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zu erklären wagte, rief er: Eleonore, Sie und mich habe ich betrogen und elend gemacht! Aber ich bin elender, als Siedenn ich verliere Sie, und Sie werden mich verachten!

Ihre arme sanken schlaff herab. Sie sind vermählt? sprach sie klanglos.

Er schüttelte verneinend das Haupt. Nein, nein! rief er, aber ich habe mich seit Jahren meiner Jugendgespielin, der Gräfin Rhoden, anverlobt!

Ihr blick blieb lange auf ihm haften, als wolle sie zu verstehen suchen, wie eben er sie habe täuschen können. Gebrochen, wie sie sich fühlte, fühlte auch Renatus sich. Sie schwiegen beide, bis Eleonore endlich fast tonlos die Frage hinwarf: Ich habe Sie seit zwei Jahren meinen Freund genanntwas bewog Sie, mir Ihre Verlobung zu verschweigen?

Es lag etwas Furchtbares in der Ruhe, mit welcher sie zu ihm redete. Er hörte es an ihrem Tone, er las es in ihren Mienen, dass sie mit ihrem ganzen Schicksal abgeschlossen habe, dass sie nur noch zu verstehen trachte, wie Alles eben so gekommen sei, und weil er sich ihre offenbare Verzweiflung nicht anders zu erklären wusste, drängte sich ihm der Glaube auf, Eleonore liebe ihn, um seinetwillen habe sie die Hand des Prinzen ausgeschlagen, und sein geständnis sei es, das sie also beuge. Das überwältigte ihn, und als zerrisse ein Schleier vor seinen Augen, als sähe er sich zum ersten Male im vollen Lichte der Wahrheit, so dass es ihn zwinge, auch völlig wahr gegen sich und Andere zu sein, flehte er: hören Sie mich, Eleonore! Sie sollen Alles wissenalles, alles, was ich mir selber nicht einzugestehen wagte. Ja, ich bin verlobtaber diese Verlobung war eine Uebereilung, war ein Irrtum, den ich oft bereute! Ich war kaum aus dem Vaterhause, kaum aus der Aufsicht meines Erziehers gekommen, ich kannte die Welt, mich selbst noch nicht! Je älter ich wurde, je länger ich von meiner Braut entfernt war, je mehr erblasste ihr Bild in meiner Erinnerung, und seit ich Sie sah, Eleonore, seit ich Sie kennen lernte .... Er brach plötzlich ab, überwand sich aber und sagte nach kurzem Schweigen: Meine Braut ahnte, fühlte, dass ich für sie erkaltet war, ihre Briefe peinigten mich, ich suchte sie zu vergessen, um nicht in dem Glücke gestört zu werden, das ich in Ihrer Nähe fand und das, wie ich meinte, nicht lange dauern konnte. Ihnen, der Selbstgewissen, hätte ich es am wenigsten gestehen mögen, dass ich leichtsinnig über mein Leben entschieden hatte! Ich schämte mich vor Ihnen meiner Unbesonnenheit, so oft ich Ihnen davon sprechen wollte, ja selbst wenn je zuweilen der Gedanke in mir rege wurde, jenes Band zu lösen und an Ihr Urteil mich zu wenden, ob ich es lösen dürfe, sagte ich mir, dass Sie den Mann nicht achten könnten, der erst von Ihnen sich sagen lassen müsse, ob er verpflichtet sei, das Wort zu halten, mit welchem er eines edlen Mädchens Leben an sich gekettet, mit dem er ihm seine Zukunft verpfändet habe!

Eleonore setzte sich nieder und stützte ihre Stirn gegen die zusammengeballte Hand. Renatus stand vor ihr und sah mit unbeschreiblichem Schmerze auf sie nieder. Da sie sich nicht regte, fing er noch einmal zu sprechen an. Er schilderte ihr, wie eine zufällige Unterhaltung, die er gestern mit dem Abbé gehabt und in welcher dieser das Glück der Ehe und der Häuslichkeit gepriesen, ihm das Herz erweicht, wie er seit langer Zeit zum ersten Male wirklich wieder mit Neigung an seine Braut gedacht, wie er ihr dies heute geschrieben, ihr die Empfindung eingestanden habe, die er für Eleonore gehegt, wie er seiner Verlobten eben heute zugesagt, seine Heimkehr nicht länger zu verzögern, seine Verheiratung mit ihr nicht weiter hinauszuschieben.

Mit Einem Male fiel Eleonore ihm in das Wort: Und der Abbé? fragte sie in höchster Spannungund der Abbé, wusste er, dass Sie gebunden sind?

Es wusste hier Niemand darum, und auch in meiner Heimat ist meine Verlobung nicht öffentlich ausgesprochen, denn ich war sie, ehe ich in's Feld zog, ohne dass mein Vater darum wusste, eingegangen!

Eleonore hatte nur die ersten Worte seiner Entgegnung beobachtet. Es war das einzige, was sie wissen musste, was für sie noch wichtig war. Als sie das vernommen hatte, versank sie wieder in ihr früheres Brüten. Die Stille konnte Renatus nicht ertragen.

Er trat an sie heran, ergriff ihre herabhängende Rechte und, vor ihr niederknieend, bat er: Sprechen Sie zu mir, Eleonore! Sagen Sie mir, was soll ich tun?

Müssen Sie mich das erst fragen? entgegnete sie ihm.

Er hatte keine andere Antwort von ihr erwartet; aber es gibt Lebenslagen, in denen man es leichter findet, sein Urteil von einem Andern, als von dem eigenen Bewusstsein sprechen zu lassen, und die seinige war eine solche. Es war vergebens, dass er sich sagte, wie ein geteiltes Herz, wie die Hand eines Mannes, die er einem weib widerstrebend reiche, dieses nicht glücklich machen könnten! Er hatte sein Wort verpfändet, er war ein Edelmann und hatte dieses Wort zu halten, was auch daraus für ihn selber werden und entstehen konnte! Es hatte kein Arten je sein Wort gebrochen!

Er erhob sich