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und trat an das Fenster. Den Kopf gegen die kalten Scheiben gepresst, liess er seinen schmerzlichen Gedanken freien Lauf. Er grollte sich, er grollte Hildegard, er grollte der Welt und dem Leben. So blieb er eine Weile stehen, bis Eleonore ihn beim Namen rief. Er blickte um sich, sie stand an seiner Seite, der Schein der untergehenden Sonne umfloss sie mit seinem matten Lichte. Sie sah sehr ermüdet, sehr verändert aus.

Wir haben eine schwere Stunde mit einander durchlebt, sagte sie, und deshalb werden wir einander nicht vergessen! Ich habe Sie um Vergebung zu bitten für mein Tun, ich hatte kein Recht, keinen Anspruch an Sie, es war ein Wahnsinn, der mich erfasst hatte, als ich über Sie verfügteund ich allein werde die übeln Folgen davon tragen! Wohl Ihnen, dass Sie gebunden sind, dass Sie Sich nicht verpflichtet glauben können, meine Vermessenheit mit dem Schilde Ihres Namens, Ihrer Ehre zu bedecken!

Eleonore, um Gottes willen schweigen Sie, demütigen Sie mich nicht! flehte er und die Tränen traten ihm in die Augen.

Nein, entgegnete sie, Sie sind, wenn auch erst in der letzten Stunde, wahr gegen mich gewesenich schulde Ihnen das Gleiche! Ich liebe Sie nicht, habe Sie nie geliebt und würde Sie nur geheiratet haben, um ....

Sie stand auf dem Punkte, ihm die volle Wahrheit zu bekennen, aber da sie dieselbe aussprechen wollte, hielten die Scham des Herzens und die Besorgniss, dass sie gegen die Absichten des Geliebten handeln, dass sie ihn benachteiligen könne, wenn sie ihr geheimnis dem Freiherrn verriete, sie davon zurück. – Ich hätte Sie nur geheiratet, sagte sie mit dem Anscheine der vollen Wahrheit, um einer mir verhassten Ehe zu entgehen! Das wäre kein Glück für Sie gewesen, sicherlich kein Glück!

Renatus biss die Lippen zusammen, die Qual schien kein Ende nehmen zu sollen.

Und was haben Sie zu tun beschlossen? fragte er endlich, da die Sonne herabsank und der frühe Abend anbrach.

Ich verlasse Paris noch diese Nachtich bin durch des Königs Wort dazu genötigt! Es lüstet mich auch nicht, vor dem hof alsals eine Lügnerin da zu stehen!

Ihre Züge zuckten bei den Worten wie in einem Krampfe, sie hatte Not, sich zu behaupten, sie konnte nicht gleich weiter sprechen.

Kann ich denn nichts, gar nichts für Sie sein, nichts für Sie tun? fragte Renatus.

Ja, gehen Sie zu dem Abbé, sagen Sie ihm, dass ich ihn zu sprechen wünsche, gleich jetzt zu sprechen wünsche!

Der Abbé ist verreist! wendete Renatus ein.

Nein, nein, unmöglich! rief Eleonore.

Renatus sagte, dass er selber in dem Collegium gewesen sei, selber dort den Bescheid von der Abwesenheit ihres gemeinsamen Freundes erhalten habe.

Eleonore schellte mit leidenschaftlicher Erregung. Ist kein Brief für mich gekommen? fragte sie den eintretenden Diener.

Eben jetzt hat man diesen hier gebracht, erhielt sie zur Antwort. Sie nahm das Schreiben von dem silbernen Teller, auf dem man es ihr überreichte, und eilte damit an das Fenster. Es war noch hell genug, die wenigen Zeilen lesen zu können.

"Eine Weisung meiner Vorgesetzten," lauteten sie, "zwingt mich, für einige Wochen die Hauptstadt zu verlassen. Sie kann mich möglicher Weise zu einer längeren Entfernung nötigen. Welche Entscheidung Sie auch treffen, teure Gräfin, denken Sie, dass meine sorglichsten Wünsche, meine Gebete für Ihre Erleuchtung und für Ihren Frieden Sie immer und überall begleiten."

Und er sagt mir nicht, wohin er geht! rief sie, während die lange zurückgehaltenen Tränen ihr über die Wangen rollten. Er sagt mir nicht, wohin er geht! wiederholte sie im Tone des bittersten Schmerzes, und ohne auf Renatus noch zu achten, verliess sie mit raschem Schritte das Gemach.

Vierzehntes Capitel

Vierundzwanzig Stunden nach dieser Unterredung waren die grossen äusseren Türen des herzoglichen Palastes, die gastlich offen standen, wenn die herrschaft anwesend war, geschlossen. Die Dienerschaft zog an den Fenstern, welche nach dem vorderen hof gelegen und zum teil in den oberen Stockwerken von der Strasse aus sichtbar waren, die Gardinen zu und liess die hölzernen Vorhänge herunter. In dem stillen, nach dem Garten hinaussehenden Schlafzimmer der Herzogin wachte man an dem Lager der Greisin, deren feste natur diesem Stosse sich doch nicht gewachsen gezeigt hatte. Der Arzt, den man herbeigerufen, als die Herzogin vom hof gekommen war, hatte ihren Anfall für einen Herzkrampf, ihren Zustand bei ihren hohen Jahren für sehr bedenklich erklärt. Es konnte von ihrer Abreise die Rede nicht sein, obschon sie darauf bestand, dem Könige auch in dem Befehle, den er ihr im Zorne gegeben hatte, pünktlich zu gehorsamen. Man musste also auf ihre Anordnung dem Palais wenigstens das Ansehen geben, als habe sie es verlassen, und selbst ihrem alten Freunde und dem Prinzen, die gekommen waren, nach ihr zu fragen, verweigerte man auf ihren ausdrücklichen Befehl den Zutritt zu ihr. Sie mochte sich in der Ungnade, die sie getroffen hatte, von Niemandem sehen, von Niemandem beklagen lassen. Sie versagte Anfangs sogar, Arzenei und Speise zu nehmen; man war übel mit ihr daran.

Eleonore war mit Tagesanbruch abgereist. Sie hatte noch an dem verwichenen Abende einen Pass für sich und ihre Bedienung gefordert, und da der englische Gesandte, ein Freund