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Zustände empfindet, machte ihn vor dem Zusammentreffen mit den Personen zurückschrecken, die zu sehen er eigentlich gekommen war. Wäre er seiner Stimmung gefolgt, hätte er einen Zauberstab besessen, er wäre in demselben Augenblicke davongegangen. Aber wohin? Es blühten ihm an keinem Orte Freuden.

Unbehaglich, ohne eine bestimmte Absicht, ging er in den Strassen vorwärts. Endlich fing er an, sich seines Zustandes zu schämen, und wie einer, der lange zaudernd vor dem kalten wasser steht, bis er sich mit gewaltsamem Entschlusse kopfüber hineinstürzt, so schlug Renatus mit Einem Male seinen Weg nach dem haus ein, welches einst das Wappen seines Geschlechtes über dem Portale getragen hatte.

Als er in die Strasse kam, in welcher es gelegen war, und in die Nähe des Hauses selbst, fand er Alles sehr verändert. Der gartenartige Hof, der das Haus nach der Strasse und zu beiden Seiten umgeben hatte, war verschwunden, das Eisengitter gegen die Strasse hin war abgerissen, rechts und links waren ein paar stattliche Wohnhäuser entstanden, und Renatus sah an den Wagen, die vor dem ehemaligen Arten'schen haus hielten, an dem Diener, der den ankommenden Gästen die tür des Hauses mit Beflissenheit öffnete, wie an der Reihe der hellerleuchteten Fenster im ersten Stockwerke, dass man irgend ein Festgelage in demselben begehen müsse. Er blieb einen Augenblick stehen und blickte hinauf. Ein paar Leute aus dem volk, ein paar arme Kinder standen ebenfalls still und betrachteten die Aussteigenden. Er hatte eine äusserst unangenehme Empfindung, als er sich also einsam, in solcher Gesellschaft vor dem haus seiner Väter umhergehend fand, und obschon er sich einen Vorwurf daraus machte, konnte er sich nicht überwinden, eben jetzt seine Karte bei dem Hauswart abzugeben und sagen zu lassen, dass er morgen in den Vormittagsstunden vorsprechen werde.

Unentschlossen, wohin er sich wenden solle, kehrte er nach den Linden zurück, und weil ihm die Aussicht, den Abend einsam in der stube seines Gastofes zuzubringen, unerträglich fiel, beschloss er, seinen Oheim aufzusuchen, obschon dieser im grund der Letzte war, den wiederzusehen er Verlangen trug. Aber Renatus war in einer Verfassung, in welcher jede Unterhaltung, jede Gesellschaft ihm willkommener war, als des Alleinsein mit den eigenen Gedanken, und er war endlich wirklich froh, er kam sich wie geborgen vor, als er auf seine Anfrage den Bescheid erhielt, dass der Graf zu haus sei, sich freilich nicht ganz wohl befinde, aber sehr erfreut sein werde, den Herrn Baron zu empfangen. Es war noch die wohnung, noch die etwas prunkende Einrichtung, die der Graf zur Zeit des russischen Feldzuges gehabt hatte; indess es war mit beiden doch eine Veränderung vorgenommen worden, und am meisten hatte der Graf selbst sich verändert. Wie er sich einst geflissentlich aus einem preussischen Offizier in einen Napoleonisten verwandelt, so hatte er sich jetzt wieder in das Deutsche zurück übersetzt, und er gefiel Renatus in dieser Gestalt gleich bei dem ersten Anblicke besser, obschon er in dem Zeitraume, in welchem sie einander nicht gesehen, verhältnissmässig sehr gealtert hatte. Sein Haar, das er vor Jahren in der dicken französischen Locke bis tief auf die Stirn herabhängen lassen, war am Vorderhaupte und an den Schläfen weit zurückgewichen und dünn geworden. Man konnte noch nicht sagen, dass er kahl sei, aber die Stirn war bedenklich hoch, und wenn sein von natur feines Antlitz dadurch auch noch nicht entstellt ward, so veränderte es seinen Ausdruck doch. Dazu war er magerer geworden, erschien also noch grösser, und die weissen hände, die aus dem weiten seidenen Schlafrocke auf das sorgfältigste gepflegt hervorsahen, hatten nicht mehr den eisenfesten Druck, der sonst den Ankommenden zu begrüssen pflegte.

Die Bilder der französischen Kaiserfamilie, welche einst an den Wänden des Wohnzimmers hingen, waren entfernt, sie hatten ein paar guten Bildern von des Grafen Eltern Platz machen müssen. An der Stelle des antik gehaltenen französischen Canapee's stand ein grosses, weiches Sopha, und einige Lehn- und Ruhestühle zeigten, dass der Besitzer dieses Raumes es sich behaglich zu machen liebe und verstehe.

Als Renatus eintrat, streckte der Graf ihm die hände entgegen und sagte: Es ist, auf Ehre, um einen Menschen abergläubisch zu machen. Ein Glück kommt nie allein! Heute Morgen habe ich da die Anzeige erhalten, dass Seine Majestät der König mir eine grosse Gnade, dass er mirder Graf hob ein mit grossem Siegel versehenes Blatt empordass er mir den Orden verliehen, den unser Vater auch getragen hat, und jetzt kommt der einzige Sohn unserer Angelika, kommst Du, alter Junge, uns in die Heimat zurück! Nun, willkommen zu haus, herzlich willkommen! – Einen Sessel für den Herrn BaronDu siehst vortrefflich ausaber ganz vortrefflich! Nimm Platz, Renatus, nimm Platz! Wie wird die gute Hildegard sich freuen!

Er hatte das alles rasch hinter einander gesprochen, ohne seinem Neffen Zeit zu einer Unterbrechung zu lassen. Dann warf er sich auf das Sopha, hüstelte leise, wickelte sich wieder fest in seinen Schlafrock ein, zog die Beine auf das Lager und sagte, während der alte Diener ihm eine Decke über die Füsse legte: Verzeihe, mein Bester, aber wenn man die erste Jugend hinter sich, und sie, wie es sich gebührt, genossen hat, muss man zum Dank für treu geleistete Dienste mit seiner Gesundheit, seinem Körper rücksichtsvoll und freundlich umgehen, um sich