nach seinen edelmännischen und militärischen Begriffen gebührte, zu blutiger Rechenschaft zu ziehen, aber die Besonnenen unter seinen Genossen und Kameraden wussten die Zerwürfnisse beizulegen und ihn zu beschwichtigen, indem man ihn daran mahnte, dass der Ruf der Gräfin durch jedes neue aufsehen neuen Gefahren ausgesetzt sei, und dass in dem Verhältnisse, in welchem die preussischen Truppen sich in Paris befänden, für den Chef derselben nichts ungelegener kommen könne, als ein Duell unter seinen Offizieren, oder gar das Duell eines seiner Offiziere mit einem zum hof gehörenden Franzosen.
Trotz ihrer Krankheit verlangte die Herzogin es auch ganz ausdrücklich, dass ihr junger Gast unter ihrem dach bleiben solle. Sie liess es ihn durch den Arzt wissen, dass es ihr beruhigend sei, einen ihr befreundeten Menschen in ihrer Nähe zu haben, für den die Ungunst ihres Königs kein Grund sein könne, sich von ihr zurückzuziehen, und dem sie keinen Nachteil zuzufügen fürchten müsse, wenn er sich ihr anhänglich erweise. Mit zitternder Hand schrieb sie ihm an einem der folgenden Tage, dass sie ihn noch zu sehen hoffe, ehe sie vom Dasein scheide, und da die Freude an der schönen Form in ihr nur mit dem Leben selbst erlöschen konnte, fügte sie den zwei Zeilen am Schlusse die Wendung zu: da sein Vater ihr in Leid und sorge seine Hand gereicht, so habe der Himmel wohl die Hand des Sohnes auserwählt, ihr die müden Augen zuzuschliessen.
Renatus blieb also in ihrem haus. Von Seiten seiner Freunde und Vorgesetzten sah man dies gern. Es liess ihn schuldlos an dem Geschehenen erscheinen, und er selber war zu reinen Sinnes, um es der Herzogin zuzutrauen, dass sie ihn gerade desshalb und eben nur aus Rache gegen Eleonore bei sich festzuhalten suchte.
Wenige Tage nach der Abreise der Gräfin, als Renatus sich eines Abends zu haus und einsam in seinem Zimmer befand, ward der Abbé ihm angemeldet.
Er sagte, dass er eben erst angekommen sei, dass er eben erst mit höchster Bestürzung das Geschehene erfahren habe. Mit mehr Lebhaftigkeit, als er seinem Ausdrucke sonst zu geben pflegte, beklagte er es, dass er nicht im stand gewesen sei, dem Rufe der Gräfin zu folgen. Er beurteilte sie weit weniger streng, als in seiner letzten Unterredung mit dem Freiherrn, versicherte, dass er ihr gleich heute schreiben werde, und billigte es durchaus, dass Renatus in der Nähe der Herzogin geblieben sei. Dann liess er sich bei dieser anmelden und wurde von ihr trotz der späten Abendstunde angenommen.
Von dem Tage ab kehrte er regelmässig am Morgen und am Abende wieder, und der Arzt tat keinen Einspruch dagegen. Das Uebel der Kranken stellte sich als ein unheilbares heraus und machte raschen Fortschritt. Man gönnte ihr also jede Erquickung und Zerstreuung, deren sie begehrte. Der Abbé kam und ging. Er hatte es vor Niemandem Hehl, dass er an einer Aussöhnung der Herzogin mit ihrer Nichte arbeite; er hatte sogar verschiedene Zusammenkünfte mit dem alten Fürsten von Chimay, den er in das Interesse zu ziehen suchte. So lange man auf die Verbindung Eleonorens und des Prinzen Polydor gerechnet hatte, war es zwischen den Beteiligten als selbstverständlich angesehen worden, dass Eleonore die Erbin der Herzogin wurde und dass auf diesem Umwege der Prinz zu dem Besitze des Vermögens gelangte, welches die Herzogin ihm zuzuwenden wünschte. Jetzt wollte sie ihrer Nichte natürlich diese Vorteile entziehen, und der Fürst seinerseits wünschte sie zur Abfassung eines Testamentes zu Gunsten seines Sohnes zu veranlassen; aber wider sein Erwarten stiess er auf ein Widerstreben bei der Herzogin.
Ihr Beichtvater, welcher auf den Wunsch ihres alten Freundes mit ihr zuerst von dieser Angelegenheit gesprochen, hatte eben dadurch ihr Misstrauen erregt, und es hatte kaum einer Mühe für den Abbé bedurft, um die Herzogin zur Mitteilung ihrer Sorgen und Bedenken zu veranlassen. Sie nannte es eine unbegreifliche Härte, dass man von ihr mit der Erbeinsetzung des Prinzen Polydor ein Zugeständniss fordere, welches sie zu machen durch ihr ganzes Leben vorsichtig vermieden habe.
Da mir das los gefallen ist, mit meines Königs Ungnade belastet von der Welt zu scheiden, sagte sie, wäre es ein Verbrechen gegen mich selbst, wenn ich meine Hand in meinen letzten Stunden noch selbstmörderisch an meinen Ruf und an meine Ehre legen sollte! – Und der Abbé bestärkte sie in dieser Ansicht.
Er behauptete gegen den alten Fürsten wie gegen den Prinzen Polydor, in deren engstes Vertrauen er sich auf diese Weise plötzlich gezogen fand, dass man die Empfindungen der Sterbenden zu ehren und zu schonen habe, und als des Hin- und Herredens und des Verhandelns kein Ende werden wollte, tat er endlich einen Vorschlag, auf den Niemand zuvor verfallen war.
Er schilderte dem Prinzen die üble Lage, in welche die Gräfin sich versetzt hatte, spielte darauf an, dass in dem Wappen der Fürsten von Chimay sich ein gefesseltes Weib befinde, weil der erste Chimay seinen Adel durch eine an einer Jungfrau geübte grossmütige Tat errungen habe, und er riet dem Prinzen, dem Beispiele seines Ahnherrn Folge zu leisten.
Glück und Unglück haben verschiedene Massstäbe, erzeugen verschiedene Ansichten, sagte er. Was man in der Fülle des Glückes, in voller, freier Sicherheit zurückweist, das ersehnt man in der Stunde der Gefahr. Er behauptete zu wissen, dass nicht wirkliche Abneigung gegen den Prinzen, sondern nur die eigensinnige Auflehnung der Gräfin gegen das, was sie als eine List der Herzogin bezeichnete, den ganzen beklagenswerten Vorfall veranlasst habe. Er sprach den Glauben aus, dass