'schen Aberglauben noch einmal in sich rege werden, der erst gestern dem Grafen Gerhard Anlass gegeben hatte, ihn zu verspotten. Zum zweiten Male stellte dieser Tremann sich zwischen ihn und eine ihm drohende Gefahr. Er hatte ihm im Kampfe der offenen Feldschlacht einst durch seinen Mut das Leben erhalten; wesshalb sollte er von dem Schicksal nicht auch bestimmt sein, ihn eben so vor dem andern Untergange zu bewahren, der ihm jetzt zu drohen schien? Und von der Bewegung, in welche dieser Gedanke ihn versetzte, über seine sonstige enge Schranke des Empfindens fortgerissen, rief er plötzlich: Soll ich Ihnen – er wollte hinzusetzen: eben Ihnen denn Alles zu verdanken haben? – Aber er unterdrückte diesen Zusatz, und obschon Paul das wohl bemerkte, focht es ihn nicht an. Im Gegenteil, dasjenige, was Renatus aufregte, dünkte ihn nur ein ganz Natürliches zu sein. Er hatte dem jungen mann, der an sich völlig schuldlos an allem demjenigen war, was in Paul's Schicksal mit den Schicksalen der Herren von Arten zusammenhing, mit Gefahr des eigenen Lebens das Leben gerettet; es erschien ihm also, da er sich einmal bereitwillig hatte finden lassen, die Arten'schen Angelegenheiten in die Hand zu nehmen, eben desshalb jetzt nur folgerecht, dass er, so viel an ihm war, auch dazu tat, den Freiherrn auf den Weg zu weisen, auf welchem er sein Leben ehrenhaft und würdig weiter fortzuführen vermochte.
Ich war, hob Paul nach kurzer Unterbrechung also wieder an, da ich nach fast vierjähriger Abwesenheit aus dem feld kam, Ihnen will ich es zu Ihrer Ermutigung bekennen, ziemlich in der gleichen Lage, in der Sie gegenwärtig sind. Mein Vorgänger hatte mit den Anforderungen der Zeit nicht Schritt zu halten vermocht, wir waren durch seine Schuld in die bedenklichsten Geschäfte und Unternehmungen verwikkelt, es waren bereits grosse Verluste vorgekommen, und da ich ohnehin nach dem Willen des verstorbenen Herrn Flies die Capitalien seiner Tochter gänzlich aus dem Geschäfte herauszuziehen hatte, fand ich mich nach meiner Heimkehr eines Tages auf dem Punkte, an dem ich, um den augenblicklich auf mich eindringenden Forderungen gerecht zu werden und mit meinem guten Namen auch meine bürgerliche Ehre und meinen kaufmännischen Credit zu erhalten, wie ich es Ihnen eben jetzt geraten habe, Alles an Alles setzen musste.
Was heisst das in Ihrem Falle? fragte Renatus mit wachsender Spannung.
Das heisst, dass ich alles, was ich an Fonds, an Papieren, selbst an Immobilien besass, unter den ungünstigsten Verhältnissen verkaufen musste, um die auf unsere Firma laufenden Wechsel einlösen und dem Misstrauen begegnen zu können, das sich durch die in meiner Abwesenheit gemachten unglücklichen Geschäfte und Unternehmungen gegen unser Haus erhoben hatte.
Es kam ein Abend, sprach er langsam und nachdrücklich, es kam ein Abend, an welchem ich, nach Wochen und Monaten voll der schwersten Sorgen, voll schlafloser Nächte, mir sagen musste, dass ich jetzt fast so pfenniglos da stände, als an dem Tage, an welchem ich in die Welt hinausgegangen war, und mir fehlten jetzt die feurige Hoffnung der ersten Jugend und die zwanzig Jahre voll rüstiger Kraft, in denen ich mir meinen Weg geschaffen und mein Vermögen erworben hatte. Ich besass an jenem Abende, setzte er nach einem tiefen Atemzuge mit schwerem, gewichtigem Tone hinzu, nicht viel mehr, als das Bewusstsein, das Rechte getan zu haben, nicht viel mehr, als das unbedingte Vertrauen derjenigen, mit denen ich meine Geschäfte gemacht hatte, und die überzeugung, dass ich mich auf mich selbst und auf meine Arbeitskraft verlassen könne. Das aber ist ein Grosses! – Und wieder entstand eine neue Pause.
Trotz seines starken Herzens hatten die Erinnerungen, welche er eben nicht häufig in sich zu erwecken gewohnt war, den ernsten Mann erschüttert, während in Renatus die widersprechendsten Vorstellungen, Gedanken und Empfindungen auf und nieder wogten. Bald fühlte er sich geneigt, sich Tremann mit Bewunderung in brüderlicher Verehrung in die arme zu werfen; dann wieder bedünkte es ihn, als dürfe er demselben, ohne sich etwas zu vergeben, nicht eine Genugtuung bereiten, deren er jetzt ohnehin schon vollauf geniessen musste; denn dass ein Mann das Rechte um des Rechten willen tun, dass er fördern und hülfe leisten könne, ohne dabei an sich selbst und an die wirkung zu gedenken, welche diese Hülfsleistung auf das Gefühl des Geförderten hervorbringt, das einzusehen, dazu war die Seele des jungen Freiherrn nicht gemacht. Und doch fühlte er, dass er nicht schweigen dürfe, dass er Tremann mindestens ein Zeichen seiner dankenden Anerkenntniss schuldig sei.
Ich bewundere Ihre Entschlossenheit, sagte er endlich, und ich wünschte, ich befände mich in so einfachen Verhältnissen, wie Sie, dass ich das Gleiche möglich machen und mich doch behaupten könnte. Unser Standpunkt ist nur wieder sehr verschieden.
Tremann sah ihn prüfend an. Er hörte aus den Worten des Freiherrn, was in dessen Seele vorging, aber er gab nichts auf die hochmütige und vorurteilsvolle Ueberhebung, mit welcher jener seine Zustände als ganz besondere von denen des bürgerlichen Kaufmanns abzutrennen suchte; und wie der Arzt die Ungebühr des Kranken nur als ein Krankheitszeichen ansieht, das ihn nicht beirren darf, sagte Tremann: Das ist vielleicht nicht so schwer, als es Sie dünkt, und ich bin bereit, Ihnen meine Ansicht und meine Plane für Sie mitzuteilen, wenn Sie mir vorher ein paar fragen beantworten wollen. Haben Sie Liebe für das Landleben? Denken Sie, Sich auf