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Sitze, aber sie blieb nahe bei dem Pulte stehen, sah sich im Zimmer mehrmals um, schien gehen und dann doch wieder nicht gehen zu wollen, so dass Paul, obschon er das Erkünstelte in ihrem Betragen klar durchschaute, sich doch veranlasst fand, sie zu fragen, was sie suche oder was sie sonst noch etwa wolle und begehre.

Was hätte ich hier zu suchen, rief sie mit einem Seufzer, oder was könnte ich Anderes begehren, als Ihnen, mein verehrter Herr Tremann, meine Dankbarkeit für alle Ihre Wohltaten an meinem lieben, seligen Weissenbach zu beweisen! Und ich glaube, ich kann das, ich kann das wirklich, so wie ja die Maus auch dem Löwen helfen konnte! – Sie sah sich nochmals in dem Zimmer um, trat dann an das Pult heran und sprach: Ich weiss nicht, Herr Tremann, in wie weit Sie von der Liebschaft unterrichtet sind, welche die Cousine und Pflegemutter Ihrer Frau Gemahlin mit dem Grafen Gerhard von Berka seiner Zeit gehabt hat; aber ....

Sie hielt inne, da Paul's finstere Miene ihr Scheu einflösste. Er liess sie schweigend stehen, denn er war peinlicher berührt, als er es ihr zu zeigen für nötig fand, und er ging mit sich zu Rate, ob er sie sprechen lassen oder sie von sich weisen solle. Aber obgleich jedes ihrer Worte ihm durch den Ton und die plötzliche Vertraulichkeit dieser Frau zu einer doppelten Kränkung wurde, entschloss er sich endlich doch, sie anzuhören.

Was bringt Sie dazu, mir die Frage vorzulegen, welche Sie an mich gerichtet haben? fragte er sie.

Meine Dankbarkeit, Herr Tremann, nur meine Dankbarkeit, und, setzte sie hinzu, auch die alte Freundschaft für das Flies'sche Haus. Freilich hat Seba es jetzt ganz vergessen, dass ich's gewesen bin, die sie zuerst unter die Menschen und in die Gesellschaft gebracht hat, und dass ich ihre Manieren und ihre Haltung formirte. Ich habe auch, was an mir gewesen ist ....

Ich bin sehr beschäftigt, unterbrach sie Paul, dem die Weise der Kriegsrätin immer unleidlicher werden musste, und der zu merken anfing, worauf es abgesehen war. Ich bin sehr beschäftigt, haben Sie also die Güte, Sich an das Wesentliche zu halten, Frau Kriegsrätin!

Wie Sie wünschen, wie Sie wünschen! versicherte sie. Aber, Herr Tremann, erlauben Sie mir nur zu meiner Rechtfertigung noch ein paar Worte. Sie sind ein erfahrener Mann, Herr Tremann, und Sie haben gewiss die Frauen kennen gelernt. Sie wissen, wie die Mädchen sind. Seba liess sich nicht abhalten, an den Herrn Grafen zu schreiben, Brief auf Brief und Jahr und Tag. Das war sehr unrecht, und ich sagte ihr immer ....

Und diese Briefe? fragte Paul, der seine Ungeduld nur mühsam unterdrückte.

Die Kriegsrätin schlug die Augen nieder. Diese Briefe besitze ich, sagte sie.

Sie besitzen diese BriefeSie? Wie kommen Sie dazu? fuhr Paul auf, dem das Blut in die Wangen stieg, obschon er seiner Empörung und seinem Zorne Gewalt antat. Wie kommen Sie, Frau Kriegsrätin, zu diesen Briefen?

Sie machte eine Bewegung mit beiden Händen, als wolle sie andeuten, sie könne sich dessen kaum erinnern. Ich fand mich, Sie wissen es ja, Herr Tremann, als mein armer, guter Weissenbach seiner Versuchung unterlegen war, genötigt, mir mein Brod zu suchen. Da nahm Graf Berka mich als Haushälterin, und ich kann sagen, als eine Freundin in sein Haus, und ....

Und er, Graf Berka, also ist's, der Ihnen diese Briefe übergeben hat? fragte Paul bestimmt.

Die Kriegsrätin schlug voll Demut ihre Blicke nieder. Der Herr Graf hatte keine Geheimnisse vor mir, sagte sie. Er wusste, dass man mir vertrauen könne, und, fügte sie hinzu, dächte ich nicht, dass ich nicht mehr jung bin, dass der Herr mich abberufen und diese Briefe dann einmal in unbedachte hände fallen könnten, so hätte ich gegen Sie, Herr Tremann, und gegen Niemanden dieser Angelegenheit erwähnt. Aber Mademoiselle Flies hat mich nicht vorgelassen; hat, als ich ihr geschrieben, meinen Brief zurückgeschicktwas sollte ich da machen?

Paul's Verachtung gegen die Kriegsrätin, seine Verachtung gegen den Grafen, der solche Briefe aufbewahren und sie, wenn man das wenigst Schlimme von ihm denken wollte, so schlecht aufbewahren konnte, dass sie einer person wie dieser in die hände fallen mochten, schwellten die Adern auf seiner Stirn.

Wo sind die Briefe? fragte er kurz und kalt.

Die Kriegsrätin brachte aus ihrem Pompadour ein ansehnliches Packet Papiere hervor, das mit einer Schnur über Kreuz zusammengebunden war.

Hier, sagte sie; aber sie reichte sie Paul nicht hin, sondern hielt sie fest, als fürchte sie, dass sie ihr entrissen werden könnten.

Sind das die Briefe alle, welche Graf Berka von Mademoiselle Flies erhalten hat?

Alle, so viel ich weiss.

Paul ging mit sich zu Rate; die Kriegsrätin verwandte kein Auge von ihm.

Was verlangen Sie für diese Briefe? fragte er darauf.

Die Kriegsrätin liess einen Ausruf der Entrüstung hören. Sie beteuerte, dass es ihr nur darauf angekommen sei, dem Wohltäter ihres Gatten ihre gute und anhängliche Gesinnung zu bezeigen, um wo möglich seine Geneigteit und das Zutrauen, das er