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ihn zum Beobachten nötigte, wo er sich einer einfacheren Ausdrucksweise der Empfindung arglos und willig hingegeben haben würde.

Fasse Dich, liebe Hildegard, fasse Dich! musste er sie zu wiederholten Malen ermahnen; aber sie schüttelte stumm und immer noch sprachlos das Haupt, und Renatus war endlich genötigt, sie mit sanfter Gewalt von seinem Herzen aufzuheben, um die Mutter, um Cäcilie begrüssen und Hildegard in das Zimmer geleiten zu können, wohin die Andern ihnen folgten.

Die Gräfin hatte sich, weil sie in dem fremden haus so wenig als möglich an dem Bestehenden zu ändern gewünscht, als sie nach Richten gezogen war, in dem sogenannten Fremdenflügel niedergelassen, der einst von der Herzogin bewohnt worden war. Hieher hatte sie ihre Möbel bringen lassen und sich, so weit dies möglich war, ganz so eingerichtet, wie in den Räumen, die sie in der Stadt zuletzt inne gehabt hatte. Hier wie dort hingen die weissen, schlichten Vorhänge in langen, regelrechten Falten an den Fenstern hernieder. Das kleine, alte Klavier, das schlichte Sopha, die Bilder der Königin und des Prinzen Louis Ferdinand, es stand und hing hier Alles so wie dort; auch die strenge Ordnungsliebe, die glänzende Sauberkeit herrschten hier wie dort. Renatus kannte Alles wieder, Alles; selbst den Myrtenstock am Fenster in dem altertümlichen, gemalten Topfe, und doch war es ihm so fremd, doch ängstigte es ihnso wie Hildegard's stumme Liebe, wie ihr blick ihn ängstigte, der sich gar nicht von ihm wendete, wie ihre langen Händedrücke ihn beängstigten.

Was war denn mit seiner Braut geschehen? Die Mutter fand er, wie er sie verlassen hatte. Sie war immer noch die edle, stattliche Frau mit den breiten Wangenflächen, mit dem sanften Lächeln und dem guten, mütterlichen Ausdrucke. Cäcilie war noch gewachsen, war voll, stark und hübsch geworden, weit hübscher noch, als ihre erste Jugend es hatte erwarten lassen; nur Hildegard hatte sich in einer Weise verändert, dass es Renatus schwer fiel, ihr zu verbergen, wie ihn dies überrasche.

In ihrem dunkeln, engen Morgenrocke, mit der fest anliegenden, kleinen weissen Haube über dem glatt gescheitelten Haare sah sie ihm wie eine Nonne, wie eine barmherzige Schwester aus, und ihr Behaben liess ihn vollends an ihr irre werden. Er kam nicht über die Frage hinaus: Was stellt das vor? was soll das bedeuten? Er konnte sich des Gedankens nicht erwehren, dass er verurteilt sei, in einer Komödie eine ihm aufgedrungene und nicht natürliche Rolle zu spielen. Er missfiel sich in derselben, er fand sich lächerlich in ihr; aber Hildegard missfiel ihm noch weit mehr. Er war froh, wenn die Mutter, wenn Cäcilie mit ihm sprachen, er konnte es endlich gradezu nicht mehr ertragen, sich von seiner Braut mit dieser schwermutsvollen Liebe ansehen zu lassen, und von einer plötzlichen Ungeduld ergriffen, fragte er sie, ob sie krank sei.

Krank? O nein, glücklich bin ich, unaussprechlich glücklich, entgegnete sie ihm, so glücklich, dass ich's noch nicht fassen, noch nicht glauben kann!

Aber diese Antwort machte das Uebel ärger, und lachend, um seine wahre Empfindung zu verbergen, sagte er: So will ich mich umkleiden gehen, damit Du Zeit gewinnst, Dich zu beruhigen! – Und den Anderen freundlich zunickend, verliess er sie.

In seinem Zimmer angelangt, warf er seine Kleider von sich und ging mit heftigen Schritten in dem grossen raum auf und nieder. Das Herz war ihm still in der Brust, zum Erschrecken still, und seine Gedanken wirbelten mit einer Schnelle durch seinen Kopf, dass er ihnen kaum zu folgen vermochte.

Es war unmöglich, er konnte sein Wort nicht halten. Dieses Mädchen konnte er nicht heiraten. Dass er Hildegard nicht liebe, das hatte er lange, das hatte er eigentlich schon am Tage nach seiner Verlobung gewusst; dennoch hatte er es für möglich gehalten, sich mit ihr zu verbinden, um seinem Versprechen nachzukommen, und er hatte gemeint, auch ohne die eigentliche Liebe glücklich an ihrer Seite leben zu können. Sie war immer schwärmerisch, immer überspannt, immer von einer grossen Empfindsamkeit gewesen. Aber die Schwärmerei, welche ihr vor Jahren einen eigentümlichen Reiz verliehen, die Empfindsamkeit, die ihn bei dem Abschiede mit sich fortgerissen hatte, kleideten sie jetzt nicht mehr. Sie sah so verblüht aus. Bittoria hatte Recht, man sah es, dass sie beständig kränkelte, dass sie beständig den Schnupfen haben musste; und dazu diese Gefühlskomödie, dieses Zurschautragen der Empfindung!

Wie schön, wie frei war Vittoria, die man mitten aus dem Schlafe erweckt und die von seiner Ankunft eben so wenig eine Kenntniss gehabt hatte, in ihrer Freude gewesen! Wie herzlich hatte ihn die Mutter, mit wie fröhlicher Zärtlichkeit hatte Cäcilie ihn empfangen! Er brauchte nicht an Eleonore, an dieses herrlichste der Weiber zu denken, um sich zu sagen, dass Hildegard nicht für ihn passe, dass er zu jung, zu lebensvoll und, der flüchtigste blick in seinen Spiegel rief es ihm zu, ein zu schöner Mann sei, um ein Mädchen wie Hildegard an den Altar und in sein Haus zu führen. Es war unmöglich!

Aber was sollte er tun? Sollte er es ihr gleich jetzt, gleich heute sagen, dass er sie nicht liebe? Sollte er warten und die Zeit walten lassen? War es denkbar, dass sie ihm bei längerem