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mit einem Anteile, den ich dankbar anerkennen muss. Indess Sie haben nur die eine Seite meiner Verhältnisse im Auge, und Sie vermögen die andern in ihrer ganzen Bedeutung wohl nicht zu ermessen. Sie sagen mir: verkaufen Sie Neudorf. Aber Neudorf war der erste Besitz unseres Hauses. Der Hochmeister Winrich von Knipprode belehnte im vierzehnten Jahrhundert meinen Ahnherrn, nach der Schlacht von Rudau, mit der Feldmark Neudorf. Neudorf ist seit nahezu vierhundert Jahren unser Eigentum. Es wäre mir, wenn ich Neudorf fortgäbe, als zöge ich mir den Boden unter den eigenen Füssen fort, um mich darauf zu verlassen, dass ich im Notfalle fliegen lernen werde. Das vermag ich nicht. Sie sagen mir: verkaufen Sie Rotenfeld, und Sie bedenken nicht, dass in der Rotenfelder Kirche, die meine Eltern aufgerichtet haben, jetzt die Gebeine meiner Eltern, meiner Ahnen ruhen, dass ich von ihnen die fromme Pflicht ererbte, in Rotenfeld eben jenes Stift für katolische Knaben zu erhalten.

Es wird Ihnen das in keinem Falle lange mehr möglich sein, warf Paul abermals dazwischen, auch wenn Sie Sich nicht zu der gedachten durchgreifenden Aenderung vermögen.

Und nun vollends Richten verpachten, das Haus veröden lassen, sagte Renatus wie zu sich selber, das seit mehr als hundertfünfzig Jahren uns von Geschlecht zu Geschlecht geboren werden und sterben sah? Unmöglich, ganz unmögliches muss einen anderen Ausweg geben!

Tremann erhob sich; seine Geduld war erschöpft, seine freie Zeit zu Ende. Ich begreife Ihre schmerzlichen Empfindungen, sagte er, und ich hatte nicht erwartet, dass Sie Sich leichten Herzens zu den schweren Schritten entschliessen würden. Aber täuschen Sie Sich darüber nicht, Herr von Arten, Sie haben keine Zeit, Sich Ihren Empfindungen zu überlassen. Ich sehe, und es gibt sicherlich für Sie keinen anderen Ausweg, als den, welchen ich Ihnen angedeutet habe. Sie müssen Neudorf und Rotenfeld verkaufen, Sie müssen Richten verpachten, wenn Sie Sich nicht zu persönlicher Arbeit bequemen mögen, die, wie ich fürchte, auch gegen Ihre bisherigen Gewohnheiten und wahrscheinlich ebenfalls gegen die Ueberlieferungen Ihres Hauses verstösst. Ich habe das Amt, mit dem Sie mich betrauten, nur bis zu Ihrer Rückkunft übernommen. Wollen Sie sorge dafür tragen, dass Ihrer Frau Stiefmutter jetzt ein anderer Curator, Ihrem Bruder baldigst ein anderer Vormund gegeben werde, und wollen Sie es mir ermöglichen, dass ich in Bälde die Papiere, die ich in meiner Obhut habe, einem Anderen, vielleicht weniger Beschäftigten überliefern kann, so wird das meinen eigenen arbeiten zu Gute kommen und ich werde es Ihnen danken.

Renatus hatte sich jetzt auch erhoben. Er schnallte den Säbel wieder um, nahm den Czako zur Hand, und so auf's Neue in voller Uniform, entschuldigte er sich gegen Tremann, dass er ihn also lange aufgehalten, ohne von seinen guten Absichten und Meinungen den von Jenem erwarteten Nutzen gezogen zu haben. Er versprach, sobald es ihm irgend tunlich werde, Paul's gänzliche Entlastung zu bewirken, verhiess, die Arten'schen Akten und die Vormundschafts-Papiere seines Bruders in kürzester Zeit an sich zu nehmen, und sie trennten sich darauf höflich, aber kalt.

Der Freiherr sprach allerdings dem Kaufmanne seinen Dank und seine Anerkennung zu wiederholten Malen aus; Paul nahm dieselben auch mit seiner gewohnten guten Weise hin, indess sie waren sich durch diese Begegnung um keinen Schritt näher getreten, sie hatten sich nur weiter und entschiedener als je von einander getrennt empfunden.

Als Paul dann auf der Wendeltreppe, die er sich aus seinem Arbeitszimmer nach Daviden's Wohnstube hatte legen lassen, hinaufstieg, fand er die beiden Frauen seiner bereits wartend. Er umarmte die junge Mutter, reichte Seba die Hand, und als sie ihn mit ihren immer noch schönen Augen ruhig und heiter anblickte, umarmte er auch sie. Er fühlte eine grosse Zärtlichkeit für sie, weil es ihm gelungen war, von ihrem Herzen eben heute eine Kränkung abzuwenden.

Trotz seiner Freundlichkeit merkte Davide, deren Liebe sie hellsehend machte, dennoch, dass ihm etwas nicht ganz recht sein oder dass er eine Unannehmlichkeit zu überwinden gehabt haben müsse, und sie fragte, um ihm Anlass zur Mitteilung zu geben, wesshalb er sie also lange habe auf sich warten lassen.

Ich habe verschiedene Besprechungen gehabt, und zuletzt war Herr von Arten, der gestern von Paris gekommen ist, sehr lange bei mir, gab er ihr zur Antwort.

Und wie hast Du ihn gefunden? rief Seba, in welcher die Teilnahme für den Sohn ihrer Angelika sich augenblicklich wieder regte.

Er ist ein schöner Mann geworden, breitschulterig und kräftig, ein sehr schöner Mann, gab er zur Antwort, während er sich zum Imbiss niedersetzte.

Und wie ist er sonst geworden? fragte Jene noch einmal.

Nicht anders, als er gewesen ist. Es geht ihm wie dem Herrscherstamme der Bourbonen, von deren hof er nach haus kommt. Er hat nichts gelernt und hat nichts vergessen.

Was will das in seinem Falle besagen? erkundigte Davide sich, der die Missstimmung ihres Gatten jetzt erklärlich wurde.

Was das sagen will, mein Kind? Nun, er möchte sein Leben geniessen, wie sein Vater und seine Ahnen es genossen haben; möchte wie sie die Herrschaften besitzen und geachtet leben und sterben wie sie. Er hat auch recht viel schöne Empfindungennur zur Arbeit hat er keine Lust.

Die Frauen schwiegen. Sie mochten sich erinnern, dass sie es gewesen waren, die