hatten sich gefestet. Der Mund, der blick der Augen waren ernster, die stimme selbst dünkte Renatus tiefer geworden zu sein, und wie ihm damals der Schwung und das Feuer des jungen Fremden eine unruhige Eifersucht eingeflösst hatten, so setzte ihn jetzt etwas Mächtiges, etwas Gebieterisches in dem Wesen dieses Mannes in Verwunderung, obschon er selbst sich ihm gegenüber, in der glänzenden Uniform, in der straffen, regelrechten Haltung, mit dem Degen an der Seite, entschieden als der Vornehmere, als das Mitglied einer höheren Kaste bedünkte. Auch war es ein Ton nachlässiger Vornehmheit, mit welchem er Tremann aufforderte, sich gar nicht zu geniren, er könne warten, denn er habe Zeit.
So besitzen Sie, antwortete Tremann ihm in der früheren, freien Weise, was mir in der Regel fehlt, und ich denke, wir machen uns eben desshalb gleich an unsere Geschäfte. Wollen Sie ablegen? Ich bitte!
Renatus, der bis dahin nicht ohne Absicht noch immer seinen Säbel an der Seite und seinen Czako in der Hand behalten hatte, hakte den Säbel los, stellte ihn in die Fensterbrüstung, stülpte den Czako darüber, zog die Handschuhe aus, fuhr sich, in den Spiegel blickend, der über dem Kamine hing, einige Male mit der feinen Hand durch sein wohlgepflegtes, blondes Haar und setzte sich dann mit einem unterdrückten Seufzer, wie Einer, der an eine schwere Arbeit geht, an dem Tische nieder, an welchem Tremann bereits vor ihm Platz genommen und auf dem er verschiedene Aktenstücke und Papiere ausgebreitet hatte.
Sie waren eigentümlich anzusehen, der schöne, kräftige Geschäftsmann, der mit selbstgewisser Sicherheit sich zu seiner Arbeit anschickte, und der jüngere, eben so schöne und kräftige Offizier, dem sich das Unbehagen an dem Ungewohnten, das er über sich zu nehmen hatte, in jedem zug ausprägte. Mit jener kurzen Uebersichtlichkeit, zu welcher es nur ein sehr klarer Kopf bei völliger Beherrschung seines Stoffes bringt, setzte Tremann dem Freiherrn den Zustand aus einander, in welchem dessen Vermögensverhältnisse sich befänden. Er wiederholte ihm und erklärte ihm ausführlicher, als es in seinen Briefen geschehen war, dass die allmählich aufgehäufte Schuldenlast und die daraus erfolgenden Zinszahlungen es jetzt völlig unmöglich machten, die Angelegenheiten in der gewohnten Weise fortzuführen, und er kam darauf zurück, dass es grosser, durchgreifender Entschlüsse bedürfe, wenn man zufriedenstellende Erfolge erzielen wolle. Er trug die Summen zusammen, welche allmählich auf Rotenfeld und Neudorf aufgenommen worden waren, erinnerte Renatus daran, dass man sein mütterliches Capital, welches der verstorbene Freiherr zur ersten Stelle auf Richten eintragen lassen, noch vor dem Ausbruche des Krieges mit der Zustimmung von Renatus auf eine zweite Hypotek gestellt habe, weil es notwendig gewesen sei, neue namhafte Capitalien herbeizuschaffen, die man gegen dritte Hypoteken nicht habe erhalten können, und schliesslich hielt er dann den gegenwärtigen Wert der Güter jener Schuldenlast gegenüber, welcher dieselbe freilich noch immer überstieg, aber doch nicht mehr in solcher Weise überstieg, dass es für Renatus möglich gewesen wäre, sich noch als einen reichen Mann zu betrachten.
Die unwiderlegliche Gewalt der Zahlen übte auf Renatus in diesem Falle eine erschreckende wirkung. Indess er war von Jugend auf gewohnt, mit sicheren Hoffnungen, mit dem Glauben an das Fortbestehen seiner ausgezeichneten Verhältnisse in die Zukunft zu sehen, und sich von dem unangenehmen Eindrucke rasch emporraffend, sagte er mit der vornehmen Leichtigkeit, die er ebensowohl als der verstorbene Freiherr, wenn es ihm passte, anzunehmen wusste: Das klingt allerdings bedenklich und würde auch bedenklich sein, wenn man genötigt wäre, in diesen immer noch ungünstigen zeiten zu dem Verkaufe eines solchen Besitzes zu schreiten; glücklicher Weise ist das nicht der Fall!
Tremann, der mit grossem Bedachte und reiflichem Ernste seine Auseinandersetzungen gemacht und sich dabei so schonend als möglich geäussert hatte, weil er gerecht genug war, den jungen Freiherrn nicht für die ungünstige Lage verantwortlich zu machen, in welche seine Güter durch die Schuld seines Vaters gebracht worden waren, fühlte sich durch das ganze Betragen und durch die Leichtfertigkeit des Freiherrn doch bewogen, diese Schonung nicht weiter zu üben, und trocken und ohne allen Umschweif sagte er: Wie die Weltlage und unsere industriellen und gewerblichen Verhältnisse sich mir darstellen, ist ein rasches Steigen der Güterpreise nicht vorauszusehen, und wenn Sie Sich jetzt nicht entschliessen, Neudorf und Rotenfeld so bald als möglich zu verkaufen, werden Sie nach drei Jahren nicht mehr im stand sein, auch nur Richten zu behaupten.
Renatus wurde plötzlich blass. Er konnte die frühere leichte Weise solchem Ausspruche gegenüber nicht mehr aufrecht erhalten, und Tremann schien es auch gar nicht auf eine Gegenäusserung von ihm abgesehen zu haben. – Ich musste mich, fuhr er fort, als ich mich, Ihrem Wunsche gemäss, dem amt unterzog, das mein verstorbener Compagnon nach Ihres Herrn Vaters tod von Ihnen übernommen hatte, erst selber genauer über eine Menge von landwirtschaftlichen fragen und namentlich über die Zustände in Ihren Provinzen unterrichten, da man ohne eine vollständige Einsicht in diese Dinge nur ein schlechter Berater sein würde, und der ehemalige Amtmann Ihres Herrn Vaters, der Gutsbesitzer Steinert, ist mir dabei mit seiner Einsicht und, ich darf sagen, mit seinem guten Willen, Ihnen behülflich zu sein, sehr nützlich gewesen. Nach seinen Mitteilungen ist seit fast dreissig Jahren, seit dem tod Ihres Grossvaters, wie Steinert es nannte, so gut wie gar nichts in die Güter hineingesteckt, wohl aber alles aus ihnen herausgezogen worden, was sie irgend herzugeben vermochten. Der Krieg und