die untüchtige Verwaltung des jetzigen Amtmanns, mit dem man aus Vorschnelle und Bequemlichkeit, ohne ihn zu kennen, auf lange Jahre hinaus einen Vertrag gemacht hatte, der ihn halbwegs wie einen Pächter hinstellt, der aber keine Caution irgend einer Art geleistet hat, sind unheilvoll dazugekommen. Die Güter befinden sich in dem völligsten Verfalle. Sie haben allerdings in Richten ein grosses Schloss, in Neudorf eine Kirche und ein Pfarrhaus, in Rotenfeld die neue katolische Kirche und daneben sogar noch jene Art von Seminar. Das sind Baulichkeiten genug, aber es sind unfruchtbare, geldkostende Gebäude, und es fehlt an allem Nötigen – es fehlt an Scheunen und an Ställen, es fehlen Wohnungen für eine grössere Anzahl Leute, die herbeigezogen werden müssten, wenn man die Verbesserung des Bodens ernstlich betreiben wollte. Man müsste vierzig, fünfzig Tausend Taler in die Hand nehmen können, um auf den drei Gütern nur die notwendigsten Gebäude herzustellen. Man müsste eine eben so grosse Summe anwenden, um ein Vieh-Inventar herbeizuschaffen, wie es einem solchen ausgesogenen Güter-Complexe notwendig wäre, und müsste die Mittel haben, durch die ersten Jahre nicht nur diesen Viehstand, sondern auch die Leute völlig durchzuhalten, bis die Güter selber den Aufwand wieder tragen könnten. Wo wollen Sie diese Capitalien, diese Mittel finden? Wie wollen Sie es machen, diese neuen Capitalien besten Falles aus dem gegenwärtigen Ertrage der Güter, neben den ohnehin laufenden alten Zinsen zu verzinsen?
Er nahm, da Renatus keine Antwort darauf zu geben vermochte, die Papiere zur Hand, welche den letzten Jahresabschluss des Amtmanns entielten, und jene andern Berichte, die er sich vierteljährlich von ihm hatte senden lassen. Der gegenwärtige Reinertrag der Wirtschaft hatte, da Renatus sich allmählich in der französischen Hofgesellschaft auch an einen grösseren Aufwand gewöhnt hatte, kaum die Höhe der Summe erreicht, welche er sich in den beiden letzten Jahren als Zuschuss nach Paris hatte nachsenden lassen, und um den Haushalt und die Bedürfnisse der Baronin und ihrer Gäste zu bestreiten, hatte man gelegentlich von den Kaufleuten in den kleinen, den Gütern nahe gelegenen Städten einzelne Beträge in verschiedener Höhe entnommen, die sie, weil alle diese kleinen Kaufleute die Vermögenslage des Freiherrn kannten, nur unter den ungünstigsten Bedingungen hergegeben hatten. Sie waren, da auch hier sich Zins zu Zins gefügt, zu einer Summe angewachsen, die Renatus in Erschrecken versetzte, und zum ersten Male seiner selber nicht mehr Meister, rief er, sich gegen die Stirn schlagend: Furchtbar, furchtbar! Da ist ja gar kein Ausweg möglich!
Er war aufgestanden und hatte mit hastiger Hand die Haken und Knöpfe seiner Uniform geöffnet, es wurde ihm angst und bange. Wie verkörpert stiegen die Berechnungen gewaltig vor ihm in die Höhe und drängten auf ihn ein. Alle, alle, alle gegen den Einen, gegen ihn! Hier war für ihn kein Durchhauen möglich – und hier zu unterliegen war nicht, wie in einer guten Sache auf dem Schlachtfelde, eine Ehre – hier zu unterliegen war ein Schimpf!
Tremann, der ihn seit dem Beginne ihrer Unterredung genau beobachtet hatte, erriet und sah, was in dem jungen Freiherrn vorging, und, wie bei allen tüchtigen Menschen, waren seine Teilnahme und sein Mitleid leicht erregbar, wo er an die Möglichkeit einer nachhaltigen hülfe glauben konnte.
Nur Mut, Herr von Arten! rief er; die Sache steht allerdings nicht sonderlich, doch ist sie keineswegs verloren, noch ist sie zu halten, Sie müssen nur den Mut nicht sinken lassen!
Aber der natürliche und wohlgemeinte Zuspruch brachte auf das jetzt doppelt verletzbare Gemüt des Freiherrn nicht die beabsichtigte wirkung hervor; denn die feinen Augenbrauen zusammenziehend, sagte er: An Mut hat es noch keinem Arten je gefehlt, und wenigstens diese Eigenschaft unseres Hauses geht mir sicherlich nicht ab.
Tremann liess diese unberechtigte Gereizteit völlig unbeachtet. Mit einer beruhigenden Milde, die seinem ernsten Antlitze eine Schönheit verlieh, gegen welche Renatus selbst in diesem Momente sein Auge nicht verschliessen konnte, sprach er: Es konnte mir nicht einfallen, Herr von Arten, an Ihrem Mute, an dem sogenannten Heldenmute in Ihnen zu zweifeln, der im entscheidenden Augenblicke mit Selbstvergessenheit sein Leben daran zu geben weiss. Mich dünkt, in dieser Art von Mut haben wir beide gelegenheit gehabt, unsere Proben abzulegen. Er hielt inne, als wolle er dem Andern die Zeit vergönnen, sich auszusprechen; da Renatus aber schwieg und sein Antlitz sich nicht erhellte, sagte Tremann nachdrücklich, wennschon mit derselben unerschütterlichen Gelassenheit: Es gibt aber einen Mut, der weniger leicht zu behaupten ist, als jener von der fortreissenden Macht einer begeisterten Masse, oder von der Erregung eines gewaltigen Augenblickes erzeugte Heldenmut; ich meine den moralischen Mut, jenen guten, stillen Mut des Mannes, der seine Ehre darein setzt, sich mit aller seiner Kraft in verschuldetem oder nicht verschuldetem Missgeschicke zu behaupten, der entschlossen ist, mit jahrelang währender Arbeit, mit Sorgen und Mühen, die Niemand sieht und die in vielen Fällen Niemand sehen und kennen darf, seinen Verpflichtungen zu genügen, und der herstellen und schaffen will, was für ihn und für Andere das Geforderte und Gebotene ist. Fühlen Sie von diesem schweigenden, beharrlichen, recht eigentlich bürgerlichen Mute etwas in Sich, Herr von Arten – nun, so brauchen Sie über Ihre Lage noch keineswegs zu erschrecken, denn ich wiederhole es Ihnen: noch ist hülfe möglich!
Renatus konnte sich gegen die Würdigkeit dieses Mannes nicht verschliessen, zugleich aber fühlte er jenen hochmütigen Arten