieber Bruder! ihm in die arme.
Ein blühenderes, ein schöneres geschöpf war kaum zu denken. Weit grösser, als seine Jahre es erwarten liessen, das braune Gesicht von einer Fülle schwarzen Haares umlockt, die schönen Lippen vom lachen umspielt, die grossen Augen vor Freude funkelnd, und leicht und kräftig in jeder Regung und Bewegung, entzückte Valerio den jungen Freiherrn durch sein blosses erscheinen; und jene Liebe für die Kindheit, welche die Frauen meist als ein ihnen besonders eigenes und angeborenes Gefühl bezeichnen, während die Männer sie oft in ganz gleichem, wenn nicht in einem höheren und edleren Grade besitzen, bemächtigte sich urplötzlich seines Herzens. Er konnte nicht satt werden, den schlanken Knaben anzusehen. Er hörte es mit unsäglichem Vergnügen, wie Valerio ihn immerfort seinen Bruder, seinen geliebten Bruder nannte, wie er sich freute, dass der Bruder nun wieder da sei, wie er den Bruder bewunderte, der alle die Schlachten gefochten hatte. Nie zuvor waren die Worte "mein Bruder" zärtlicher an des Freiherrn Ohr gedrungen, es hatte Niemand mit so voller, kindlich vertrauender Liebe zu ihm emporgesehen. Und diese Zuversicht, diese vertrauende Bruderliebe des schönen Knaben, den er hatte geboren werden sehen, den er auf seinen Armen getragen hatte, sollte er Lügen strafen, sollte er jemals wieder entbehren müssen? Nimmermehr! – Vittoria war der Stern seiner Jugend gewesen, ihre Liebe und Freundschaft hatten seine bis dahin einsame und freudlose Kindheit in Glück verwandelt. Jetzt konnte er es ihr vergelten, es ihr in ihrem Sohne mit Genuss vergelten, und er gelobte sich, es zu tun.
Nur mit Widerstreben, nur, um ihn nicht in fremder Hand zu lassen, hatte er den Brief, der gegen Vittoria zeugnis gab, von dem Grafen Gerhard angenommen. Renatus hatte nicht daran gedacht, ihn jemals gegen sie zu brauchen oder dem Willen seines Vaters entgegen zu handeln. Nur darüber war er mit sich nicht eins gewesen, ob er ihn Vittoria übergeben solle oder nicht, ob es geraten sei, die alte Wunde aufzureissen und sich zum ausdrücklichen Mitwisser von Valerio's unrechtmässiger Geburt zu machen, oder ob er besser tue, dasjenige, was begraben sei, auch begraben bleiben zu lassen. Und wie er heute Vittoria wiedergesehen hatte, wie jetzt Valerio in seiner Schönheit und Liebe vor ihm stand, zweifelte er nicht mehr, was hier zu tun ihm zieme. Hätte er sich doch am liebsten selbst vor der Erinnerung an dasjenige bewahren mögen, was diese beiden ihm so teuren Wesen von ihm trennen konnte; und rasch entschlossen, nahm er seine Brieftasche zur Hand, suchte aus derselben den bewussten Brief hervor, betrachtete ihn sorgfältig, um sich zu überzeugen, dass er sich nicht irre, und warf das Blatt dann in das Feuer des Kamins.
Was machst Du da? fragte Valerio, dessen Neugier alles, was der Freiherr tat, beschäftigte.
Ich verbrenne einen Brief.
Wesshalb das?
Weil ich Dich liebe, mein Valerio, mein lieber, lieber Bruder! gab Renatus ihm zur Antwort, indem er ihm die arme entgegenhielt.
Valerio sprang an ihm empor und sagte lachend: Du gibst grade solche Antworten, wie die Mutter.
Der Freiherr fragte ihn, was er damit meine.
O, versetzte der Knabe, solche Antworten, bei denen man nicht weiss, was sie will, und über die man sich freut, auch ohne dass man sie versteht! Aber da Du jetzt zu haus bist, lieber Bruder, will ich Dir auch Alles sagen und Dich immer fragen.
Der Freiherr, der es wohl bemerkte, wie stolz es den Knaben machte, einen fertigen Mann als seinen Bruder ansprechen und behandeln zu können, forderte ihn, von Valerio's Weise mehr und mehr gefesselt, freundlich auf, mit dem Sagen und Vertrauen nur gleich zu beginnen; indess Valerio weigerte sich dessen. Noch sei es nicht an der Zeit, noch sei es Winter; aber im Frühlinge, wenn der Schnee geschmolzen und Alles wieder grün sei, dann werde er es ihm schon sagen.
Er fing darauf, während Renatus sich säuberte und kleidete, von der Mutter, von der Gräfin und von Hildegard zu erzählen an: wie Hildegard ihn in die Stadt und in die Schule schicken wolle, wie er Hildegard nicht leiden könne, wie Cäcilie weit besser, aber weit besser sei, und wie auch die Mutter Cäcilien viel lieber habe. Renatus liess ihn immerfort gewähren, aber er konnte sich aus dem planlosen Geplauder des Knaben doch bald überzeugen, dass derselbe durch das beständige Zusammensein mit Erwachsenen eine bedenkliche Frühreife erlangt und dass man ihm weit mehr als wünschenswert den Zaum und Zügel habe schiessen lassen.
Auf des Bruders Frage, was Valerio denn lerne, was er treibe, entgegnete dieser, der Pfarrer käme Tag um Tag,