Wirtin, wagte nicht, ihr entgegen zu treten, und wartete darauf, ob der Baron es nicht für sie tun werde. Indess zu ihrem grössten Erstaunen sagte er:
Es bestimmt zu leugnen, dass die menschliche Seele sich nur allmählich von dem Körper und von der Körperwelt loslöse, möchte unmöglich sein. Und ohne mich zu der Zahl unserer modernen Geisterseher zu rechnen, räume ich ein, dass ein Reich der Mitte, dass ein über den Tod fortgesetzter Zusammenhang der Geschiedenen mit den Lebendigen denkbar ist, aber ....
Das glaubst Du, das glaubst Du, lieber Franz? rief Angelika mit erschreckendem Erstaunen.
Ich habe ganz unleugbare Beweise dafür in meinem Leben gehabt! antwortete er ihr mit grosser Sicherheit und Bestimmteit.
Angelika verstummte, denn sie stellte ihren Mann hoch über sich und war es nicht gewohnt, ihm entgegen zu treten, wo er so bestimmt eine Meinung geäussert hatte. Frau von Uttbrecht aber fragte, ob der Freiherr seine Erfahrungen nicht mitteilen könne.
Unmöglich! versetzte er, und es kam Angelika vor, als überlaufe ihn ein Schauer, denn er zuckte zusammen bei seinen eigenen Worten. Die Anwesenden mussten das auch bemerkt haben; es entstand eine Pause, die gespräche nahmen eine andere Richtung, und man ging zeitig auseinander, ohne noch einmal auf die vorher angeregten Gegenstände zurückgekommen zu sein.
Siebentes Capitel
Wären Aeusserungen wie diejenigen, welche Angelika bei Frau von Uttbrecht vernommen, in dem haus ihrer Eltern, in den Tagen ihrer glücklichen Unbefangenheit an sie herangekommen, so würde sie dieselben nicht sonderlich beachtet oder sie als die Erzeugnisse einer törichten Phantastik von sich abgewiesen haben. Jetzt aber, in einer auf das Romantische und Phantastische gerichteten Umgebung, wirkten sie beängstigend auf sie ein, und als sie vollends aus dem mund ihres Gatten eine Annahme bestätigen hörte, die sie noch vor Kurzem als Ausgeburt des Aberglaubens verspottet haben würde, war es ihr, als lege sich ein unsichtbares Netz um sie. Sie hätte den Baron um Auskunft, um Erklärung bitten mögen, und wagte nicht, es zu tun. Sie wollte nichts wissen, was sie beirren, nichts hören, was sie an der vorurteilsfreien Einsicht ihres Gatten zweifeln machen konnte. Sie wollte an keine Wunder glauben, weil ihr dies als eine Folge des Katolicismus erschien, den sie zwar respectirte, da es der Glaube ihres Mannes war, den sie aber für ihr teil nicht zu bekennen sich innerlich vorgenommen hatte; denn sie war fest entschlossen, ihren protestantischen Glauben und die Aufklärung ihres Vaterhauses in sich zu erhalten. Und doch überlief es sie eiskalt, doch blickte sie ängstlich um sich, als sie bei der Heimkehr den Fuss in das Gemach setzte, in welchem fräulein Ester sich gewöhnlich aufgehalten hatte, und das jetzt Angelika's Wohnzimmer geworden war.
Sie war froh, dass sie an diesem Abende nicht mehr lange in demselben zu verweilen brauchte, denn es war Zeit sich zur Ruhe zu begeben. Sie war müde und benommen von dem Halblichte und von den starken Wohlgerüchen, welche immer in den Zimmern der Frau von Uttbrecht herrschten, und an die Unterhaltung denkend, die sie bei der Cousine vernommen hatte, schlief sie ein.
Es war mitten in der Nacht, als ein herzzerreissender Schrei von den Lippen ihres Gatten sie erweckte. Sie fuhr auf, rief ihn beim Namen, ergriff seine Hand, aber der Traum musste ihn sehr fest umfangen, denn er stiess sie von sich und rief mit dem Tone des äussersten Entsetzens: Fort, fort! Klammere Dich nicht so an mich! Komm nicht herauf! – Die starren Augen! Die starren Augen!
Angelika klopfte das Herz in furchtbarer Angst, ihre Glieder bebten. Sie neigte sich zu ihm, sie rief ihn nochmals dringend an, da richtete er sich empor, sah verwirrt umher, fuhr sich mit den Händen über das Gesicht und sagte endlich, als habe er Mühe, sich ihre Anwesenheit zu erklären und sich zu fassen: Habe ich Dich erschreckt? Vergieb! Ich hatte einen bösen Traum!
War es Tante Ester? fragte sie leise.
Nein, entgegnete er ihr, nein! Denke nicht weiter daran, mein Kind. Es war nichts. Die heutige Unterhaltung hat mich nur aufgeregt; man sollte in der Gesellschaft solche gespräche vermeiden.
Er legte sich darauf abermals zur Ruhe nieder; aber Angelika konnte nicht schlafen, und bei dem Scheine der Lampe sah sie, dass auch der Baron noch lange wach blieb und dass er einmal seine Augen trocknete.
Von ihren Gedanken gepeinigt, lag die junge Frau auf ihrem Lager. Das Haus war todtenstill, ihr Gatte endlich wieder ruhig eingeschlafen. Sie hörte seine leisen Atemzüge, sie konnte das Heben und Senken seiner Brust bemerken. Er sah milder aus, als sie ihn je gesehen hatte, aber sehr traurig. Ihr Auge verweilte mit grosser Liebe auf seinem Angesichte. Sie fasste zum ersten Male den Gedanken an die ganze, ihr fremde Vergangenheit ihres Mannes als ein Feststehendes auf; sie hielt sich überzeugt, dass irgend eine traurige Erinnerung aus den Tagen der Vergangenheit ihn noch belaste, und ohne zu wissen, welch einen Schritt sie damit auf dem Wege der Entsagung vorwärts tat, beklagte sie es, so jung und unerfahren zu sein, dass sie ihm nicht helfen konnte. Sie sehnte sich nach Jemand, der ihr raten, ihr sagen möchte, was sie tun müsse, ihrem mann die frühere Ruhe und seine alte, gleichmässige Selbstzufriedenheit wieder zu verschaffen, die er