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die zweite Jugend möglichst lange zu erhalten. Ich dorlottire mich ein wenig, wie Du siehst, aber ich befinde mich wohl dabei. Wie findest Du mich aussehen?

Renatus versicherte ihm, dass er sich sehr gut erhalten habe; der Graf nahm das mit Wohlgefallen auf.

Du wirst auch, wenn Du nach Berka kommst, den Onkel Felix sehr munter finden. Die Feldzüge haben ihm entschieden gutgetan. Er hat das ganze Haus voll Kinder, schöne Kinder! Ich war zu Weihnachten mit den Rhoden's dort, dennHildegard wird Dir das ja wohl geschrieben habenes war Deine Schwiegermutter, der ich den gegenwärtigen engen Zusammenhang mit den Meinigen verdanke. Ich hatte früher wenig Familiensinn, aber ich habe das selbst nicht geglaubt, der Familiensinn findet sich wirklich mit den Jahren.

Er war ganz ausschliesslich mit sich und seinen Angelegenheiten beschäftigt. Er erzählte, wie er während der Freiheitskriege durch die Gräfin Rhoden, die er jetzt immer nur die Cousine nannte, mit der Prinzessin in nähere Beziehung gekommen sei, wie diese ihn dem Könige empfohlen und ihm dann auch neuerdings die Verleihung jenes Ordens erwirkt hätte, der, in ferner Zeit, als Lohn für besondere Tugend und Selbstverläugnung gestiftet, jetzt zu einer Auszeichnung für den Adel geworden war.

Es ist eine schöne Decoration, sagte er, auf das Kästchen weisend, in welchem der Orden vor ihm lag, und man musste doch endlich auch etwas für mich tun! In das Militär zurückzutreten, fühlte ich keine Neigung mehr, und eine Anerkennung war man mir für die mannigfachen und oft recht peinlichen und drückenden Vermittlungen, die ich während der Franzosenherrschaft über mich genommen hatte, allerdings wohl schuldig. Du glaubst nicht, wie viel Uebles ich verhütet, wie oft ich durch meine Kenntniss der Personen und der Verhältnisse recht arge und bedenkliche Zusammenstösse verhindert habe, und ich hätte vielleicht sehr recht daran getan, wie die Prinzessin mir es vorschlug, eines der zu vergebenden grossen Consulate anzunehmen, um mir auf diesem Wege den Uebergang in die diplomatische Laufbahn zu bereiten. – Aber was willst Du? Ich bin bequem geworden. Ich hänge an meiner wohnung, an meinen Gewohnheiten, meinen Freundenich bin ohne Ehrgeiz! Tout bonnement ein alter Junggeselle, der sich von seinen Freunden verbrauchen lässt. Und ich versichere Dich, sie machen sich das zu Nutze! Alle, alle sammt und sonders, selbst Deine Hildegard, die ein Juwel von einem Mädchen ist! So klug, so umsichtig, ein wahrer Schatz! Wir sind grosse Freunde, nun, sie hat Dir's ja geschrieben!

Er unterbrach sich endlich selbst, da die Verwunderung des Freiherrn diesen lange nicht zum Sprechen kommen liess; denn Renatus traute seinen Ohren nicht. Wie mussten die zeiten und die Zustände sich hier geändert haben, wenn man den Grafen für Handlungen belohnen konnte, die ihm einst den gerechten Zorn seiner ganzen Familie und die Missachtung aller rechtschaffenen Vaterlandsfreunde zugezogen hatten! Wie sicher musste der Graf sich fühlen, dass er auf gar keine mögliche Einwendung von Seiten seines Neffen mehr Bedacht zu nehmen nötig fand. Und was war es mit dem Ordenswesen überhaupt, wenn ein Gerhard von Berka den Orden erhalten und zu tragen sich unterfangen konnte, der als ein Zeichen besonderer Sinnesreinheit nur dem Adel verliehen werden durfte? Alles, was er hörte und vernahm, war dazu angetan, den Heimgekehrten zu überraschen, denn weit mehr noch als alle diese Tatsachen setzten die Zustände ihn in Verwunderung, aus denen heraus sie einzig möglich geworden sein konnten.

Dazu berührte die Weise, in welcher der Graf bei jedem Anlasse Hildegardens Lob aussprach, den Freiherrn nicht angenehm. Er meinte überall herauszufühlen, dass der Onkel das Vertrauen seiner Braut mehr, als es nötig sei, besitze. Es klang ihm im weiteren Verlaufe der Unterhaltung, als müsse Hildegard sich sogar über ihn, über sein langes Ausbleiben, ja, über seine Beziehungen zu der Herzogin und zu Eleonoren gegen den Onkel klagend ausgesprochen haben, denn der Eifer, mit welchem Graf Gerhard das Deutschtum auf Kosten des Franzosentums, und die edlen Eigenschaften einer deutschen Jungfrau über alle Reize der Ausländerinnen erhob, klangen in seinem mund so unberechtigt, dass er, bei seinem Scharfsinn und bei seiner Klugheit, notwendig eine bestimmte Absicht haben musste, um eine solche Ungeschickteit zu begehen.

Weil Renatus endlich von der Bewunderung seiner Verlobten, zu der er nicht geneigt war, abzukommen wünschte und weil er der in jedem Augenblicke drohenden direkten Frage nach seinem Erleben und wohl gar nach Eleonoren ausweichen wollte, brachte er die Rede auf seine Geschäfte. Er sagte, dass er eben nur so lange in Berlin zu bleiben vorhabe, als dieselben es erheischen würden, erwähnte, dass er schon heute zu Tremann habe gehen wollen, dass die Auffahrt einer Gesellschaft ihn aber davon zurückgehalten und dass er morgen gleich in der Frühe sich zu ihm zu begeben denke.

Der Graf liess sich das ruhig erzählen, schenkte sich und seinem Neffen sorgfältig den Tee ein, welchen der Diener inzwischen aufgetragen hatte, wählte mit Kennerblick für seinen Gast die besten Stücke der kalten Küche aus und zeigte überhaupt alle jene kleinen Aufmerksamkeiten für ihn, durch welche eine achtsame Hausfrau ihrem Besucher die Freude über seine Anwesenheit auszudrücken liebt.

Renatus rühmte dies dankbar, der Graf nannte es scherzend seine Hagestolzenkünste, und das brachte Jenen auf die Frage, ob der Onkel seine frühere Haushälterin, die Kriegsrätin, noch bei sich habe.

Der Graf verneinte es. Ich habe sie schon vor drei