doch einst zu ihr gehabt habe, wieder zu erlangen. Sie brachte es endlich bis zu der unter Tränen getanen Erklärung, dass sie, die Kinderlose, sich immer der Hoffnung hingegeben habe, sich in ihrem Pfleglinge einen Sohn zu erziehen; aber Seba habe sie durch ihr Dazwischentreten auch um dieses Glück gebracht, und sie würde in ihren Herzensergüssen kein Ende gefunden haben, hätte Paul sie nicht noch einmal mit der nackten Frage unterbrochen, was sie für die Briefe fordere.
Ihren Beistand – weiter nichts! rief die Kriegsrätin, sich die Augen trocknend.
Paul schüttelte verneinend das Haupt. Ich bin nicht gewohnt, solche Wechsel in Blanco auszustellen. nennen Sie die Summe.
Sie haben für meinen Mann so viel getan ....
Täuschen Sie Sich nicht, Frau Kriegsrätin, ich bin nicht im entferntesten gesonnen, auch nur irgendwie ein Aehnliches für Sie zu tun! bedeutete er ihr.
Aber, hob sie noch einmal an, wenn ich diese Briefe ....
Da hielt sich Paul nicht länger. Wenn Sie die Unwürdigkeit begehen sollten, von diesen Briefen irgend einen Gebrauch zu machen, der Mademoiselle Flies verletzen könnte, so würde ich zunächst den Grafen Gerhard fragen, auf welche Weise Sie in den Besitz derselben gelangt sind! sagte er.
So wahr Gott lebt, ich habe sie von ihm selbst! rief die Kriegsrätin erschrocken aus.
Dann behalten Sie sie; aber ich mache von dieser Stunde ab den Grafen verantwortlich für jeden Missbrauch, den Sie mit denselben treiben! Und nun, Adieu, Frau Kriegsrätin! – Er drehte ihr den rücken und wollte das Zimmer verlassen.
Darauf jedoch hatte sie es nicht abgesehen. Sie trat rasch hinzu, legte die Briefe auf sein Pult und sagte: Sie misstrauen mir, Herr Tremann; aber wie unrecht Sie mir auch tun, ich will es Ihnen nicht vergelten. Da sind die Briefe! Seba soll sehen, ob ich ihre Freundin war und bin. Da sind die Briefe – alle! Tun Sie nun, was Ihnen von Ihrem Herzen und von Ihrer Generosität geboten wird.
Sie blieb stehen. Paul nahm eine Feder in die Hand. Was denken Sie jetzt zu unternehmen, da Ihr Mann gestorben ist?
Der Herr Graf hat mir schon längst dazu verhelfen wollen, dass ich eine Concession erhielte, möblirte Zimmer zu vermieten; aber um das anzufangen, um die Möbel anzuschaffen ....
Brauchen Sie Geld, natürlich! Wie gross ist die Summe, deren Sie zu bedürfen glauben?
Ich habe mir das oftmals ausgerechnet; dreihundertfünfzig Taler wären doch das Wenigste – das Allerwenigste! meinte sie.
Paul fand diese Summe viel zu hoch. Nach einigen kurzen Erklärungen wurden sie jedoch des Handels einig. Er liess sich von ihr einen Schein unterschreiben, dass sie ihm gegen die von ihm empfangene Summe sämmtliche in ihrem Besitze gewesenen Briefe Seba's an den Grafen Berka ausgehändigt habe, so dass, falls noch jemals derartige Briefe zum Vorschein kommen sollten, sie als Fälschung anzusehen wären. Und nachdem die Kriegsrätin sich noch verpflichtet hatte, sich niemals mehr, weder schriftlich noch mündlich, an Seba zu wenden, zahlte er selbst ihr die bedungene Summe aus und entliess sie, froh, sich ihrer endlich entledigen zu können.
Als er allein war, sah er die von der Kriegsrätin nach ihrem Datum geordneten Briefe noch einmal flüchtig an. Die vergilbten Blätter rührten ihn. Er dachte all der trügerischen Hoffnungen, all der verzweifelnden leidenschaft, mit denen sie geschrieben worden waren, aber er hätte ein Heiligtum zu entweihen geglaubt, hätte er gelesen, was nicht für ihn bestimmt gewesen war. Er nahm das ganze Päckchen, trat an das Feuer des Kamines, warf die Blätter hinein und blieb bei ihnen stehen, bis das letzte derselben in Asche zerfiel und zerstob.
Die Begegnung mit der Kriegsrätin, die ganze Angelegenheit hatte ihn verstimmt; indess er war mit derselben noch nicht am Ende, denn er hatte seine Abrechnung noch mit dem Grafen selbst zu halten, um Seba wo möglich ein für alle Mal vor den Verletzungen, die ihr von dieser Seite kommen konnten, sicher zu stellen, und er beschloss nach kurzem Ueberlegen, dies sofort zu tun.
"Hochgeborener Herr!" schrieb er. "Ich habe so eben von Ihrer ehemaligen Haushälterin, der verwittweten Kriegsrätin Weissenbach, eine Reihe von Briefen erhalten, die eine edle und von mir hochverehrte Frau in dem Vertrauen jugendlicher Liebe und in dem Glauben an die Ehrenhaftigkeit des von ihr damals geliebten Mannes geschrieben hat. Beides, ihre Liebe wie ihr Vertrauen, waren ein Irrtum, und ich wünsche sie vor jeder unangenehmen Erinnerung an dieselben, wie sie ihr durch die Weissenbach leicht bereitet werden könnte, fortan zu bewahren. Indem ich es unerörtert lassen will, auf welche Weise jene Briefe in die hände und den Besitz der Kriegsrätin, die sie mir gegenüber als einen Handelsartikel zu betrachten für angemessen hielt, gelangt sind, erlaube ich mir, bei Ew. Hochgeboren anzufragen, ob sich vielleicht noch andere Briefe jener Dame in Ihrem Gewahrsam befinden. Sollte das der Fall sein, so bin ich nach der heute gemachten Erfahrung gezwungen, Ew. Hochgeboren an die Herausgabe dieser Briefe als an die Erfüllung einer sittlichen Pflicht zu erinnern, wogegen ich Ihnen auf mein Wort versichern kann, dass in dem Besitze der betreffenden Dame nichts, gar nichts mehr vorhanden ist, was an Sie erinnern könnte. Ich habe es wohl nicht nötig, Ew. Hochgeboren noch besonders darauf