Ihren Gütern aufzuhalten?
Ich bin auf dem land geboren, und die Herren von Arten haben stets auf ihren Besitzungen gelebt, es ist ein Herkommen unter uns, gab er abermals ausweichend zur Antwort.
Das fing Paul endlich doch zu verdriessen an. Wir haben es hier nicht mit Ihren Familien-Traditionen, Herr von Arten, sondern mit Ihren Möglichkeiten zu tun, sagte er schärfer, als er bis dahin zu dem Freiherrn gesprochen hatte, und zu der Uhr emporsehend, fügte er hinzu, dass ihm in einer halben Stunde eine Geschäftsbesprechung bevorstehe, dass er also genötigt sei, dem Freiherrn in grossen Umrissen die Möglichkeiten und Massnahmen vorzuzeichnen, mittels deren er es für tunlich halte, die Arten'schen Verhältnisse zu ordnen und durch Rettung eines Teiles des Vermögens die Mittel zu einer allmählichen Wiederherstellung desselben zu gewinnen.
Er riet, Neudorf und Rotenfeld sofort zu verkaufen. Für Neudorf finde sich in dem Baurat Herbert, der einst die Rotenfelder Kirche aufgeführt und bei der gelegenheit den Wert der Neudorfer Steinbrüche habe kennen lernen, ein Käufer, da der Baurat mit Andern in Gemeinschaft eine regelmässige Ausbeutung der Brüche unternehmen möchte. Auch auf Rotenfeld sei ein den Zeitumständen nach recht günstiges Gebot getan. Nach dem Verkaufe dieser Güter werde Renatus die Möglichkeit besitzen, seine Wechselschulden zu tilgen, die hoch verzinsten Hypoteken von Richten teilweise abzulösen und dann Geld von der Landschaft zu geringern Zinsen auf Richten zu erhalten. Sei dies geschehen, so frage er sich, ob der Freiherr es nicht vorziehe, im militärischen Dienste zu verbleiben, in welchem er sich eine ehrenvolle Laufbahn eröffnet und den Weg zu weiterem Vorwärtskommen gebahnt habe. Man mache an einen Privatmann, welchem stand er auch angehöre, in einer grossen Stadt nicht die Ansprüche, die man gewohnt sei, an die Herren von Arten auf ihrem schloss zu erheben. Der Hauptmann von Arten könne in der Stadt sehr standesgemäss mit dem achten Teile der Summe leben, welche der Freiherr von Arten einst in Richten alljährlich ausgegeben habe. Ueberantworte man Richten einem rechtschaffenen und vermöglichen Pächter, nachdem man die Bauten hergestellt, das Inventarium vervollständigt und somit die Mittel vorbereitet habe, welche zur Verbesserung des Gutes unerlässlich wären, so werde man sich in der Lage befinden, jährlich einen teil der auf Richten dann noch haftenden Schulden zu tilgen. Noch im rüstigsten Mannesalter aber könne Renatus dann wieder Herr eines Besitzes sein, der bei den Fortschritten, welche die Bodenkultur nach den neuen Forschungen und Erfahrungen der Engländer und Franzosen notwendig auch in Deutschland machen müsse, immer noch ausreichend gross genug sein werde, ihm, wenn er dann den Abschied nehmen und, nach seinem FamilienHerkommen, sich auf seinem Gute niederlassen wolle, auch auf dem land ein reichliches Leben möglich zu machen und den Seinen ein schönes Erbe zu werden. Wolle Renatus aber jetzt gleich den Dienst aufgeben, um sich auf sein Stammgut zurückzuziehen, nun, so bleibe ihm nichts übrig, als den Degen ehrlich mit dem Pfluge zu vertauschen, die Landwirtschaft gründlich als einen Beruf zu erlernen, die Bewirtschaftung seines Gutes selbst zu übernehmen und zu sehen, in wie weit es ihm gelinge, mit tüchtigen Gehülfen das Gut zu heben und seine Bedürfnisse mit seinen Einnahmen in das Gleiche zu setzen, wobei denn freilich auch auf die unüberlegten Ausgaben der Baronin Vittoria Rücksicht genommen, und die Erziehung des jungen Freiherrn Valerio in eine andere Richtung als bisher geleitet werden müsste.
Renatus hatte ihm schweigend zugehört. Als Tremann dann geendet hatte, dankte Jener ihm für diese gewiss sehr richtigen und höchst wohlgemeinten Auseinandersetzungen und für seine Ratschläge; aber, sagte er, ich sehe und fühle, wo der Punkt liegt, den Sie bei Ihren Planen für meine Unternehmungen nicht in's Auge fassen und den ich unberücksichtigt zu lassen nicht im stand bin, ja, den ich, selbst wenn ich es über mein Gefühl vermöchte, nicht unberücksichtigt lassen darf. Mein Onkel, Graf Berka, bemerkte mir gestern mit Recht: dem Kaufmanne, dem bürgerlichen Gewerbetreibenden, Ihnen zum Beispiel, habe alles, was Sie erwerben, nur seinen wirklichen Wert. Alles, was Sie besitzen, ist Ihnen Geld, ist Ihnen Mittel zum Zwecke. Sie geben selbst den erworbenen, liegenden Besitz mit voller Freiheit und ohne jegliches Bedenken auf, sobald es Ihnen passt, und es ändert sich in Ihrem Sein damit nicht das Geringste, wenn Sie ein Haus, ein Gut kaufen oder es verkaufen und wieder zurückkaufen, wie der Anlass sich eben dazu bietet. Wir aber, wir befinden uns in einer solchen Lage nicht. Unsere Verhältnisse sind völlig anders. Wir, sagte er mit besonderer Betonung, wir sind durch langjährigen Besitz Eins geworden mit unserem grund und Boden, mit unserem land und unseren Schlössern. Wir tragen ihren Namen, sie sind unser Unterscheidungszeichen. Ein junger Baum – setzen Sie ihn von seinem heimatlichen Boden fern, wohin Sie wollen – er kann auch in der fremden Erde wachsen und gedeihen. Ein Stamm, der, weitin schattend, durch Jahrhunderte seine mächtigen Wurzeln durch dasselbe Erdreich forterstreckte ...
Geht aus, fiel Paul ihm in die Rede, wenn er den Boden ausgesogen hat, aus dem er seine Nahrung schöpfte.
Das ist wohl möglich, entgegnete Renatus mit einem Ausdrucke von Schwermut in seiner stimme, die der Andere an ihm noch nicht wahrgenommen hatte, das ist möglich; aber es ist sicher, wenn Sie es unternehmen, ihn zu entwurzeln und ihn zu verpflanzen. Und tief aufatmend, setzte er hinzu: Sie sprechen zu mir