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Paul gegen seine Absicht überredet hatten, sich mit den Arten'schen Angelegenheiten zu befassen, und da er dieses wohl erriet, sagte er, gleich darauf bedacht, ihnen jede Reue zu ersparen: Macht Euch um meinetwillen darüber keine sorge, meine Lieben! Ich erleide durch Renatus keine Enttäuschung, habe obenein in dieser Verwaltung mancherlei erfahren und gelernt, das mir gelegentlich von Nutzen sein wird; und auf eine Handvoll Arbeit mehr kommt es mir glücklicher Weise nicht an.

Und Du glaubst, dass er sich nicht raten lassen, sich nicht ändern werde? erkundigte sich Seba noch einmal.

Nein; denn wie sollten Menschen, die sich für eine besondere Abart halten, sich verständig in die der grossen Gesammteit gemeinsamen Bedingungen der Gegenwart zu schicken wissen? – Er schüttelte das Haupt und sprach danach sehr ernstaft: Täuscht Euch nicht darin: Alles und Jedes hat nur einen zeitweisen Bestand, eine zeitweise Möglichkeit des Bestehens. So gewiss als die fortschreitende kultur die gemeinschädlichen Tiere in die Einöden zurückdrängen und endlich völlig ausrotten muss und wird, so gewiss muss und wird die fortschreitende Bildung, die in dem Leisten und Schaffen den höchsten Beruf des Menschen, und in der Freiheit und Genuss bereitenden Arbeit ihre höchste Ehre erkennt, über alle die Geschlechter hinweggehen, die ohne Nutzen für die Gesammteit leben und, sich von ihr ausschliessend, sich hinter Vorrechten und Vorurteilen verschanzen und halten zu können glauben. Was wertlos für das Allgemeine ist, muss untergehen; und kein Adelsbrief und keine Grosstat irgend eines Ahnen kann dagegen schützen, kann die Allgemeinheit schadlos halten für unberechtigte Ansprüche und für hochmütige Arbeitsscheu. Mögen sie zu grund gehen!

Er hatte dieses Verdammungsurteil, dessen letzte Worte in seinem mund und in seinem ernsten Tone etwas Gewichtiges und Furchtbares gewannen, noch nicht beendet, als die Wärterin ihm seinen Knaben in das Zimmer brachte. Der derbe Bursche streckte dem Vater die kleinen arme entgegen, und kaum hatte dieser ihn auf seinen Knieen, als der Knabe sich mit allen seinen Kräften aufzurichten strebte, um das Stück Brod zu erlangen, das in einiger Entfernung vor dem Vater auf dem Tische lag. Die Frauen lachten über die lebhaften, wenn auch noch ungeschickten Bewegungen des kleinen Menschen, und ihm emporhelfend, rief der Vater mit sichtlichem Vergnügen: So recht, so recht, mein Sohn, hilf Du Dir selber zu Deinem Brodeich hab's eben so gemachtund ich denke, das soll uns wohl bekommen! Geh' nur gerade darauf los!

Und in bester Laune kehrte er nach kurzer Unterbrechung in sein Comptoir und zu seiner täglichen Arbeit zurück.

Siebzehntes Capitel

Renatus ward den ganzen Morgen durch seine Dienstgeschäfte und seine geselligen Verpflichtungen in Anspruch genommen. Er hatte sich bei seinen Vorgesetzten vorzustellen, alte Bekannte und Freunde aufzusuchen, und überall fand er einen Empfang, der ihn die unangenehmen Erörterungen der ersten Morgenstunde bei seinem wenig tiefen Sinne leicht vergessen machte. Allerdings wurde auch von seinen Vorgesetzten wie von seinen Freunden die Frage, ob er im Dienste bleiben oder sich auf seine Güter begeben werde, mehrfach angeregt, aber es geschah in einer Weise, welche deutlich kund gab, wie man bei einer solchen Entschliessung an die vollste Freiheit von seiner Seite glaube und höchstens den Wunsch seiner künftigen Gattin, denn man deutete ihm überall an, dass man um sein Verlöbniss mit der Gräfin Rhoden wisse, als einen ihn bestimmenden Einfluss in Betracht bringe.

Wohin er kam, begegnete er einer grossen Zufriedenheit und den besten Hoffnungen für die Zukunft des Vaterlandes, in welche denn selbstverständlich die besten Aussichten für den Einzelnen immer mit eingeschlossen waren. Man rühmte sich nicht, wie Renatus das in Frankreich erlebt hatte, eines gewaltsamen Rückschrittes in die Zustände der Vergangenheit, aber man sprach es in den militärischen und adeligen Kreisen doch unzweideutig aus, wie man froh sei, dass jene Tage einer unnatürlichen Aufregung nun überstanden und überwunden wären, in denen die Masse des Volkes über ihre eigentlichen Grenzen hinausgetrieben und, freilich durch die notwendigkeit, ihrem häuslichen Leben wie ihrem Berufe und Gewerbe abwendig geworden war. Man erkannte mit Zufriedenheit, wie der Strom der Bewegung jetzt auf's Neue richtig eingedämmt, in sein altes Bett zurückgeleitet werde, und wie die natürliche Gliederung der Stände sich gleichsam von selber wieder herstelle, seit man in den höchsten Kreisen die schönen, würdigen Formen der Etiquette wieder strenger aufrecht halte. Besonders jedoch versprach man sich von der Verbindung der Königstochter mit dem russischen Tronfolger, dessen Gesinnungen und Charakter man höchlich pries, wie von dem engen Anschlusse an das conservative Oesterreich, dass man nun auch in Preussen schnell den phantastischen, demagogischen Freiheitsgelüsten, die einer ruhigen Entwicklung des Staatslebens im Wege ständen, das Ende machen werde. Und da man von oben herab einzelnen hartbedrängten adeligen Grundbesitzern mit grossen Darlehen zu hülfe gekommen war, sah man, wenn in Preussen auch nicht die Milliarde von Franken in Aussicht stand, mit welcher man die Ausgewanderten in Frankreich entschädigt hatte, doch für den Adel des Landes sehr beruhigt und hoffnungsreich in die Zukunft hinaus.

Als Renatus dann am Abende, wie er es versprochen hatte, seinen Oheim besuchte und ihm von seinem Tagewerke Rechenschaft geben sollte, gestand er diesem, dass er dieses Tagewerk, wie er es nannte, mit einer Uebereilung, ja, recht eigentlich mit einer Dummheit angefangen habe.

Der Graf begehrte natürlich zu wissen, was das heissen solle, und sein Neffe entgegnete: Ich habe gegen die ersten Grundsätze der Kriegführung gesündigt und dafür eine Schlappe davongetragen. Ich habe