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, dieser Tremann und der Baurat Herbert. Sie sind es, die ihre Absichten auf Neudorf und auf Rotenfeld gerichtet haben. Sie wollen bei Euch in der Provinz, wo der Boden und der Arbeitslohn noch billiger sind als hier, Fabriken anlegen, Oelund Zuckersiedereien, und, was weiss ich, was sonst noch Alles. Steinert, der Marienfelde schon besitzt, soll so viel als möglich von dem Rohprodukte auf eigenem, den Fabriken gehörendem Boden erzielen. Herbert übernimmt die Bauten. Steinert's Sohn haben sie ein Jahr hindurch in England gehabt und nun nach Amerika hinübergeschickt, damit er sich in dem Fabrikwesen umsehen solle, und Tremann, der jetzt hier bereits wieder zu den grossen Firmen zählt, findet für jede seiner Unternehmungen Teilnehmer und Capital, wobei denn, wie sich das nach Meinung dieser Leute wohl gebührt, dem Erfinder der Löwenanteil anheimfällt. Die Continentalsperre hat sie alle klug gemacht, und was wir Bonaparte auch nachzutragen haben, die Industrie des Festlandes hat er mit einem Federzuge um Jahrhunderte gefördert.

Der Graf erwähnte darauf noch in derselben abfertigenden Weise verschiedener anderer Gewerbtreibenden, die in kurzer Zeit grosse Vermögen erworben hatten; aber Renatus hörte es nicht mehr. Es war ihm unheimlich, zu denken, wie Andere sich bereits Rechnung auf Gewinn von dem Ertrage seiner Güter machten; und wie sich in solcher Lage die Vorstellungen dem Menschen leicht zum Bilde verkörpern, kam er sich wie ein von Jägern vorsichtig umstelltes wild vor, dem zwar die freie Bewegung innerhalb des Reviers, aber kein Entrinnen mehr vergönnt ist. Er sah sich im geist schon auf Richten eingebannt, von Neudorf und Rotenfeld qualmte der Rauch aus den Schloten der Oelmühlen und Zuckersiedereien, er meinte den Donner der Minen zu hören, mit denen man in den Steinbrüchen hinter Neudorf die Felsen sprengte, und von seinem Missempfinden fortgerissen, rief er: Wenn ich mir denke, dass diese Compagnie sich bei uns einzunisten denkt ....

Wo denken sie sich denn nicht einzudrängen? erwiderte mit lachendem Achselzucken der Graf. Und vor Allen dieser Monsieur Tremann! Daer stand auf, ging an seinen Schreibschrank, schob einige Papiere, die auf demselben lagen, mit rascher Hand zur Seite, und seinem Neffen ein Blatt hinhaltend, fügte er hinzu: Da, lies einmal, welch eine Epistel ich heute von dem Patron erhalten habe.

Renatus tat, wie Jener begehrte; indess die wirkung des Schreibens war eine andere, als der Graf erwartet haben mochte, denn mit sichtlicher Missbilligung fragte sein Neffe: Aber wie konnte das auch geschehen? wie konnte die person zu diesen Briefen kommen? Da Sie ihr dieselben nicht gegeben haben können, so muss sie sie entwendet haben. Was werden Sie denn tun?

Was ich tun werde? lachte der Graf, Nichts! Ich werde dem Herrn Tremann die Zeit vergönnen, den Landwehr-Major zu vergessen, der ihm noch im kopf spukt, und sein Arten'sches Blut, an das er sicherlich auch mit Vergnügen denkt, allmählich zu beruhigen. Wenn man als verständiger und gewiegter Mann sich noch um solche Jugendsünden kümmern sollte, da hätte man viel zu tun, vorausgesetzt, dass man ein Paar rote Backen besessen und gesunde Glieder in der Uniform gehabt hat. – Aber den Scherz bei Seite! Du denkst doch hoffentlich jetzt nicht daran, Deine Angelegenheiten diesem Tremann noch länger zur Ausbeutung zu überlassen?

Renatus sagte, wie Tremann selbst gefordert habe, dass er ihn davon entbinden möge.

So tue es, je eher, desto lieber! sprach der Graf. Du bist jetzt hier, gehst jetzt nach haus. Sieh' Dir an, wie die Verhältnisse dort sind, und da ja zwischen heute und morgen nichts entschieden zu werden braucht, so kann man überlegen, was zu machen ist. Bringe mir die Berichte einmal her, vielleicht vermag ich etwas für Dich zu tun. Ich komme im Frühjahre in unsere Provinz. Der Regierungs-Präsident, der Direktor der Landschaft sind alte Freunde von mir. Man muss die Dinge nur anzufassen, höchsten Ortes richtig darzustellen wissen! Es geht Unsereinem nicht gleich an Hals und Kragen, und wenn man sich bei Anlass Deiner Hochzeit an die rechte Stelle wendet, so kommt man Dir, da Hildegard und die Mutter sehr geschätzt sind, wohl zu hülfe. Sind wir denn Hans und Kunz, dass wir uns nur mit so brutalen Mitteln wie Kreti und Pleti aus der Affaire ziehen könnten?

Der Graf war bei diesen Auseinandersetzungen äusserst heiter geworden. Das wirkte auf Renatus vorteilhaft zurück. Nach kurzer Beratung kamen der Oheim und der Neffe dahin überein, dass der junge Freiherr gleich jetzt an Tremann schreiben und die sofortige Aushändigung der Geschäftsakten und Dokumente begehren solle, weil Renatus sie mit sich zu nehmen wünsche. Das brachte die Unterhaltung denn auch auf die Abreise des Freiherrn, und der Graf riet ihm mit einer gewissen Dringlichkeit, dieselbe zu beschleunigen und auch seine Hochzeit so bald als möglich zu begehen. Da dies seinem Neffen beides auffiel, sagte Jener unumwunden, Renatus möge nicht vergessen, dass er gegenwärtig der letzte Arten sei und dass er seinem haus schulde, endlich für die Erhaltung dieses alten Geschlechtes sorge zu tragen. Nebenher sei Hildegard durch den langen Brautstand mutlos und an sich selber irre geworden, habe ein Misstrauen in Renatus' Zuneigung zu ihr, und es sei auch für Renatus selber nötig, dass er sich von dem Gerede frei mache, das über ihn im Gange sei.

Der junge Freiherr fuhr auf