rief sie mit letzter, plötzlicher Kraftanstrengung, und die Hand mit Gewalt fest auf das Papier auflegend, dass sich ihre Schwäche nicht verriet, unterzeichnete sie mit klaren Buchstaben ihren vollen Namen. Dann liess sie die Feder fallen, ihr Haupt sank ihr zurück, und ehe noch die Zeugen ihre Namen unter das Testament geschrieben hatten, war die Herzogin gestorben.
Jeder von ihnen hatte seine besonderen Rückerinnerungen bei dem tod dieser Frau. Eine halbe Stunde später war das Zimmer verlassen. Der Notar traf die nötigen gerichtlichen Massregeln, die herrenlose Dienerschaft ging ihrem Belieben nach.
Am hof vernahm man die Kunde von dem tod der Herzogin ohne besondere Teilnahme und ohne irgend ein Erstaunen. Man fand es natürlich, dass des Königs Ungnade ihr das Herz gebrochen hatte. Als aber der Monarch, im Angedenken alter Freundschaft, den Befehl gab, dass sein Wagen den Leichenzug der Herzogin eröffnen solle, folgten der Hof und die zu ihm gehörende Gesellschaft dieser Anweisung, und die Herzogin wurde mit allen Ehren ihres Standes zur Ruhe bestattet.
Fünfzehntes Capitel
Niedergeschlagen wie Einer, den ein schweres Unglück betroffen hat, sass Renatus in dem Reisewagen, der ihn von Paris entfernte. Als er vor vier Jahren inmitten eines begeisterten Heeres, von Gefecht zu Gefecht, von Schlacht zu Schlacht siegreich fortschreitend, durch diese Gegenden zog, war ihm anders zu Sinne gewesen. Aus der Fremde nach der Heimat gehend, kam er sich wie ein Verbannter, wie ein Flüchtling vor. Er war ohne jede bestimmte Hoffnung und völlig unentschlossen, wie er seine Zukunft zu gestalten habe. Er war unzufrieden mit sich, unzufrieden mit seinen Verhältnissen, unsicher in seinen Ueberzeugungen, und sein Gewissen war beschwert.
Wenn er sich vorhielt, dass er nach haus zurückkehre, um sein Wort gegen Hildegard zu lösen, schien es ihm unnatürlich, dass er zu dieser ging, die seiner nicht bedurfte, statt Eleonoren nachzueilen, die ihn, oder doch in jedem Falle den Beistand eines Freundes nötig haben musste. Wenn er sich sagte, dass es Zeit sei, sich an die Ordnung seiner Vermögensverhältnisse zu machen, wozu Paul ihn immer dringender ermahnte, überkam ihn die drückende Einsicht, wie er von diesen Dingen nichts verstehe, und die Abneigung gegen den persönlichen Verkehr mit Paul verminderte dieses Unbehagen nicht. Wohin er seine Gedanken richtete, überall stiess er auf Dinge, die ihn beunruhigten.
Der Aufentalt in Paris war ihm verleidet und peinlich geworden, in Berlin erwarteten ihn lästige Erörterungen und Geschäfte, denen er sich nicht gewachsen wusste, während ihm die Möglichkeit vorschwebte, dass die Gerüchte, welche auf seine Kosten in Paris in Umlauf gewesen waren, ebenso nach Berlin gelangt sein konnten; und die Missverständnisse und Zerwürfnisse zwischen seiner Braut und seiner Stiefmutter, mit deren Schilderung man ihn aus der Ferne schon behelligt hatte, versprachen auch nicht, ihm den Aufentalt in Richten zu erleichtern oder zu verschönern. Wenn er sich das alles aber bis zur Ermüdung vorgehalten hatte, dann bemächtigte sich seiner immer wieder die Erinnerung an Eleonore, um ihn vollends unglücklich zu machen.
In dieser Verfassung langte er an einem der letzten Tage des Februar in der Hauptstadt seines Vaterlandes an. Es war gegen den Abend hin und noch sehr kalt. Bis man seinen Wagen abpackte, seine Koffer öffnete, verging eine geraume Zeit, und als er eine Mahlzeit eingenommen und sich umgekleidet hatte, war es vollends spät geworden.
Nahezu sechs Jahre waren vergangen, seit er Berlin verlassen hatte. Damals war die Stadt voll von Franzosen gewesen, und er selber war, ihren Fahnen folgend, für Napoleon in den Kampf gezogen, für denselben Kaiser, der jetzt, ein zum zweiten Male Niedergeworfener, auf dem einsamen Felsen-Eilande inmitten des Weltmeeres in harter Gefangenschaft seine Tage hinschwinden sah. Jetzt herrschten Ruhe und Friede in dem land, das Geschlecht der Hohenzollern sass wieder in voller Sicherheit auf seinem Trone, und doch wollte es Renatus, als er, von seinem Gastofe kommend, durch die Strassen ging, bedünken, als sei es sonst belebter und lustiger in denselben gewesen.
Berlin erschien ihm traurig, kleinstädtisch und leer. Das schnell flutende Leben des glänzenden Paris hatte den Massstab verändert, nach welchem der Freiherr die Dinge mass, und mehr noch, als der Ort, kam er selber sich verwandelt vor. Wo waren all die Wünsche und Hoffnungen, wo war die schöne, schmerzliche sehnsucht, wo war die ganze innere Zuversicht geblieben, mit welcher er an jenem hellen, kalten Mittage an seines Onkels Haus vorüber in den russischen Krieg gezogen war?
Als er, von seinem Gastofe ausgehend, an das Schauspielhaus kam, sah er aus alter Gewohnheit nach den Fenstern eines Eckhauses hinauf. Einer seiner liebsten Kameraden hatte dort gewohnt. Der fröhliche Gesell war in einem der ersten Gefechte des Freiheitskrieges gefallen; auch sein Vetter, der Renatus diesen Todesfall gemeldet hatte, war ein Opfer des Krieges geworden. Der Bruder lebte noch und stand bei einem der in Berlin garnisonirenden Regimenter; aber er hatte sich verheiratet und Renatus es versäumt, sich um seine wohnung zu erkundigen. Er dachte an diesen und jenen von seinen früheren Bekannten, ohne zu wissen, ob sie in der Stadt und wo sie anzutreffen wären. Das liess ihn nur noch deutlicher merken, wie lange er entfernt gewesen sei, wie fremd er in Berlin geworden war, und diese Einsicht, verbunden mit jener Scheu, welche man, wenn man mit sich selbst nicht einig ist, vor jeder Erörterung über sich und seine