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hassen! Glaubst Du, dass er nicht gern ein Herr von Arten-Richten wäre? Glaubst Du, dass diese Flies, die ihn erzogen hat, sich seiner ohne ganz bestimmte Plane angenommen hätte? Schon vor Jahren habe ich es Dir gesagt, sie hassen Dich und michund ich verdenke ihnen das nicht im geringsten! Vielleicht machte ich es an ihrer Stelle eben so. Aber daran halte fest, der Wahlspruch aller dieser Leute, aller sammt und sonders, ist: "Stehe auf, damit ich mich setze!" – und wenn man sie nicht niederwirft, sie nicht in ihre alten Schranken mit Entschiedenheit zurückdrängt, so werden wir diese sogenannten Freiheitskriege einst noch gründlich zu verwünschen haben!

Er war aufgestanden, hatte die Serviette von sich geworfen und ging während des Sprechens lebhaft in dem grossen Zimmer auf und nieder. Renatus war sehr nachdenklich geworden. Alles, was er hier vernahm, bedrängte ihn, und mit der schweren Besorgniss, dass er einen grossen Fehler begangen, dessen Folgen er zu tragen haben werde, verliess er endlich den Grafen, der ihn aufgefordert hatte, seinen Rat zu benutzen, wo und wie er es für nötig finden würde.

Sechszehntes Capitel

In Paul's Arbeitszimmer brannten in der Frühe des folgenden Morgens noch die Lichter, denn es war nebelig draussen, und Paul war zeitig aufgestanden, um einige Entwürfe und Rechnungen durchzusehen, die ihm von Dritten zur Prüfung vorgelegt worden waren. Im Comptoir daneben war noch Alles still, auch von den Seinigen wachte noch Niemand. Das fest hatte lange gedauert; Seba bedurfte jetzt bisweilen doch schon der Ruhe, Davide aber, die es sich sonst nicht nehmen liess, ihrem Gatten das Frühstück zu bereiten und eine ruhige halbe Stunde mit ihm zu haben, ehe die Geschäfte ihn beanspruchten, war durch den Knaben, den sie selbst nährte, mehr als gewöhnlich wach erhalten worden und hatte sich von ihrem mann bereden lassen, sich dafür durch ein paar Stunden Schlaf am Morgen zu entschädigen.

Als es acht Uhr schlug und Paul eben die Lichter auslöschte, weil die Sonne die Nebel zu durchdringen und durch die Aeste der prächtig bereiften Bäume freundlich in sein Zimmer zu scheinen begann, meldete der Diener ihm, dass die Dame, die schon gestern dagewesen und die er auf heute beschieden habe, wiedergekommen sei. Paul befahl, sie einzulassen, und sich mit übertriebener Demut tief verneigend, trat eine grosse, noch rüstige Frau in Trauerkleidern in das Zimmer.

Mit einer Handbewegung wies der Herr des Hauses ihr einen Stuhl in der Nähe seines Schreibtisches an und fragte dann nach ihrem Begehren.

Ich komme, sagte sie, Ihnen für all das Gute zu danken, das Sie, lieber Herr Tremann, meinem geliebten seligen mann bis an sein Lebensende erwiesen haben. Dass er so sanft seine alten Tage beschliessen konnte, das dankte er ja Ihnen ganz allein und noch auf seinem Todtenbette hat er ....

Lassen Sie das, ich bitte, lassen Sie das! unterbrach sie Paul. Es hat mich gefreut, den alten Mann ohne Sorgen zu wissen. Hat das Geld zu seiner Beerdigung ausgereicht, das ich Ihnen gegeben habe?

Beinahe, beinahe ganz, entgegnete die Trauernde; aber ich wollte nur sagen, noch auf seinem Todtenbette hat der gute Weissenbach den Tag und die Stunde gesegnet, in welcher der Herr Caplan Sie in unser Haus gebracht hat; und er hat auch mich dafür gesegnet und mir es tausend Mal gedankt, dass ich ihn damals überredete, Sie aufzunehmen, denn er hat es nicht gewollter hat es nicht gewollt!

Paul hatte sie dieses Mal zu Ende sprechen lassen; nun er schwieg, befand sie sich offenbar in einer Verlegenheit, und er beeilte sich nicht, sie aus derselben zu befreien. Die Kriegsrätin war ihm stets ein Gegenstand der Abneigung gewesen, und ihr jetziges Auftreten war nicht dazu geeignet, diese Abneigung zu vermindern. Der Graf hatte mit seinem Worte Recht gehabt: die schöne Laura verstand es nicht, mit Anstand alt zu werden. Die dicken, falschen Locken, die falschen Zähne, welche in herausfordernder Weisse aus dem stets lächelnden mund hervorsahen, die geschminkten Wangen und der schäbige und doch auffallende Ausputz ihrer Trauerkleider machten sie lächerlich, während ihre schlecht erheuchelte Betrübniss sie Paul noch widerwärtiger erscheinen liess.

Wünschen Sie noch etwas? fragte er; sonst bitte ich Sie, mir zu sagen, wie viel Sie für das Begräbniss aus Ihrer tasche hergegeben haben, damit ich es Ihnen wiedererstatte, denn ich bin beschäftigt.

Sie zog ein Taschenbuch aus dem grossen, schwarzen Sammet-Pompadour, blätterte darin herum, nahm einen Bleistift zu hülfe, rechnete eine Weile, versicherte danach, dass sie im entferntesten nicht darauf gehofft hätte, dass Herr Tremann ihr auch damit noch zu hülfe kommen wolle, wie sie sich aber in einer Lage befinde, in welcher sie benutzen müsse, was die Grossmut ihrer gütigen gönner für sie zu tun geneigt sei, und sie schloss endlich mit der Antwort, dass sie fünf Taler und zwölf Groschen zu der Beerdigung zugeschossen habe.

Paul nahm einen Zehntalerschein aus seiner Kasse. Als die Kriegsrätin ihre Börse hervorholte und Miene machte, nach dem Gelde zu suchen, welches sie herauszugeben hatte, sagte er ihr, sie möge sich nicht bemühen, sondern den Ueberschuss für etwaige noch nachträgliche Ausgaben behalten. Damit hoffte er, indem er ihr ein Lebewohl bot, ihrer nun auch ledig zu sein. Indess sie erhob sich zwar von ihrem