dann ihn mit sich fortziehend, öffnete sie die tür von Vittoria's Gemach und meldete mit ihrer starken, lauten stimme: Signora, liebe Herrin, unser Herr ist da! Unser junger Herr, unser Herr Baron!
Das Feuer brannte hell im Kamine, Gaetana riss die Fensterläden auf, dass die emporkommende Sonne durch die gefrorenen Scheiben blendend hell hineinschien, und von dem grellen Lichte schnell erweckt, richtete Vittoria sich auf ihrem Lager rasch empor, sah den Eintretenden mit ihren mächtigen Augen voll Erstaunen an und rief dann, ihm ihre arme entgegenbreitend: Renatus, lieber Renatus, mein Sohn, mein Freund! Aber welche Freude, aber welch ein Glück!
Sie konnte sich nicht genug tun. Er hatte sich zu ihr niedergebeugt, sie nahm seinen Kopf zwischen ihre hände und küsste ihn wieder und wieder.
Wie Du schön geworden bist, wie gross, wie stark! sagte sie Mal auf Mal, und wenn sie ihn von sich entfernt hatte, als könne sie ihn nun besser betrachten, so zog sie ihn wieder zu sich heran, um ihn auf's Neue zu umarmen. Plötzlich aber brachen ihre Tränen gewaltsam hervor, und die Augen verhüllend, sprach sie: Ich glaubte, ich sei alt, sehr alt! Aber nur ein Bisschen Hoffnung, nur ein Sonnenstrahl des Glückes, und das Leben und die Jugend sind wieder da! – O, ich bin jung wie Du, seit ich Dich wiedersehe!
Ehe er es hindern konnte, hatte sie in der Freude seines Herzens seine Hand ergriffen und an ihre Lippen gedrückt. Ihre Warmherzigkeit, die Rückhaltlosigkeit, mit welcher sie sich an ihre Empfindung hingab, bezauberten Renatus, und wie ihr in der lebhaften Bewegung das seidene Tuch vom haupt glitt, dass die Fülle ihres schwarzen Haares sie und ihr volles, marmorfarbiges Gesicht umfloss, übte auch ihre Schönheit den alten, lieben Reiz auf ihren Stiefsohn aus.
Sie fragte nach seinem Ergehen, aber sie fragte, wie es die Weise ihres phantastischen Sinnes war, bald nach Diesem, bald nach Jenem. Er sollte erzählen, und doch war sie es, die ihm erzählte, wie traurig, wie verlassen sie hier im schloss lebe, wie schön Valerio geworden sei, wie sie es hier gar nicht ertragen haben würde, hätte sie Valerio und Cäcilie nicht gehabt, hätte sie sich nicht damit getröstet, dass Renatus wiederkommen und seiner armen, kleinen Mutter das Leben wieder leicht und lieblich machen werde. Nur des Freiherrn, ihres verstorbenen Gatten, erwähnte sie mit keinem Worte, und Renatus mochte ihre Freude durch keine schmerzliche Erinnerung stören. Es fiel ihr gar nicht ein, dass Jemand, der von einer Reise kommt, ein Verlangen nach Nahrung oder den Wunsch hegen könne, sich umzukleiden. Sie dachte nicht daran, dass er von der mehrtägigen Fahrt ermüdet sein müsse; selbst dass sie aufstehen und sich ankleiden lassen könne, kam ihr nicht in den Sinn. Sie war froh und glücklich, sie war immer noch die alte Vittoria, die im Augenblicke ihre Welt zu finden wusste, und wie sonst riss sie Renatus mit sich fort, dass er sich fröhlich und erquickt in ihrer Nähe fühlte.
Mit einem Male jedoch erhob er sich von dem Sessel, auf welchem er vor Vittoria's Lager Platz genommen hatte, und sich selber scheltend, sprach er: Aber ich sitze hier bei Dir, Signorina, und ich muss zu meiner Braut, zu Hildegard!
Das ist wahr! so geh', so eile! Sie wird sich freuen, die gute Hildegard! Aber sie ist immer unwohl, immer unwohl, die gute Hildegard! entgegnete Vittoria.
Auf seine Frage, was seiner Verlobten fehle, fügte die Baronin hinzu, Hildegard habe den Schnupfen, immer den Schnupfen, sie sei immer erkältet und leide, wie sie sage, an den Nerven. Sie behaupte, die sehnsucht habe sie krank gemacht. Nun aber sei er ja da, nun also werde sie genesen.
Renatus konnte den Spott in den Worten seiner Stiefmutter nicht überhören, indess er mochte sich nicht gleich in dieser Stunde mit den kleinen Misshelligkeiten und Eifersüchteleien befassen, deren Aeusserungen er in jedem Briefe gefunden, welchen er von haus erhalten hatte, und schnell die Treppe und den langen Korridor hinaufgehend, folgte er dem Diener, der ihn bei der Gräfin ansagen sollte, während er selbst in seine Zimmer zu gehen und sich nach der langen Fahrt umzukleiden wünschte, ehe er vor seiner Braut erschien. Er hatte jedoch den Korridor noch nicht verlassen, als eine in Bewegung bebende stimme die Worte ausrief: Wo ist er? Ach, wo ist er? Und da er, diese stimme erkennend, sich umwendete, eilte Hildegard mit ausgebreiteten Armen, den Kopf wie in einer Verzückung erhoben, auf ihn zu und drückte ihn stumm und sprachlos, als wolle sie ihn nicht mehr lassen, an ihr Herz.
Die Mutter, die Schwester waren ihr auf dem fuss gefolgt, der Diener stand dabei, das Kammermädchen, welches den Frauen einige Kleidungsstücke zuzutragen hatte, kam ebenfalls den gang herauf, und wenn diese Begegnung in dem kalten Vorsaale, im Beisein einer ihm fremden Dienerschaft, schon nicht nach dem Wunsche des jungen Freiherrn war, so lag in dem Wesen, in dem Tone, ja, selbst in der gewaltsamen Innigkeit, mit welcher seine Braut ihn umarmte, etwas, das, statt ihn zu erwärmen, ihn erkältete, weil es ihn unwillkürlich von sich selber abzog und