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es eben jetzt in der Macht des Prinzen stehe, von der Dankbarkeit und achtung der Gräfin zu erlangen, was seine Liebe bisher vergebens von ihr erbeten hatte. Er schlug dem Prinzen vor, sich schriftlich gegen die Herzogin zu Eleonorens Gunsten auszusprechen, ihr zu erklären, wie er an dem Charakteradel und der hohen Sinnesreinheit Eleonorens keinen Zweifel hege, und wie er es beklage, wenn seine liebende Ungeduld vielleicht mit dazu beigetragen haben sollte, die unheilvolle Vermittlung Seiner Majestät heraufzubeschwören. Schliesslich aber gab der Abbé den beiden Fürsten zu bedenken, dass es eine grosse, eine schöne Handlung sei, wenn ein Mann mit dem Schilde seiner unbefleckten Ehre sich eines Mädchens wie die Gräfin annehme, und wie es völlig unmöglich sei, dass ein solches Mädchen der Grossmut des sie beschützenden Mannes dauernd widerstehen könne. Er kam immer darauf zurück, dass für den Prinzen Alles zu gewinnen oder Alles zu verlieren sei, und dass derselbe der Herzogin seine anhänglichkeit besser nicht beweisen könne, als indem er, gleichviel, ob auf geradem Wege oder auf einem Umwege, ihr zur Verwirklichung ihrer Absichten und Wünsche behülflich werde.

Darüber verlief eine Reihe von Tagen, und Renatus hatte gerade sein Urlaubspatent erhalten, als man ihn in der Nacht weckte, weil die Herzogin zu sterben glaube und ihr Testament zu machen vorhabe, bei dem sie der Zeugen nicht entbehren könne.

Es war eine grosse Aufregung im haus; man hatte in den Corridoren und auf der Treppe die Lampen in Eile angezündet, das Portal war offen. Fast gleichzeitig fuhren die beiden Wagen der Herzogin in dasselbe ein. Sie hatte die Prinzen von Chimay, Vater und Sohn, und ihren Beichtiger zu sehen verlangt, und man hatte sich beeilt, sie herbeizuholen. Der Notar und der Arzt waren schon vor ihnen angelangt; Renatus fand sie alle um die Sterbende versammelt.

Die Herzogin sass, von ihren Frauen unterstützt, trotz ihrer Schwäche hochaufgerichtet auf ihrem Lager. Obschon das Haupt ihr müde herabsank, sahen doch ihre scharfen Augen noch fest umher, und sie hatte für Jeden ein Wort, ein Zeichen des Bemerkens, wie in ihren guten Tagen.

Als sie alle diejenigen beisammen fand, die sie hatte rufen lassen, ersuchte sie den Notar, den Anwesenden das Testament vorzulesen, wie er es nach ihren Anordnungen niedergeschrieben hatte. Sie hörte, weil die Brust ihr sehr gepresst war, nur wenig danach hin, während er das Formular vorlas, aber sie richtete mit Anstrengung ihr Haupt in die Höhe, und ihr Auge ging von dem greisen Fürsten zu dem Prinzen und von diesem zu dessen Vater zurück, als der Notar die Worte aussprach:

"Auf den Wunsch und die Fürbitte meiner beiden werten Freunde, des Fürsten August Philipp von Chimay und seines Sohnes, des Prinzen Philipp Polydor von Chimay, vermache ich meinen ganzen Besitz, er mag Namen haben, welchen er wolle, an meine Nichte, Eleonore Corinna Marquise von Lauzun, Gräfin von Haughton, unter der Voraussicht, dass sie sich meinem Wunsche und dem Befehle Seiner Majestät des Königs in Gehorsam fügen und den Prinzen Polydor, nachdem sie ihren Irrglauben abgeschworen und sich dem alleinseligmachenden Glauben überantwortet hat, in Anerkennung seines verzeihenden Herzens und seiner grossmütigen und edelmännischen Gesinnung, zu ihrem Gatten wählen werde. Sollte sie sich dessen weigern, sollte sie mir die Genugtuung versagen, die ich von ihr zu erwarten berechtigt bin und welche die letzte ist, die ich noch hienieden erhoffen kann, so will ich, allem Irdischen mich abwendend, nur auf das Heil meiner unsterblichen Seele bedacht sein. Von dem Tage ab, an welchem man die Wappen des Hauses Lauzun-Duras auf meiner Ruhestätte in der Kirche zu Vaudricourt, an der Seite meines vielgeliebten Gatten, des verstorbenen Herrn Herzogs Moriz Alibert Chlodwig von Duras, befestigen wird, sollen, sofern die Gräfin Haughton die Hand des Fürsten Polydor nicht annimmt, die frommen Väter des Jesuiten-Klosters zu Malanche die alleinigen Erben meines ganzen Vermögens und Besitzes werden, damit mein Andenken in Liebe und Verehrung auf der Erde erhalten bleibe und meiner armen Seele die Gebete und die erlösenden Fürbitten nicht fehlen mögen, auf welche ich in dem Falle von meiner Nichte, der Gräfin Haughton, nicht zu rechnen haben würde."

Der Notar hielt inne. Er las danach den Schluss des Formulars, man reichte der Herzogin die Feder hin, hielt einen Leuchter so in die Höhe, dass sie sehen und schreiben konnte, ohne von dem Lichte geblendet zu werden, und erwartete, dass sie jetzt unterzeichnen würde. Aber sie zögerte, es zu tun.

Langsam und prüfend blickte sie den Prinzen, blickte sie den Fürsten noch einmal an. Keiner von beiden, man konnte es in ihren Mienen lesen, hatte diesen Schluss des Testaments erwartet. Auch der Beichtvater der Herzogin zeigte sich überrascht; auf eine Wendung des Testamentes, die Alles von der Entscheidung der Gräfin abhängig werden liess, hatte er nicht gerechnet.

Es war todtenstill im Zimmer. Renatus, der auf der linken Seite des Lagers der Herzogin zunächst stand, meinte in ihren erstarrenden Zügen plötzlich noch einmal jenes überlegene sarkastische Lächeln zu gewahren, vor dem er als Knabe Scheu getragen hatte und das ihm immer unheimlich geblieben war.

Die Herzogin atmete immer schwerer. Wie betrübt sie sind! sagte sie kaum hörbar. Wie betrübt sie Alle sind! Mein Tod macht Niemanden froh, und sie werden Alle, Alle lange an mich denken! – Die Feder, die Feder! – Licht, schnell das Licht!