, dass die junge Gräfin liebreich und liebebedürftig erscheine, dass der Baron also darauf rechnen könne, für seine beabsichtigte Hingebung durch eine schöne Zärtlichkeit belohnt zu werden, und dass überdies seine reife Erfahrung ihm neben der jungen Frau die Möglichkeit gewähren werde, dieselbe nach seinen Wünschen und Bedürfnissen zu erziehen.
Gewiss! gewiss! rief der Baron mit einer Ungeduld, die bei dem ruhigen Gange dieser Unterhaltung nicht berechtigt schien; aber grade mit dem Erziehen ist es ein eigenes Ding!
Er brach davon ab, und sprach dann nach einer Pause mit sichtlicher Ueberwindung: Sie wissen, dass ich nichts halb zu tun liebe. Ich bin also genötigt – er stand auf, rückte ein Bild an der gegenüber liegenden Wand zurecht und sagte darauf mit einer gewissen Heftigkeit, als wollte er sich zwingen, es auszusprechen: Ich muss den Handel in Rotenfeld zu Ende bringen! Pauline muss fort!
Es war ihm lieb, dies ausgesprochen zu haben; es kam ihm damit festgestellt und also halb geschehen vor. Er nahm eine Prise aus der goldenen Dose, auf welcher das Bild seiner Braut gemalt war, und bot sie darauf dem Caplan dar.
Dieser griff behutsam hinein, und während er den feinen Taback mit gespitzten Fingern langsam zur Nase führte, sagte er, den Kopf beim Schnupfen senkend, dass er den Freiherrn nicht anzublicken brauchte: Das wird allerdings eben so unerlässlich als zweckmässig sein! Er säuberte darauf leichtin das schwarze eng anliegende Gewand von dem Taback, der etwa darauf verschüttet sein konnte, knipste mit den feinen Fingern die paar Körnchen hinunter, welche auf dem seidenen Beinkleide liegen geblieben waren, und sah mit seinem klaren, ernsten Auge dem Freiherrn nach, der im Zimmer hin und wieder ging.
Seit vollen sechs Jahren war der Name Pauline zum ersten Male zwischen ihnen genannt worden, und es dünkte dem Baron, als sei er durch das blosse Aussprechen dieses Namens dem alten Freunde näher gebracht, als seit langer Zeit; denn ein Lebensgenosse, dem wir geflissentlich vorentalten, was uns beschäftigt, rückt uns in demselben Grade fern und ferner, in welchem der Gegenstand unserer verborgenen Teilnahme uns näher tritt.
Weil der Baron aber die ihm peinliche Mitteilung baldmöglichst abgetan zu haben wünschte, sagte er: So verschieden unsere Ansichten in Manchem, und eben auch in diesen Dingen sind, so werden Sie mir doch zugeben müssen, mein Freund, dass über dem Menschen eine Unfreiheit liegt, gegen die er – mögen Sie dieselbe Geschick, Schicksal, Verhängniss, Vorsehung oder wie Sie immer wollen, nennen – ohnmächtig ist. Das macht es mir so entmutigend, in die Vergangenheit zurückzublicken. Unser Wollen und unser Vollbringen decken sich so selten, unsere Absichten und unsere Taten entsprechen einander oftmals so wenig. Und dabei bilden fremdes Empfinden und der Zufall noch so unabweisliche Faktoren in jedem Menschenleben, dass man oft fragen möchte: Was war Tat und was Erleiden? Was war Schicksal und was freier Wille? Wo endet das Verdienst, wo beginnt die Schuld? Wo haben wir zu sühnen, wo uns selber zu bewahren? Denn die Moral, welche Kirche und Staat als Canon aufstellen, kann nur äussere Entscheidungen und Entschlüsse hervorrufen; den inneren Zwiespalt lösen ihre gesetz nicht.
Mich dünkt aber, hob der Caplan an, welcher dem Baron bis dahin mit Achtsamkeit gefolgt war und der den Seelenzustand desselben deutlich übersah – mich dünkt aber, der Fall, dessen Sie gedenken, ist nichts weniger als verwickelt, wenn schon er ....
Und wieder liess der Baron ihn nicht vollenden. Urteilen Sie nicht, lieber Freund, und vor Allem verdammen Sie nicht, ehe Sie nicht die Reihe von besonderen Tatsachen und die einander widerstrebenden Empfindungen kennen, die hier mitwirken und mich peinigen, sprach er, jede Einwendung des Geistlichen im Voraus abwehrend. Denn bedrängt, wie er sich fühlte, wünschte er doch Herr des Gespräches zu bleiben und mit seinem Vertrauen vorzugehen oder einzuhalten, wie es ihm im Augenblicke passend scheinen würde. Es war auf eine Herzenserleichterung und allenfalls auf Beistand, nicht auf eine Selbstanklage oder eine Ermahnung von ihm abgesehen, welche der Caplan in früheren Jahren, als der Baron sich noch bisweilen zu den kirchlichen Ceremonien entschlossen, ihm nicht erspart hatte.
An und für sich, als nackte Tatsache betrachtet, fuhr der Baron mit absichtlich zur Schau getragener Leichtigkeit fort, ist die Sache im grund der einfachsten eine. Der unverheiratete Gutsherr hat die Tochter seines Jägers, hat ein Mädchen von seinen Gütern zur Geliebten gehabt und denkt dasselbe aufzugeben, es abzufinden, weil er sich verheiraten will, verheiraten muss. Das kommt, wie Sie, mein Freund, es von Ihrem Standpunkte aus auch tadeln mögen, doch alle Tage vor und ist etwas so Gewöhnliches, dass es in der Tat kaum die Rede darüber wert wäre! Und doch – können Sie es Sich denken? habe ich mir den Entschluss zu meiner Heirat förmlich abringen müssen! Doch habe ich es auch noch bis heute, wo meine Hochzeit vor der tür steht, nicht über mich gewinnen können, dem armen Geschöpfe zu sagen: Nimm dein Kind und geh'! – Abrahams Handlungsweise gegen Hagar ist mir stets als eine rohe Grausamkeit erschienen.
Der Caplan liess eine kleine Weile in Schweigen verstreichen, dann versetzte er bestimmt und gemessen wie immer: Ich kann mir wohl vorstellen, wie eben Sie Sich schwer zu einem solchen Schritte entschliessen können. Hier aber, wo ein beklagenswertes Ereigniss unabänderlich feststeht, wo eine zwingende notwendigkeit zur Entscheidung drängt