1864_Lewald_163_400.txt

Jahren fortgeschickt, sagte er. Sie war eine vortreffliche Köchin, überhaupt eine brauchbare person, aber Eine Kunst ging ihr völlig ab: sie verstand nicht, alt zu werden. Sie wurde eine lächerliche Figur, und eine solche in meinem Vorzimmer zu haben, konnte mir nicht passen.

Sie kamen dann wieder auf Tremann zu sprechen, und Graf Gerhard meinte, es sei ihm unbegreiflich gewesen, wie Renatus eben ihn zu seinem Bevollmächtigten habe wählen mögen. Auf die Frage, ob der Graf denn Gründe habe, Tremann zu misstrauen, versetzte er: Und welche Gründe hast Du, ihm zu vertrauen?

Es entstand eine kleine Pause, ehe der Graf mit dem Ausspruche wieder das Wort nahm, dass er für sein teil überhaupt keinem Kaufmanne vertraue, und dem tätigen, dem unternehmenden am wenigsten. Der Besitz, sagte er mit einer jener hochtönenden Phrasen, welche der müssige Uebermut so leicht erlernt, der Besitz ist für diese Art von Leuten nicht das zu schonende Feld, der zu pflegende Baum, von dessen Frucht und Ernte sie leben wollen, ruhig leben wollen. Nicht der Besitz erfreut sie, sondern der Erwerb. Das Jagen nach demselben, die rastlose Arbeit ist ihr eigentlicher Genuss. Sie schmieden sich an das ewig rollende Rad des wechselnden Glückes; und jene widerwärtige Spannung zwischen Gewinn und Verlust, die einem gebildeten geist wie die Marter eines Ixion bedünken würde, ist die Wollust solcher niedrig geborenen Naturen. Nimm Dich mit ihm in Acht!

Auf unfertige Menschen macht jeder allgemein ausgesprochene Satz, vor Allem, wenn er auf irgend etwas anwendbar ist, das mit ihren besonderen Verhältnissen zusammenhängt, Anfangs immer einen bannenden Eindruck, und trotz seiner achtundzwanzig Jahre und seines in der letzten Zeit so mannigfach bewegten Lebens war Renatus in sich nicht freier, nicht von der leichten Bestimmbarkeit geheilt worden, welche, als eine Folge seiner Erziehung, ihn immer unsicher über sich selbst und zum Sklaven jeder fremden Meinung machte, die ihm mit Sicherheit entgegentrat. Er hatte sich bisher etwas damit gewusst, dass er Paul zu seinem Vertreter und Vertrauensmanne erwählt hatte. Es war auch alles, was derselbe bis jetzt für ihn getan, soweit Renatus es aus der Ferne hatte übersehen und beurteilen können, durchaus zufriedenstellend gewesen, so dass er in seinem Inneren beständig auf den psychologischen Scharfblick stolz gewesen war, den er bewiesen hatte. Jetzt aber kam plötzlich bei des Grafen Worten der böse Genius aller schwachen Seelen, das Misstrauen gegen sich und Andere, über den jungen Freiherrn, und sichtlich beunruhigt erkundigte er sich, wem die beiden Häuser gehörten und wer sie errichtet hätte, die neben dem alten von Arten'schen haus emporgestiegen waren.

Wer anders soll sie erbaut haben, als Tremann! entgegnete der Graf. Es war eine Spekulation, die ihm, glaube ich, gut eingeschlagen ist, und es gibt kein grosses Unternehmen irgend einer Art, in dem er nicht die hände hätte. Wo er die Capitalien dazu hernimmt, ist freilich nicht zu sagen.

Ich denke, Flies war reich, wendete Renatus ein.

Reich genug! Aber der Alte kannte seine Leute, lächelte der Graf. Nicht ein Pfennig des Flies'schen Capitals ist in dem Geschäfte geblieben. Tremann muss andere Quellen haben, und Du selbst hast ihm vielleicht mehr, als wir übersehen können, damit genutzt, als Du ihm Deine Angelegenheiten überantwortet hast! Es war das ein unbegreiflicher Einfall von Dir, und ich bekenne Dir, mein Lieber, ich wusste nicht, was ich von Dir denken sollte! Mein Bruder Felix stand freilich eben so wie Du im feld. Aber war ich denn nicht da? Ich hatte in meiner unfreiwilligen Musse mir ein gut teil Geschäftskenntniss erworben, und abgesehen davon, Bester, so wären, dünkt mich, Eure immerhin ein wenig delikaten Familien-Angelegenheiten in Deines Onkels, in eines Edelmanns Händen besser, als in denen diesesdieses Tremann aufgehoben gewesen!

Es ging Renatus, wie es ihm mit dem Grafen stets gegangen war. Er hatte eine Abneigung, eine Scheu, ja, ein entschiedenes Misstrauen gegen ihn und fühlte sich doch von ihm beherrscht. Sich dieser herrschaft zu entziehen, oder doch mindestens sich von dem Vorwurfe eines unbesonnenen Handelns zu befreien, den der Graf ihm machte, überwand er sich so weit, demselben von seinem Abenteuer in der Schlacht von Möckern und von der heldenmütigen Aufopferung zu sprechen, mit welcher Tremann für ihn eingetreten war und ihm das Leben gerettet hatte.

Der Graf liess ihn ruhig erzählen und berichten.

Als er aber geendet hatte, schien der Graf ein spöttisches Lächeln länger nicht verbergen zu können. Wie der Vater, sagte ergenau wie dein Vater! Verzeihe mir, dass ich lachen muss! Ich glaube, es muss Eure Religion sein, die Euch so gläubig für Zeichen und für Wunder macht! Es fehlt nur noch, dass Ihr, wie Schiller's Wallenstein, Euch einen Astrologen haltet und patetisch Euer: "Und dieses Pferdes Schnelligkeit entriss mich Bannier's verfolgenden Dragonern!" deklamirt! Ich habe das Stück erst gestern mit angesehenschade, dass Du nicht dabei warst! Es hätte Dir eine Lehre von der Unfehlbarkeit der Zeichen und der Wunder geben können. – Er hielt inne und sagte dann ernstaft und mit achselzuckender Geringschätzung: Du tust wahrhaftig, lieber Junge, als ob solch ein Dazwischenspringen im Gefechte etwas auf sich hätte! Bedenke doch nur, dass dieser Tremann allen Grund hat, Dich und Dein Geschlecht zu