1864_Lewald_163_411.txt

mir unnötig eine Blösse gegeben, die ich mir hätte sparen können, hätte ich, wie sich's gebührte, erst den Grund und Boden und die Gegend genau untersucht, in die ich jetzt fast als ein Fremder zurückgekommen bin.

Er erzählte darauf, wie er, statt sich erst zu seinen Freunden zu begeben, gleich am Morgen zu Tremann gegangen sei, wie dieser ihm eine Besorgniss erregende Rechenschaft über seine Angelegenheiten abgestattet, wie er selber sie im trübsten Lichte angesehen und wirklich an nichts als an den Untergang gedacht habe. Um sich aber wegen dessen, was er jetzt als seinen törichten Kleinmut bezeichnete, zu entschuldigen, gab er dem Oheim zu bedenken, dass er die Eindrücke seiner Kindheit, in welcher er den hohen Adel Frankreichs flüchtig durch die Welt habe ziehen sehen, niemals los geworden sei, und dass er sich, von seinem Stammbesitze abgetrennt, so elend wie ein Verstümmelter, ja, wie ein Mensch ohne seinen natürlichen Schatten erscheinen würde. Er berichtete, von dem Drange nach Mitteilung dazu verleitet, alles, was er von Tremann erfahren hatte, liess es nicht unerwähnt, dass Herbert, der dem Grafen dem Namen nach aus den früheren zeiten wohl bekannt war, auf Neudorf Absichten hege, dass auch von einem Käufer für Rotenfeld die Rede gewesen sei, und der Graf hörte ihm, ohne ihn zu unterbrechen, geduldig zu.

Dann, als jener geendet hatte, sprach er: Ja, sie regen sich gewaltig, diese Herren vom Geldsacke und von der Hacke, und man könnte wirklich mitunter meinen, das goldene und das eiserne Zeitalter rückten gleichzeitig, und zwar zu unserem Verderben, auf uns heran. Glücklicher Weise aber hat es keine Not mit ihnen. Ihre Interessen sind tausendfältig, kreuzen und widerstreben einander, und die unseren sind eineseines und dasselbe durch die ganze Welt! Ihre Habgier trennt sie von einander, unser berechtigtes Verlangen, das Unserige, seien es Rechte oder Besitztümer, zu erhalten, zwingt uns zur Einigkeit. Wir gipfeln in dem Trone, den wir stützen, sie suchen nach einer Gestaltung, die Alle auf gleiche Höhe stellt, und sie verflachen und vernichten sich auf diese Weise, während wir uns durch unsere Gliederung und Unterordnung zugleich vertiefen und erheben. Es hat keine Not mit ihnen und mit uns! Ich habe sie unter den Franzosen studirt und kennen lernen, diese republikanischen Grafen von vorgestern und Prinzen von gestern! – Er lachte. – Du hast ja selber Proben von ihnen hier bei mir gesehen. Schmutziges, habgieriges Gesindel, das Jeden für käuflich hielt, weil es selber käuflich war!

Renatus hörte dem Grafen nicht ohne Wohlgefallen zu, aber er wurde an seinen eigenen Erinnerungen und Erlebnissen irre. Indess wie alles in sich Vollendete, hat auch die vollendete Heuchelei für denjenigen, der einer solchen nicht fähig ist, etwas, das ihn wenigstens für Augenblicke und oft für lange Zeit beherrschen und blenden kann, besonders wenn ihre Aeusserungen den persönlichen Ansichten und Wünschen dessen begegnen, an den sie gerichtet sind; und alles, was Renatus von seinem Oheim vernahm, war dazu geeignet, ihn zu beruhigen. Freilich entsann er sich gar wohl der Vorschläge und Anträge, welche der Graf ihm eben hier in diesem Zimmer zur Zeit der französischen herrschaft getan hatte; er erinnerte sich auch aller der Gerüchte, die über seinen Oheim in Umlauf gewesen waren, und des Tadels und der Unzufriedenheit, ja, des schweren Kummers, zu welchen derselbe seiner eigenen Familie Anlass gegeben hatte. Aber der Freiherr hatte in Paris eine grosse Anzahl von Männern kennen lernen, von deren stürmisch durchlebter Jugend, von deren auffallenden Sinnesänderungen man sich ebenfalls das Abenteuerlichste zu erzählen wusste, und es hatte das nicht gehindert, dass man ihnen Ehre und achtung zollte, wenn sie endlich zu einer würdigen Abklärung ihres Lebens, zu Ueberzeugungen durchgedrungen schienen, mit denen man sich einverstanden zu erklären vermochte. Wie durfte der Neffe auch an der ehrlichen Wandlung und sittlich-patriotischen Erhebung seines Oheims zweifeln, wenn der König, in dessen unbedingter Verehrung der junge Freiherr auferzogen und den er gewöhnt worden war, als die irdische Verkörperung der höchsten Gerechtigkeit zu betrachten, den Grafen zu Gnaden angenommen und ihn mit einem seiner höchsten Orden ausgezeichnet hatte? Der Autoritätenglaube, welchen er zu den Pflichten seines Standes zählte, zwang den Freiherrn, das eigene Urteil der Ansicht seines Königs unterzuordnen, und anzuerkennen, gelten zu lassen und zu verehren, was dem Landesherrn, dessen menschliche Beschränkteit doch natürlich stets auf fremdes Urteil, auf fremde Angaben zurückzugehen sich genötigt sah, von Dritten als ein Ehrenwertes und als der Anerkennung würdig geschildert worden war.

Sein Vertrauen in des Oheims Einsicht steigerte sich beständig, und die mannigfache Kenntniss, welche derselbe von allen praktischen Dingen zu haben schien, überraschte den Neffen. Auch über Tremann's Angelegenheiten zeigte der Graf sich völlig unterrichtet. Er erzählte, wie Tremann von der Flies das von Arten'sche Grundstück in der Hauptstadt an sich gebracht, wie er es parzellirt, wie er die Bewilligung erhalten habe, hinten im Garten dem wasser entlang eine Strasse anzulegen, und wie er sich dadurch nicht nur aus einer bedenklichen Verlegenheit gerettet, sondern auch ein namhaftes Capital gewonnen und seinen grossen Credit aufrecht erhalten habe.

Sie haben sich, sagte der Graf, zusammengetan, wie ich neulich hörte, als ich einmal ausnahmsweise, denn ich liebe meine eigene Küche, mit einem Bekannten im Hôtel zu Mittag ass; sie haben sich zusammengetan, Euer Steinert