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in Begleitung der Herzogin, nach der Stadt gefahren war. Er erinnerte sich, wie man ihn in den Wagen der Herzogin gebracht hatte, damit die Mutter Ruhe hätte, und wie heiter sein Vater an dem Tage gewesen war. Vor jenem Kruge hatte man ihm auf der Rückreise zu trinken geben lassen, und der Krüger hatte nach der Frau Baronin gefragt, die unter Seba's Obhut mit dem Caplan in der Stadt schwer krank zurückgeblieben war. Nun lebten sie alle nicht mehr: nicht sein Vater, nicht seine Mutter, nicht der Caplan und nicht die Herzogin! Und wie ihm das auch weh tat, sie konnte er nicht beklagen. Das Leben dünkte ihm kein so grosses Glück. Brauchten sie alle es doch nicht zu hören, was er von Tremann und von dem Grafen hatte hören müssen! Er dachte mit einer zärtlichen Genugtuung daran, dass sie mit weniger beschwertem Sinne, als er, durch ihr Dasein gegangen waren, und dass nur er allein die Erbschaft ihrer Sorgen auf sich nehmen musste. Sie hätten denselben zu stehen nicht mehr vermocht.

Vor dem haus, vor welchem er auf seinem eiligen Ritte nach dem väterlichen schloss damals, als er seinem Regimente Quartier bestellen wollte, mit Steinert zusammengetroffen war, musste er auch jetzt wieder verweilen. Man hatte die Postalterei dahin verlegt, es war die letzte Station, auf der er seine Pferde wechselte. Der Postalter, der den jungen Freiherrn trotz der sechsjährigen Entfernung augenblicklich wiedererkannte, bewillkommte ihn mit lebhaftem Zuspruche. Wie vor sechs Jahren, hatte Renatus jedoch auch jetzt keine Neigung, darauf einzugehen. Jetzt wie damals fürchtete er, irgend welche ihm unwillkommene Berichte zu vernehmen, denn Gutes war ihm von haus schon seit langer Zeit nicht mehr gekommen. Und sich wie Einer, der geschlafen hat und weiter zu schlafen denkt, tief in die Wagenecke zurücklehnend, befahl er, sobald die Pferde vorgelegt waren, weiter zu fahren.

Es war noch früh am Morgen, als das Schloss sich vor seinen Augen erhob. Die Stattlichkeit desselben freute ihn, da er es jetzt zum ersten Male als sein Eigentum begrüssen sollte, aber seine Besitzesfreude war nicht rein. Wehmütige Erinnerungen und schwere Sorgen warfen ihre trüben Schatten über sie.

Man hatte am verwichenen Tage die Kalesche des Freiherrn auf Kufen gesetzt und die Räder untergebunden, denn der Schnee lag hier noch auf dem ganzen land fest. Er reichte vor den niedrigen Häusern der Insassen bis an die halbverstiemten kleinen Fenster hinauf. Nun steckten aus den Türen sich hier der Kopf einer Alten, dort ein paar Kindergesichter unter ihren dicken Pelzmützen hervor, als mit dem Schalle des Postorns zugleich das Klingeln der Schlittenschellen ertönte, und der Schlitten, von den starken Gäulen fortgezogen, eilig durch das Dorf fuhr.

Die winterliche Einsamkeit, das Anschlagen der Hunde, das sich von Hof zu Hof fortsetzte, bis es aus dem Bereiche des Schlosses an des Freiherrn Ohr klang, hatten etwas Melancholisches für ihn, dem jetzt seit Jahren das belebte Treiben der heitersten aller Städte zu einer lieben Gewohnheit geworden war. Da er sich in Berlin so plötzlich zum Aufbruche entschlossen und auch seine Abreise von Paris schneller, als er es erwartet hatte, gekommen war, konnte man hier in Richten natürlich auf seine Ankunft noch nicht vorbereitet sein.

Das eiserne Gitter in dem Hoftore war geschlossen, kein Laden in beiden Stockwerken geöffnet. Man hätte das Schloss für unbewohnt ansehen können, wäre nicht aus den Schloten der Rauch emporgestiegen.

Der Postillon liess auf's Neue sein Horn erklingen, um Einlass zu erhalten. Der Freiherr betrachtete während dessen, wie der graue Rauch, von der Sonne erhellt, an dem lebhaft gefärbten Himmel in graden, sich kräuselnden Säulen in die Höhe stieg, die Gegend, das Klima, sein Schloss und sein ganzer Zustand kamen ihm plötzlich so fremd, so wenig als zu ihm gehörend vor, dass er über die Gleichgültigkeit erschrak, mit der er, hier umherschauend, auf das Oeffnen seines Hauses wartete.

Der Bursche, der das Tor aufmachte, kannte den Freiherrn nicht. Er war noch ein Knabe gewesen, als Renatus fortgegangen war. Aber der Stallknecht, der hervorkam, riss voll freudiger Bestürzung seine Mütze von dem kopf und rief, während er sich mit den Händen gegen die Lenden schlug, dem Schlitten nachlaufend: Der Herr! Herr Jesus, unser junger, gnädiger Herr ist da! der Herr ist da!

Der Ruf brachte im hof Alles schnell in Bewegung. Der Kutscher, ein Paar der andern Leute eilten nach der Rampe. Die tür des Schlosses ward rasch aufgemacht, es kamen ein Diener, einige Mägde zum Vorschein, man umringte Renatus, man küsste ihm die hände, aber es waren lauter fremde Gesichter. Nicht Einer von den Leuten, die früher im schloss gewesen waren, fand sich unter den Begrüssenden, so dass es dem Schlossherrn endlich eine wirkliche Erquickung war, als Vittoria's italienische Kammerfrau, ihr rotseidenes Tuch wie sonst um das dicke, schwarze Haar geschlungen, aus einem der unteren Zimmer zum Vorschein kam.

Wo ist die Signorina? fragte Renatus lebhaft, und der blosse Klang dieses einen Wortes erwärmte ihm das Herz.

Hier, Signor, hier! Im Bette! Sie schläft noch, aber sie wird glücklich sein über ein solches Erwecktwerden! Kommen Sie, kommen Sie, Herr Baron! Wie glücklich wird meine Signorina sein!

Die treue Seele liess dem Freiherrn kaum die Zeit, sich seines Pelzes und seiner Reisestiefel zu entledigen;