1864_Lewald_163_413.txt

. Er begehrte zu wissen, was das sagen wolle; sein Oheim suchte ihn zu beschwichtigen, und da Jener in ihn drang, meinte der Graf, er selber habe nicht recht dahinter kommen können, um was es sich dabei handle. Graf Stammburg, der Attaché der preussischen Gesandtschaft, welcher dieser Tage mit Privat-Depeschen von London angekommen sei, habe das Gerücht von einem Liebeshandel, einem Bekehrungsplane, einer Verführungs- oder Entführungsgeschichte hierhergebracht, in welcher der Name eines katolischen Geistlichen mit Renatus' Namen und dem Namen der bekannten Schönheit, der Gräfin Haughton, wunderlich verschlungen zu gleicher Zeit genannt worden wären. So viel stehe fest, dass die englische Gesellschaft die Gräfin zurückgewiesen, dass sie sich auf ihre Güter begeben habe und in das Ausland zu gehen beabsichtige. Käme sie bei ihrer Reise etwa nach Berlin, so sei es, was auch immer zwischen ihr und dem Freiherrn vorgegangen wäre, gewiss das Beste, wenn derselbe bei ihrer Ankunft nicht in der Hauptstadt und wo möglich schon vermählt sei, um sich damit gegen seine eigenen Erinnerungen wie gegen die möglichen Ansprüche der Gräfin eine Schutzwehr zu bereiten.

Renatus war sehr betroffen. Er konnte es nicht ertragen, von sich und von Eleonoren in solcher Weise sprechen zu hören oder einen Verdacht gegen seine Ehre auf sich sitzen zu lassen. Um sich zu rechtfertigen, erzählte er dem Oheim seine Erlebnisse bis in ihre kleinsten Einzelheiten, und es war lange nach Mitternacht, als die Beiden noch bei einer Flasche Wein beisammen sassen.

Der Graf war ein vortrefflicher Zuhörer. Er verstand zu fragen, sprechen zu lassen und zu schweigen. Als Renatus aber alle seine Mitteilungen geendet und dem Grafen selbst sein erkaltetes Empfinden für seine Braut nicht verborgen hatte, riet dieser ihm nur noch entschiedener, gleich an einem der nächsten Tage nach seiner Heimat aufzubrechen. Er pries Hildegard in gewohnter Weise auf das wärmste, meinte, jedes Feuer erlösche, wenn man es zu lange ohne Nahrung lasse. Auch Renatus brauche nur in der Nähe seiner Braut zu sein, um die alten Flammen wieder auflodern zu fühlen. Dazu gab er ihm des Königs bekannten Widerwillen gegen alles, was irgend nach einem romantischen Abenteuer aussähe, zu bedenken. Es sei nicht ratsam, meinte er, wenn der König jetzt zum ersten Male von Renatus, gerade auf Anlass eines so vieldeutigen Gerüchtes, sprechen höre, ohne dass man durch den Hinweis auf seine nahe Vermählung mit einer ihm von Jugend auf verlobten Braut jene Verdächtigungen entkräften könne. Für die Herstellung von Renatus' Vermögen und Besitz sei des Königs Gunst die erste und die einzige Bedingung, und die Gräfin Rhoden, die Mutter wie die Töchter, besässen diese Gunst.

Der Graf kam allmählich auch auf die Baronin Vittoria zu reden, erwähnte mit Bedauern, dass sie seinen verstorbenen Schwager wohl manche unangenehme Erfahrung habe machen lassen, und meinte, da heute einmal zwischen ihnen Alles, wie es sich zwischen so nahen Blutsverwandten und zwischen Männern zieme, welche die Welt und das Leben kennen gelernt hätten, durchgesprochen würde, so wolle er Renatus denn auch vertrauen, dass er in Bezug auf dessen Stiefmutter ein sehr wichtiges Dokument besitze. Es sei ein Brief, der Brief eines im feld gebliebenen italienischen Offiziers an die Baronin. Er, der Graf, sei sonst, wie Renatus es heute gesehen habe, eben kein sorgfältiger Aufbewahrer von Papieren, indess dieses sei ihm doch der Mühe wert erschienen, und da man nicht wissen könne, wie Alles sich einmal im Leben füge, so sei er bereit, es Renatus auszuhändigen.

Die Mitteilung kam dem Freiherrn höchlich unerwünscht. Sein Schamgefühl wie sein Ehrgefühl lehnten sich gegen diese Entüllung des Verrates auf, welchen Vittoria gegen seinen Vater begangen hatte; und dass ein Anderer, als eben er und sein verstorbener Vater, sich das Recht zuerkennen durfte, seine Stiefmutter zu verurteilen, tat ihm auch um ihretwillen weh. Wäre er seiner ersten Eingebung gefolgt, so würde er das Anerbieten von sich gewiesen haben, aber die flüchtigste überlegung liess ihn erkennen, dass ein zeugnis gegen die Baronin, gegen die Frau, die seines Vaters Gattin gewesen war und seines Hauses Namen trug, nicht in fremden Händen bleiben dürfe; und sich überwindend, sagte er so ruhig, als er es vermochte, dass er es seinem Onkel natürlich nur Dank wissen könne, wenn er ihm den Brief abtreten wolle.

Der Graf holte ihn also sofort herbei. Der Zufall spielt oft wunderbar, meinte er. Ein Italiener, der uns hier zur Zeit des russischen Feldzuges im haus erkrankte und am Typhus starb, hatte das Blatt an Vittoria in seiner Brieftasche. Die Weissenbach, welche des Kranken gewartet und dann später sein Hab und Gut an sich genommen hat, brachte mir das Schreiben.

Es war in der Tat nur ein einzelnes Blatt, wie man es aus einer Schreibtafel herausreisst, los zusammengelegt, mit Bleistift geschrieben, die Buchstaben und die Zeilen unregelmässig; man musste annehmen, dass ein Kranker, ein Sterbender sie hingeworfen hatte. Die Aufschrift aber war von einer anderen Hand. Sie trug in festen, sichern Lettern Vittoria's Namen mit genauer Angabe ihres Wohnortes und der Stadt, in deren Nähe Schloss Richten gelegen war.

Ohne den Neffen anzusehenund diese Rücksicht wusste Renatus sehr zu würdigenreichte er ihm über die Schulter hin das Blatt. Wer weiss, wie Du es einmal brauchen kannst, Deine Stiefmutter im Zaume zu halten, sagte er. Ich habe, wie ich Dir bekennen will,