durch die blosse Andeutung, dass ich von dem Dasein eines solchen Briefes wisse, Ruhe und Frieden in Richten geschafft, und die Gräfin und Hildegard haben mich seitdem für einen grossen Psychologen, ja, für einen halben Zauberer angesehen. Du wirst viel zu schlichten und zu schaffen finden, denn auch der Junge ist ein wahrer Satan, aber vielleicht auch ein Genie, und wenn Du etwa von dem Briefe einmal Gebrauch zu machen denkst ....
Das werde ich niemals! fiel Renatus ihm in die Rede.
Hüte Dich, mein Lieber; man soll so etwas nicht sagen! meinte der Graf. Das Leben nimmt uns oft sonderbar beim Worte!
Es entstand eine Pause; Renatus schickte sich zum Fortgehen an. Der Graf fragte ihn, wann er nach haus zu reisen denke, und er entgegnete, dass er schon morgen aufbrechen möchte, dass er jedoch erst noch einmal zu Tremann gehen und seine Papiere an sich nehmen müsse. Der Graf hingegen meinte, dass Renatus desshalb ja nicht noch einmal mit Tremann zusammen zu kommen brauche, sondern dass diese Sache sich auch schriftlich abtun lasse; und nach kurzem Hin- und Widerreden kamen sie überein, dass der Graf gleich jetzt zwei Zeilen an Tremann schreiben solle, um dem Neffen ein neues unwillkommenes Begegnen zu ersparen.
Der Graf, der es unter der Franzosenherrschaft wohl gelernt hatte, rasch und gewandt mit der Feder umzugehen, setzte sich sofort an seinen Schreibtisch nieder. Warte, sagte er, dabei kann ich ihm gleich auf seinen ritterlichen Brief von diesem Morgen die ihm gebührende Antwort vergönnen. Als er geendet hatte, bot er seinem Neffen das Billet zur Ansicht dar. Es lautete:
"Mein Neffe, der Freiherr Renatus von Arten-Richten, welchen der Wunsch, seine Heimat und seine Braut baldmöglichst wiederzusehen, zu beschleunigter Abreise veranlasst, hat mich beauftragt, die sämmtlichen in Ihrem Gewahrsam befindlichen, ihm zustehenden Papiere und Dokumente von Ihnen zurückzufordern. Ich ersuche Sie also, mir dieselben gegen einen von dem Freiherrn unterzeichneten Empfangsschein zustellen zu lassen. Bei dieser gelegenheit bemerke ich zugleich auf Ihr Schreiben von heute früh, dass es mir gegen die Ehre und gegen die sittliche Pflicht eines jeden Mannes zu verstossen scheint, entwendete Papiere käuflich an sich zu bringen, dass es aber fern von mir ist, Sie desshalb zu einer Rechenschaft zu ziehen, da jene mir entwendeten Briefschaften völlig wertlos für mich sind."
Der Graf sah, dass die letzten Zeilen dieses Briefes nicht nach dem Sinne seines Neffen waren, aber er wusste dem Ausdrucke dieses Missfallens vorzubeugen. Man muss diesen Herren doch gute Sitten lehren, sagte er spöttisch, und ihnen zeigen, wie ein Cavalier mit Ihresgleichen umzugehen hat. Sie möchten sich am liebsten auch in der Gesellschaft in Reihe und Glied mit Unsereinem stellen, weil sie einmal im feld neben uns gestanden haben. Aber die Tage folgen einander und gleichen einander nicht! wie die Franzosen richtig sagen.
Er ersuchte Renatus darauf, ihm den Empfangsschein, dessen er für Tremann benötigt war, zu schreiben. Sie verabredeten, dass sie am nächsten Tage noch zusammen speisen wollten, und Renatus, der von der Menge der verschiedensten Eindrücke aufgeregt war, trug jetzt selbst ein Verlangen, nach Richten zu kommen, um seine Zustände und Verhältnisse einmal durch eigene Anschauung und Erfahrung zu prüfen und wo möglich zu einem Abschlusse zu bringen, der es ihm vergönnte, sich in Ruhe auf sich selber zu besinnen.
Viertes Buch
Erstes Capitel
"Die Tage folgen einander und gleichen einander nicht!" wiederholte sich der Freiherr, als er in seiner Reisekalesche einsam durch die tief verschneiten Haiden gegen Osten nach seiner Heimat fuhr.
Er empfand das jetzt noch lebhafter, als es sich ihm bei seiner Reise durch Deutschland dargestellt hatte. Gerade sechs Jahre waren es her, seit er mit dem preussischen Contingente, am Ausgange des Winters, denselben Weg gegangen war; aber sie waren dahin, die jugendlichen liebes- und Ruhmesträume, welche ihm damals die Brust geschwellt hatten. Ihm winkte jetzt nicht mehr das Wiedersehen mit seinem Vater, nicht mehr die Aussicht, mit seinen fröhlichen Kameraden in seiner Väter Schloss heitere Tage zu verleben, und Vittoria und ihren Sohn in Freuden zu umarmen. Er war noch jung genug, indess die grossen Ereignisse, die ungewöhnlichen Schicksalswechsel, die er an sich hatte vorüberziehen sehen und in denen er selbst beteiligt gewesen war, die Gefahren und Nöten, die er überstanden, die Vorgänge in seiner Familie und namentlich die Erfahrungen, die sich ihm in Paris in den letzten Wochen und Monaten aufgedrängt hatten, machten, dass er sich älter, in der Tat weit älter dünkte. Dazu trat die sorge jetzt nahe und näher an ihn heran.
So lange er in Frankreich gewesen war, hatte er sie wie eine ferne, weit entlegene Gebirgsreihe nur in unbestimmten umrissen und nur gelegentlich vor sich gesehen. Jetzt, da er sich auf der altbekannten Strasse wiederfand, da jede Station ihm eine halbvergessene Erinnerung wachrief, tauchte auch die ganze Kette seiner Sorgen immer deutlicher vor ihm empor, und er konnte, wohin er den blick auch wendete, es nicht hindern, dass sie sich hoch und höher aufzutürmen schienen, bis er sich endlich wie von ihnen umringt und seinen ganzen Horizont von ihnen in einer Weise eingeschlossen fühlte, dass es ihm jeden freien Ausblick hemmte und ihm den Atem einzuengen drohte.
Was ging ihm nicht alles durch den Kopf! – In diesem Gastofe war er gewesen, als er mit seinen Eltern,