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ihrer verstorbenen Mutter, von dem Vorgange im schloss Zeuge gewesen war, hatte er sich selbst noch zu ihr begeben und ihr seine Dienste angeboten, falls sie irgend eines Rates oder Schutzes bedürftig sei. Er hatte sich bei der gelegenheit die Frage erlaubt, ob ihr Verlobter ihr bald nach England folgen werde, ob sie ihn später nach Deutschland zu begleiten gedenke, und gleich unfähig, sich der Unwahrheit anzuklagen, wie eine Aeusserung zu tun, die ein falsches Licht auf Renatus werfen konnte, hatte sie dem Gesandten ohne alle Erläuterung erklärt, dass von einer Verbindung zwischen ihr und dem Freiherrn nicht mehr die Rede sei. Das hatte ihre Lage noch verschlimmert, und nicht nur in den Sälen des Faubourg Saint Germain, sondern auch in den Kreisen, die dem hof nahe standen, boten die Ungnade, in welche die Herzogin von Duras gefallen war, und die Verweisung der bis dahin so gefeierten Gräfin Haughton in den nächsten Tagen und Wochen den Gegenstand der Unterhaltung, den Stoff für die abenteuerlichsten Vermutungen dar.

Renatus spielte in denselben bald diese, bald jene Rolle. Die Einen behaupteten, die Gräfin habe in Bezug auf ihn Entdeckungen gemacht, die ihm zur Unehre gereicht und sie bewogen hätten, ihre Verlobung mit ihm zu lösen; Andere wollten wissen, dass der Freiherr hinter einen Liebeshandel der Gräfin gekommen sei, dem er habe zum Deckmantel dienen sollen, und die Zahl derjenigen, welche diese Meinung aufrecht erhielten, wuchs mit jedem Tage. Man sprach davon, dass sie seit ihrer Kindheit einen Sohn ihrer Amme, dem man eine gewisse Erziehung gegeben hatte, zu ihrem Diener gehabt habe. Man erinnerte sich, dass derselbe ein schöner Mensch gewesen sei, dass die Gräfin ihn immer mit Auszeichnung behandelt und ihn auch jetzt wieder mit sich genommen habe, obschon eben in diesem Augenblicke ein älterer Diener eine passendere Begleitung für sie gewesen sein würde. Wenn gegen solche Gerüchte sich auch die stimme der Personen, die Eleonoren nahe gestanden hatten, mit Entschiedenheit und mit Entrüstung auflehnte, so gingen doch manche üble Andeutungen über sie durch die Presse in die Oeffentlichkeit über, und es waren, sonderbar genug, gerade die frömmsten Matronen, die vornehmen Frauen, welche denselben geistlichen Berater mit der Herzogin hatten, von denen jene böswilligen Gerüchte ihren Ausgang hatten und ihre Bestätigung erhielten.

Der Abbé von Montmerie ward bei diesem Anlasse nur in so fern genannt, als man sich wunderte, wie ein Mann von seiner Menschenkenntniss sich über den wahren Wert und über die Bedeutung eines jungen Frauenzimmers wie die Gräfin so völlig habe täuschen können. Als man des Ereignisses einmal zufällig selbst vor dem Erzbischof erwähnte, meinte derselbe, dass gerade der hohe und nur auf das Grosse gerichtete Sinn des Abbé's das Geringe am leichtesten habe übersehen können und dass eine so erhabene Seele wie die seinige am wenigsten dazu geneigt gewesen sei, das Unedle in Anderen vorauszusetzen. Er beklagte den Abbé wegen dieser übeln Erfahrung, freute sich, dass derselbe eben jetzt zufällig von Paris entfernt sei und dass es ihm also erspart werde, ein ohnmächtiger Zuschauer bei so schmerzlichen Ereignissen in dem ihm eng befreundeten haus zu werden, und als die Anwesenden dem Herrn Erzbischof in dem günstigen Urteile über den Abbé von Herzen beistimmten, als die Frauen sich sammt und sonders mit tugendhafter Entrüstung gegen Eleonore erhoben, forderte das milde Herz des Kirchenfürsten Nachsicht auch für die Verirrte. Er gab es zu bedenken, dass die Gräfin in einem unruhigen Reiseleben erzogen sei und dass ihr die Stütze gefehlt habe, welche jeder Mensch nur in dem Anlehnen an die Kirche und ihre ihn überwachende Gewalt mit Sicherheit zu finden vermöge. Das räumte man ihm willig ein. Einem Mädchen, das unter der Aufsicht frommer Nonnen im Kloster erzogen worden, einem Mädchen, dem der Rat und die Aufsicht eines gewissenhaften Beichtigers zur Seite gestanden, hätten solche Abenteuer nicht begegnen können. Man entschuldigte endlich Eleonore mit einem niederdrückenden Mitleid und man begann gleichzeitig, die Herzogin zu tadeln, die, nur auf weltliche Vorteile für sich und ihre Freunde bedacht, es verabsäumt hatte, ihre Nichte auf den Weg des Heils und in die arme der Kirche zu führen.

Renatus hatte von all diesen Gerüchten einen empfindlichen Rückschlag zu erleiden. Er sah sich von seinen Bekannten und Umgangsgenossen mit einer mehr oder weniger verhehlten Neugier betrachtet, die Näherstehenden wagten vorsichtige fragen, um, wie sie behaupteten, den an sie von allen Ecken und Enden gestellten Erkundigungen entsprechen zu können, und die Verwirrung seines Gemütes machte ihm die Nadelstiche, die ihm fortwährend zu teil werdenden kleinen Verletzungen und Kränkungen nur empfindlicher, ihn nur ungeduldiger in ihrer Abwehr. Alles, was sich bis dahin ganz von selbst für ihn zurecht gelegt, ihn ganz natürlich gedünkt hatte, wurde ihm nun plötzlich zu einem gegenstand, der reifliche Erwägung forderte. Es war zu bedenken, ob er in dem Palais der Herzogin bleiben könne, bleiben solle, zu bedenken, ob es geratener sei, Paris zu verlassen, die Gesellschaft zu meiden und dem Uebelwollen das Feld zu räumen, oder sich zu behaupten und zu versuchen, in wie weit es möglich sei, auch Eleonoren dabei nützlich zu werden. Und bei dem allem lag ihm die Besorgniss, dass man seine Ehre antaste, ohne dass er das Geringste tun könne, dies zu hindern, schwer auf der Seele.

Hier und da stiess er auf fragen, auf Andeutungen, die sein Blut zum Sieden brachten; mehrmals stand er auf dem Punkte, die vorsichtig Zudringlichen, wie es sich